Die Unendlichkeit heißt das neue, nunmehr zwölfte Album von Tocotronic. Auf dem Cover funkelt ein Sternenhimmel, daran sieht man schon, dass dieses Werk von den ersten und letzten Dingen handelt. Es erzählt vom Geborenwerden, Leben und Älterwerden, vom Vergehen der Zeit und von der Erinnerung an die zurückliegenden Jahre. Es kreist um das Werden und die Veränderung und auch um den Tod. Es beschäftigt sich mit der Frage, was war und was bleibt, doch es tut dies zugleich in einer sprachlichen Weise, die unmittelbar, einfach und unverstellt wirkt: Alle Songs sind aus biografischen Skizzen des Sängers Dirk von Lowtzow entstanden.

Besonders dieser Umstand hat schon vor dem Erscheinen des Werks an diesem Freitag Aufmerksamkeit und allgemeines Erstaunen erregt: Hat sich die Band, deren Songs in den vergangenen Jahren gedanklich und rhetorisch immer komplexer, immer anspielungsreicher und vielschichtiger geworden waren, aus dem von ihr selbst miterschaffenen Genre des Diskurspop verabschiedet, um fürderhin diskursfreien Pop in einfacher Sprache zu pflegen? Und wenn ja, lässt sich diese Kehre als Ausdruck eines gewandelten Zeitgeists interpretieren, der neuerdings alles, was zweifelnd, sinnierend und reflektierend erscheint, als lebens- und weltfremd verdächtigt?

Das kann man sich einerseits alles fragen, andererseits ist es keine neue Entwicklung. Schon das Tocotronic'sche Frühwerk war ganz vom Prägnanten und Schlichten bestimmt, nicht nur in der Konzentration der Musiker auf – sagen wir einmal – elementare Möglichkeiten des Instrumentengebrauchs. Die jungen Tocotronic waren so toll und wirkmächtig, wie sie es waren, ja gerade wegen ihres Talents zur unmittelbaren Ansprache des Publikums durch prägnante Parolen: "Ich weiß nicht, warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt"; "Wir kommen, um uns zu beschweren"; "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein". Für jeden in den späten Neunzigerjahren heranwachsenden oder das Erwachsenwerden hinauszögernden Menschen hatten sie elegante Merksätze parat, in denen sich die generelle Unzufriedenheit mit dem Gesamtzustand der Dinge gleichermaßen ernsthaft-pathetisch wie ironisch gebrochen manifestierte, oder anders gesagt, in denen sich das eigene Leben spiegelte.

Vielleicht kann man das Tocotronic'sche Schaffen seit der Bandgründung 1993, in seinem ersten Vierteljahrhundert mithin in drei Werkphasen gliedern: in den Sturm und Drang, die klassische und die romantische Phase. Zeichnet sich die Sturm-und-Drang-Phase durch die Verbindung von identifikatorischen Parolen und schlichtem Gitarrengeschraddel aus, verfeinern sich in der Tocotronic'schen Klassik vom "weißen Album" aus dem Jahr 2002 bis zu Kapitulation von 2007 die musikalischen und sprachlichen Mittel allmählich; doch auch hier finden sich noch einprägsame Sätze und identifikatorische Imperative zuhauf: "Aber hier leben, nein danke", "Mach es nicht selbst" und "Sag alles ab". Wenigstens Letzteres schwört sich der Verfasser dieses Textes jeden Morgen aufs Neue.

Erst in der romantischen Phase, die mit dem Album Schall und Wahn aus dem Jahr 2010 beginnt, beginnt der Eindruck einer musikalischen und rhetorischen Hyperverfeinerung das Bild zu beherrschen. Das sehen die Musiker rückblickend auch selbst so: "Nach dem vorletzten Album Wie wir leben wollen", sagt etwa der Bassist Jan Müller im Gespräch, "hatte ich doch das Gefühl, dass wir in einen Turm der Abstraktion gestiegen waren, aus dem wir nicht mehr herauskamen. Ein Elfenbeinturm mit vielen kleinen Kämmerchen." Und Dirk von Lowtzow ergänzt: "Es ging uns darum, dass wir uns öffnen" – nicht umsonst habe eines der zentralen Stücke auf dem letzten, dem "roten Album" aus dem Jahr 2015 den Titel Ich öffne mich getragen. "Wir wollten uns nicht auf Dauer im Genre des Intellektuellen- oder Diskurspop einrichten", sagt Lowtzow, darum habe er nach dem "roten Album" viel über die bereits auf diesem enthaltenen biografischen Stücke wie Jungfernfahrt oder Date mit Dirk nachgedacht und in dieser Richtung weitergearbeitet: "Weil das Autobiografische einen Dialograum erschafft. Wenn die Songs universell genug sind, dann gibt es sofort etwas, worauf die anderen reagieren können: Ach, das kenn ich; ja, so ist es mir auch schon einmal gegangen …"

Eintritt in die postromantische Phase

So erzählt er nun etwa in Tapfer und grausam von frühen Kindheitserinnerungen, von einem sensiblen Knaben, den die Schroffheit der ihn umgebenden Welt in die Einsamkeit treibt. In Hey du tritt er als aufbegehrender Teenager auf, der die verächtlichen Blicke seiner Altersgenossen mit jungmaskuliner Entschiedenheit abwehrt. In Electric Guitar entdeckt er die Wonnen des Teenage Riot im Vorort-Reihenhaus. In 1993 ist er als junger Erwachsener der Enge der Kleinstadt entflohen und beginnt seine Lehr- und Wanderjahre in einer großen, aufregenden Metropole. In Unwiederbringlich und Bis uns das Licht vertreibt singt er von der Trauer um einen geliebten Menschen und vom Glück mit einem Menschen, der die eigene Liebe erwidert. 

So könnte man Die Unendlichkeit als erstes Werk der postromantischen Phase von Tocotronic betrachten. Oder, wie Dirk von Lowtzow es selbst nennt, als popmusikalische Variante jenes "autofiktionalen" Erzählens, das von Autoren wie Karl-Ove Knausgård in den vergangenen Jahren zum populärsten Genre der Gegenwartsliteratur emporgehievt wurde. Wobei man diese Absage ans rein Fiktionale und die Hinwendung zum subjektiven Erleben freilich nicht nur als Öffnung betrachten kann. Die Selbstvergewisserung, nach der sie strebt, sucht ja auch nach dem Einverständnis eines Publikums, dem es eben auch schon einmal so gegangen ist oder das sich in den hier entworfenen Selbstbildern gern erkennt.

Abschied von der Gitarre

Wem es nicht so ging, der steht außen vor: So findet sich im Autofiktionalen auch stets ein Moment des Ausschlusses. Darin spiegelt sich wiederum die – neben dem identifikatorischen Parolenpop – zweite Seite des Tocotronic'schen Frühwerks: das hyperverfeinerte Dandytum, das mit halb ironisch übertriebenem Degout auf die unerträgliche Umwelt blickt, verkörpert in Zeitgenossen wie "Fahrradfahrern" oder den Freunden des "Tanztheaters". Bloß erscheint dieser Dandy-Degout heute eben nicht mehr im rundum ungeschützten Modus des gerade erblühenden, juvenilen Weltekels und Größenwahns, sondern nunmehr im milden Rückblick des gereiften Erwachsenen auf die eigene Jugend.

Aber allein deswegen zeigt sich im Wechsel zur postromantischen Autofiktion noch kein genereller Wandel zur Schlichtheit. Diese vermeintliche Komplexitätsreduktion wird von einer gesteigerten Verkomplizierung der musikalischen Mittel begleitet. Jeder biografischen Phase sind auf dem Unendlichkeit-Album ein eigenes Klangbild und ein musikalischer Gedächtnisraum zugeordnet. Hey Du ist ein drauflosgedroschener Indierock-Feger, wie er sich auch auf einer frühen Tocotronic-Platte wie Digital ist besser befinden könnte. Electric Guitar erinnert nicht nur im Titel an Prefab Sprout; es gibt Reminiszenzen an Hüsker Dü, Roxy Music und die Carmina Burana. In ihrer lyrisch-musikalischen Gesamtgestalt handeln die neuen Songs nicht nur von biografischen Erinnerungen, sondern zudem von der Popmusik als Erinnerungsträger. Deswegen, sagt Dirk von Lowtzow, beginnt Die Unendlichkeit auch mit einem Dub-Stück: Weil Dub mit seinen prägenden Hall- und Echo-Effekten die Motive der vergehenden und wiederkehrenden Zeit und der Erinnerung schon ganz von allein aufrufe, "und dieser Sound hat natürlich auch etwas Transzendentales".

Von der Rhythmusgitarre, die in der längsten Zeit des Tocotronic'schen Werks dessen leitendes Instrument gewesen ist, hat die Band sich dagegen so weit wie möglich verabschiedet. Zwar wurden die ersten Skizzen der Songs wieder darauf komponiert. Im weiteren Verlauf der Produktion, sagt Dirk von Lowtzow, sei es dann aber vor allem darum gegangen, "alles Singer-Songwriter-hafte zu eliminieren". Stattdessen hört man nun Farfisa- und Hammond-Orgeln, Orff'sche Hölzer und ein Mellotron; als Gastmusiker ist Friedrich Paravicini an einem Ondes Martenot zu hören, einem Theremin-ähnlichen elektroakustischen Tasteninstrument, dessen ätherisch schwingende und singende Klänge vor allem aus den kirchenmusikalischen Werken des Komponisten Olivier Messiaen bekannt sind.

Ernsthaft, ein Gitarrensolo?

So spiegelt sich die neue Einfachheit der Texte in einer gewissermaßen elliptischen Kompositionsweise. Wobei die Eliminierung der Rhythmusgitarre nicht nur zu einer weiteren Verfeinerung führt – sondern zugleich zu einer neuen Feier musikalischer Grobheit; denn in die Lücken in den Arrangements stößt der zweite Gitarrist Rick McPhail mit wüsten Feedbacks und ausufernden Soli, zum Beispiel in der ersten Single-Auskopplung Hey Du. Doch kann man auch dies, wie die einfache Sprache, als Rückkehr zum Frühwerk bewerten: Schon damals waren, ganz gegen den Trend im seinerzeitigen deutschsprachigen Indierock, zahlreiche Soli zu hören, etwa in dem Stück So jung kommen wir nicht mehr zusammen aus dem Jahr 1996: "Da gibt es ein achtminütiges Gitarrensolo am Ende", sagt Jan Müller: "Das haben wir als politisches Statement betrachtet und deswegen sogar Anzeigen zu dem Album geschaltet, auf denen stand: Jetzt neu! Mit Gitarrensolo!"

Jetzt neu! Alles wie früher! So ließe sich also die Bewegung beschreiben, die sich auf der Reise durch die zwölf neuen Lieder von Tocotronic vollzieht. Mit der neuen Einfachheit ist es jedenfalls mitnichten so einfach, wie es zunächst scheint. Der Versuch, so unmittelbar zu werden wie noch nie, hat Tocotronic zur kompliziertesten und konzeptuell anspruchsvollsten Produktion ihrer Geschichte geführt. Weil sie die Gitarre als Leitinstrument aus den Arrangements streichen wollten, ist die Gitarre so dominant wie schon lange nicht mehr; durch den Wunsch, so individuell, biografisch, offen und anschlussfähig wie möglich zu sein, ist die Musik so anspielungsreich und vielschichtig geworden, wie man es sich nur vorstellen kann.

In Die Unendlichkeit kehren Tocotronic zur einprägsamen Unmittelbarkeit ihres Frühwerks also nicht bloß zurück, sondern führen dessen Ästhetik zugleich auf einer höheren, reflektierteren Ebene fort. Alle Phasen ihres musikalischen Schaffens sind auf diesem Album in dialektischer Art aufgehoben im dreifachen Sinn des Begriffs, wie ihn G. W. F. Hegel in seiner Objektiven Logik erläutert: verneint, aufbewahrt und emporgehoben.