Manchmal, gar tief in der Nacht, reißt es den US-amerikanischen Rapper Eminem aus dem Schlaf. Dann foltert ihn die Frage, welch grandiose Skandale er vielleicht hätte auslösen können, wenn Facebook, Twitter oder wenigstens flächendeckendes Internet schon zu seinen besten Zeiten verfügbar gewesen wären. Eminem entzündet in solchen Nächten eine Kerze, aber nicht in Gedenken an verloren gegangene Relevanz und Aufregungspotenziale. Er stapft in seine Schreibkammer, nimmt Platz und macht sich an die Arbeit.

Unerlässlich reiht er Reimwort an Reimwort. Unerbittlich notiert er, was sich an Vergewaltigungs-, Mord-, Hass- und Zerstückelungsfantasien aus den düstersten Ecken seines legendär verkorksten Innenlebens herausfördern lässt. Bei Tagesanbruch kleiden hochbezahlte Hilfssheriffs die Resultate der nächtlichen Zermarterungen in Musik. Kurz darauf erscheint ein neuer Skandalsong von Eminem – und wieder will die Welt einfach nicht darauf anspringen.

Jahrelang ging das so, bis die Welt doch noch einmal sprang. Anfang Oktober veröffentlichte Eminem The Storm, ein als Freestyle inszeniertes A-cappella-Stück, mit dem er die heiße Phase für sein neuntes Album Revival einläutete und zugleich eine Generalabrechnung mit den ersten zehn Monaten der Trump-Präsidentschaft anstrebte. Die atemlose Abfolge von Anschuldigungen, Verunglimpfungen und Abgrenzungen war nicht allzu originell, bescherte Eminem jedoch den ersten viralen Moment seiner Karriere. Mehr als 40 Millionen Mal wurde das zugehörige YouTube-Video bisher aufgerufen. Viele Menschen wollen seitdem nichts mehr mit dem Rapper zu tun haben.

Eminem hatte um Ärger gebeten. Kontrovers war The Storm nicht in der Positionierung gegen Trump, sondern weil der Künstler damit eine Kriegserklärung verknüpfte, die sich an die Trump-Wähler unter seinen eigenen Fans richtete. Eminem konnte sich das natürlich leisten, er hat mehr als 170 Millionen Platten verkauft. Ein Schuss ins eigene Knie tut aber auch einem Millionär weh – zumal Eminem jene Studien kennen dürfte, die seine Kernkundschaft in sonst eher Rap-skeptischen US-Bundesstaaten wie Kentucky und Missouri verorten. Dort also, wo sich die Landkarte rot färbte, als CNN am Wahlabend im November 2016 die Ergebnisse meldete.

Rapper für den frustrierten kleinen Mann

Es ist paradox: Kein Rapper war in den vergangenen 20 Jahren so einflussreich wie Eminem. Man hört Echos seiner Errungenschaften im Storytelling von Kendrick Lamar, im garstigen Humor von Vince Staples oder den Axtmörder-Entgleisungen von Tyler, The Creator. Die wichtigsten schwarzen Rapper der Gegenwart berufen sich auf den Mann, der vor 45 Jahren als Marshall Mathers in einem Vorort von Detroit geboren wurde – und doch steht Eminem vor allem für eine Verweißlichung des amerikanischen Hip-Hop-Markts. Keines seiner Alben erreichte den Straßenklassiker-Status, der sich für Lamars Reportagen aus Compton, Los Angeles von selbst versteht. Seine Konzerte um die Jahrtausendwende gehörten zu den ersten Rap-Shows mit überwiegend weißem Publikum.

Der britische Guardian kam deshalb mit einer steilen These um die Ecke: Das Blatt bezeichnete Eminem als ersten Künstler, der jenen wütenden weißen Jungs eine Stimme gab, die Jahre später zur wichtigsten Wählergruppe von Trump heranwachsen sollten. Die animierten Videos zu seinen Songs White America (2002) und Mosh (2004) inszenierte Eminem als Aufstände von unten und Mistgabelmärsche gegen das Weiße Haus. Was damals als Kritik an den Kriegen und Bürgerrechtsbeschneidungen der Bush-Administration gemeint war, nahm tatsächlich eine Rache-des-kleinen-Mannes-Symbolik vorweg, die inzwischen auch die Tea Party und die Alt-Right-Bewegung für sich beanspruchen.