© RCA/Sony

Miguel: War & Leisure (RCA/Sony)

Kurz vor Ende des Jahres scheinen der US-amerikanische Hip-Hop und R 'n' B doch noch aus der sonderbaren politischen Lähmung zu erwachen, die sie nach dem Wahlsieg von Donald Trump ergriffen hatte. Nicht nur Pharrell Williams und N.E.R.D rufen auf ihrem neuen Album No_One Ever Really Dies zum Widerstand gegen den aufflammenden Rassismus und den scheinbaren Triumph der weißen Suprematisten auf. Auch der kalifornische R-'n'-B-Sänger Miguel Jontel Pimentel, der wegen seines ucka-tschuck-stoßatmenden Hechelfalsetts und seiner Mischung aus knarzendem Funk und sämigen Gitarrensoli auch schon mal als Erbe der Prince'schen Penispsychedelik gehandelt wurde, widmet sich auf seinem neuen und nunmehr vierten Langspielwerk War & Leisure Fragen der aktuellen Politik und des Widerstands dagegen. Im Video zu dem neuen Stück Told You So sieht man ihn in einer Wüstenlandschaft einen kompetenten Moonwalk aufführen, während vor ihm Atomraketen in den Abendhimmel aufsteigen; ergänzend zeigen grobkörnige Bilder aus Nachrichtensendungen Kriegshandlungen und Anti-Trump-Proteste.

Wie bei N.E.R.D sind auch bei Miguel viele Gäste zu hören, etwa der texanische Hip-Hop-Witzbold Travis Scott oder die kolumbianisch-amerikanische Soulsängerin Kali Uchis in dem flott auf Spanisch dahingegockelten Ich-krieg-dich-schon-noch-rum-Stück Caramelo Duro. Doch wirkt War & Leisure konzeptuell interessierter und innerlich schlüssiger als No_One Ever Really Dies. Wie Vexierbilder blenden die Songs politisches Unbehagen und apokalyptische Ängste mit erotischen Fantasien zusammen; vielleicht könnte man sagen: Auch im Angesicht des Äußersten und im Zustand der schlimmsten Verzweiflung verliert Miguel nicht die belebende Kraft seiner unbeirrbaren Geilheit beziehungsweise die Überzeugung, dass man mit Liebe und Sex noch die dunkelsten Zeiten durchzustehen vermag.



© PAN

M.E.S.H.: Hesaitix (PAN)

Wie sich die Welt dann dereinst nach der Verheerung anhören mag, davon kann man auf Hesaitix einen Eindruck gewinnen, dem zweiten Album des in Berlin lebenden US-amerikanischen Produzenten James Whipple alias M.E.S.H. Seine Karriere hat Whipple vor ein paar Jahren als DJ im Janus-Kollektiv mit futuristisch kalten Techno-Sets begonnen. Als Produzent versah er schon auf seinem Albumdebüt Piteous Gate aus dem Jahr 2015 die roboterhaft-maschinellen Sounds mit sonderbar flirrenden und zitternden Aureolen: So versöhnte er das Technische mit dem Organischen, doch das Organische wirkte dabei nicht, als sei es von dieser Welt. Diese prägnante Klangsprache hat er auf Hesaitix noch weiter ins extraterrestrisch Fremde verschoben, man wähnt sich auf Expedition auf einem unbekannten Planeten, wo man auf Lebensformen stößt, die man nicht versteht und an denen man nicht einmal sofort zu erkennen vermag, worin die Qualität ihrer Lebendigkeit liegt. Das Tolle ist aber – und das Utopische auch –, dass man mit M.E.S.H. selbst auf den fernsten Gestirnen am Ende des Kosmos immer noch irgendwen findet, der sich gern rhythmisch bewegt. Für den Paartanz mit unverständlichen Lebensformen gibt es keine schönere Musik als diese.



© MCI/Sony

Boney M.: Worldmusic for Christmas (MCI/Sony)

Und weil wir uns jetzt ja dem Weihnachtsfest nähern, erst mal etwas Besinnliches und Friedensstiftendes: Nach 30 Jahren hat das hervorragende Reggae- und Disco-Ensemble Boney M. endlich wieder ein Weihnachtsalbum aufgenommen! Das heißt, der Boney-M.-Produzent Frank Farian und eine der drei Sängerinnen des Siebzigerjahre-Originals, Liz Mitchell, haben sich mit einem Gospelchor und einem Orchester zusammengetan, um zum Beispiel Ave Maria von Franz Schubert als Reggae neu zu interpretieren oder aber auf die Spanische Romanze irgendwas mit Bergen und Schnee zu singen. Besonders gut hat mir Happy Birthday Jesus gefallen, worin dem Jubilar selber, an den man an Weihnachten heute ja viel zu selten denkt, einfach mal ein Ständchen gesungen wird; das alte Boney-M.-Großwerk Brown Girl in the Ring wird mit Steeldrums und vocoderverfremdetem Weihnachtsmann in Now It’s Chistmas Time transformiert; und am Ende gibt es zwei jeweils knapp über fünf Minuten dauernde Christmas Medley mit allen bekannten Songs im Schnelldurchlauf für die besonders kurze Bescherung. Auch zum Paartanz mit unverständlichen Lebensformen dürften sich diese Songs hervorragend eignen.



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Tarja: From Spirits and Ghosts (Score for a Dark Christmas) (Earmusic/Edel)

Zum Abschluss noch ein Blick auf die dunklen Seiten dieser Veranstaltung: Denn nicht alles an diesem Ereignis geht bekanntlich in gemütlicher Stimmung und Lichterglanz auf, gerade bei den weihnachtshalber anberaumten Familienzusammenkünften pflegen verlässlich Konflikte, Psychosen und unabgegoltene Traumata aufzubrechen. Und mit dem Weihnachtsmann und seinem Knecht Ruprecht gehört nicht umsonst ein stilprägendes sadomasochistisches Fetischpaar zur beliebten Mythologie. Den passenden Soundtrack zum "Dark Christmas" hat sich die finnische Metal-Sopranistin Tarja Turunen ausgedacht, die Ende der Neunzigerjahre als Sängerin von Nightwish bekannt wurde. Traditionelles Metalgegrunze und -geboller wurde von dieser Band mit Keyboardflächen und großorchestralem Klangschmalz angedickt sowie mit Turunens weit ausholendem Ariengesang: Für das Genre des sogenannten Symphonic Metal wurde diese Kombination prägend. 

Seit 2005 ist Turunen als Solokünstlerin tätig und hat von Andrew-Lloyd-Webber-Musicals bis zu Duetten mit dem Scorpions-Sänger Klaus Meine alles weggeschmettert, was an Angeboten pathetischer Musik auf dem Markt war. Auf From Spirits and Ghosts (Score for a Dark Christmas) pflegt sie nun freilich eher ein dunkel glimmendes Säuseln zu dramatischem Gepauke und noch dramatischeren Streichereinsätzen. Ihre Version von O Tannenbaum klingt, als ob sie beim Singen von den Dunklen Reitern aus Der Herr der Ringe durch die Nacht gehetzt würde; bei Have Yourself A Merry Little Christmas wirkt sie dementsprechend so abgekämpft und deprimiert, dass sie das Lied nur noch mit ermattendem Geist unter einem Baum mit längst schon verglommenen Kerzen auszuhauchen scheint. Aber wer kennt es von uns an Weihnachten nicht, dieses Gefühl der existenziellen Erschöpfung? In diesem Sinne, liebe Leser: Halten Sie durch. Und frohes Fest.