Am Anfang der Zusammenarbeit mit Jack Antonoff steht immer eine Frage. "Was ist das Schlimmste, das dir jemals passiert ist?", will er von all seinen Kollaborateuren wissen. Während diese noch mit dem Kloß in ihrem Hals beschäftigt sind, sitzt der Musikproduzent aus New Jersey schon am Klavier, vertieft in die Vertonung ihres Unglücks. Weil Antonoff ein geschwätziger Typ ist, kommt außerdem seine eigene schlimmste Geschichte zur Sprache: Als Antonoff 18 war, starb seine Schwester an einem Gehirntumor. Dann weinen alle, und wenig später ist ein Hit fertig.

Niemand hat den eskapistischen Pop in diesem Jahr so geprägt wie Antonoff. Mit Lorde schrieb der 33-Jährige die Songs ihrer zweiten Platte Melodrama. Mit Taylor Swift stampfte er die ebenso streitbare wie erfolgreiche Stänker-Hymne Look What You Made Me Do aus dem Boden. Zur jüngsten Platte von P!nk steuerte er die Hitsingle Beautiful Trauma bei. Alle drei Künstlerinnen erreichten mit ihren Alben Platz eins der US-Charts. Weniger erfolgreich, aber gut für Antonoffs Ansehen war die Zusammenarbeit mit der Art-Pop-Autorin St. Vincent. Auf deren Masseduction ergänzte sich der flamboyante Stil des Produzenten gewinnbringend mit Songs, die nicht für die Dauerschleifen von Spotify und Co. gedacht waren.

Wäre Antonoff ein Maler, könnte man sagen: Er arbeitet mit vielen Farben und dicken Pinseln, und wenn er fertig ist, kippt er vorsichtshalber noch die Reste in den Töpfen über der Leinwand aus. Von ihm mitgeschriebene Songs erscheinen überfrachtet mit Synthieschichten, Klavier- und Schlagzeugklecksen, digitalen und tatsächlichen Chören sowie einem alles erdrückenden Fabrikhallennachhall – als wollten sie das ganze Soundspektrum der Achtzigerjahre in kleine Kompaktsinfonien quetschen. Erst bei näherer Beschäftigung offenbaren Antonoffs beste Momente eine überraschende Tiefenschärfe. Es steckt zwar viel drin im Lorde-Hit Green Light. Aber das gehört auch alles da rein.

Antonoff ist nicht bloß ein Lobbyist der Polyestersakkoindustrie. Allem Achtzigerjahre-Design zum Trotz steckt in den überkochenden Emotionen seiner Co-Kompositionen, in ihrem hohen Tempo und dem Übermaß an Informationen etwas sehr Modernes. Jeder Song ist eine Popgeschichtsplaylist für sich. Manchmal glaubt man sogar, dass die Retourkutschen für potenzielle Social-Media-Angriffe bereits im Quellcode der Lieder enthalten sind. Die erste Strophe eines Tracks beklaut Elton John? Schon bevor sich jemand darüber aufregen kann, guckt die zweite noch dreister, was es bei Phil Collins zu holen gibt.

Popsongs werden heute gebaut wie Hauptstadtflughäfen. Zahlreiche Songwriter und Produzenten reichen Angebote ein, aus denen ein Team von Managern, Beratern und Aufsehern den angestrebten Hit zusammensetzt. Die Bridge kommt von hüben, der Refrain von drüben – oft, ohne dass die Urheber der Einzelteile von den Beiträgen ihrer Kollegen und Konkurrenten wissen. Einmal arbeitete Antonoff in einer solchen Konstellation für Rihanna, aber das war nichts für ihn. Seitdem lädt er jeden potenziellen Partner zu sich nach Brooklyn ein. Im Wohnzimmerstudio tüftelt und fachsimpelt er sich mit seinen Gästen um den Verstand. Am liebsten ein ganzes Album lang.

Antonoff ist halb instrumentale Allzweckwaffe, halb Musiktherapeut, noch dazu billiger als die meisten shrinks in New York. Zur ungewöhnlichen Arbeitsweise kommt gutes Timing: Seine Erfolge fallen in eine Zeit, in der sich Pop-Produzenten einer bisher nicht gekannten Skepsis ausgesetzt sehen. Neben klassischen Fragen der Zuständigkeitsbereiche (Was macht Rick Rubin eigentlich im Studio von Jay-Z, außer, das 50.000-Dollar-Sofa durchzuliegen?) werden immer häufiger auch Fragen laut über Machtverhältnisse, Wertschätzung und Geschlechtergleichheit. Welchen Einfluss haben heutige weibliche Popstars auf ihr eigenes Werk? Und welche Fäden halten ihre meist männlichen Produzenten in der Hand?

Manchmal geht es um mehr als korrekte Credits

Die Sängerin Lorde und Jack Antonoff im September während eines Auftritts in Las Vegas © Kevin Winter/Getty Images

Musikerinnen wie Grimes und Björk haben diese Diskussion schon im Jahr 2015 angefacht. Beide veröffentlichten damals neue Alben und pochten auf die Urheberschaft ihrer Songs. Sie zogen klare Linien zwischen eigenen Ideen und dem Einfluss ihrer Kollaborateure und verwehrten sich gegen wohlmeinende Produktionsangebote von männlichen Kollegen. Die Botschaft kam an: Kein Musikjournalist traut sich heute noch zu schreiben, der venezolanische Geräuscheerfinder Arca hätte die neue Platte von Björk produziert.

Manchmal geht es jedoch um mehr als korrekte Credits, das zeigt der Fall der Sängerin und Songwriterin Kesha Sebert und ihres langjährigen Produzenten Łukas "Dr. Luke" Gottwald. Letzterer gehört seit 15 Jahren zu den erfolgreichsten Männern im Geschäft: Zwischen Britney Spears, Katy Perry und Miley Cyrus findet sich kaum eine bedeutende Popkünstlerin, mit der er nicht kollaborierte. Sebert wirft ihm vor, sie im Laufe ihrer Zusammenarbeit vergewaltigt und misshandelt zu haben. Vergeblich klagte sie auf die Entlassung aus ihrem Vertrag mit Gottwald. Zahlreiche Musikerinnen berichteten daraufhin von ähnlichen Erfahrungen mit diesem und anderen Produzenten.

Arbeit für die Elite, die nicht mehr kämpfen muss

Das unmündige Popsternchen und der geniale Hintermann: eine Konstellation, die es vor 50 Jahren schon Phil Spector erlaubte, unter Anwendung fragwürdiger Methoden große Charterfolge aus seinen Girlgroups herauszuekeln. Im Mainstream-Pop existiert dieses Modell bis heute – selbst Jack Antonoff, der sich von den Herangehensweisen Dr. Lukes und anderer professioneller Hit-Hersteller distanziert, kommt meistens dann zum Zug, wenn sich Künstlerinnen auf der Suche nach einer charakterstarken Neuausrichtung befinden. Spricht er über die Vorzüge der Zusammenarbeit mit Frauen (mehr Offenheit, weniger Ego), kippen seine Aussagen mitunter ins Stereotype und Gönnerhafte.

Dabei will Antonoff gar nicht zum Club der Strippenzieher und Kontrollfreaks gehören. Er versteht sich als Musiknerd, der einfach ein paar Songs mit seinen Nerdfreundinnen schreibt. Das mag Kalkül sein oder wenigstens Koketterie. In einer zunehmend politisierten und streitlustigen US-Poplandschaft ist es aber auch klug. Antonoff weiß, dass er einer weißen Elite zuarbeitet, die nicht mehr um ihren Platz in dieser Landschaft kämpfen muss. Keines der Projekte, an denen er 2017 beteiligt war, drehte sich um jene Fragen zu Identität, Sex und Selbstbestimmung, mit denen etwa Kelela, Fever Ray oder SZA die Diskurse des Popjahres prägten. 

Deshalb war Antonoff im Jahr 2017 auch damit beschäftigt, den Geniekult um seine Person möglichst klein zu halten. Er gab viele selbstironische Interviews und veröffentlichte das zweite Album seines Soloprojekts Bleachers. Wie ein Sitcom-Schauspieler, der zwischen zwei Lachbandstaffeln bedeutungsvolle Filme über das Leben dreht, schöpfte er auf Gone Now aus dem Vollen seiner traumatischen Kindheitserinnerungen – und verwandelte sie in himmelschreiend zuversichtlichen Maximalpop. Das Album fand kaum Beachtung, enthielt jedoch die erfrischendste aller Erkenntnisse über den Superproduzenten Jack Antonoff: Es sind nicht seine berühmten Freundinnen, die auf ihn angewiesen sind. Es ist genau andersherum.