Tune-Yards – I Can Feel You Creep Into My Private Life © 4AD/Beggars/Indigo

Tune-Yards – I Can Feel You Creep Into My Private Life (4AD/Beggars/Indigo)

2017 – das absolute Verliererjahr. Jeden Tag ein neuer Skandal, ein neuer Armutsbericht, ein neuer Idiotenerfolg. Und jetzt auch noch die ganzen Platten, die unter dem Eindruck von 2017 entstanden sind. Merrill Garbus marschiert vorweg: Mit dem vierten Album ihres Projekts Tune-Yards versucht sich die Sängerin und Multiinstrumentalistin aus Oakland an einer Enzyklopädie des Entsetzlichen. Es geht um kritische Auseinandersetzungen mit der eigenen Hautfarbe und den eigenen Privilegien, um ihr zwiespältiges Verhältnis zur weißen Aneignung schwarzer Musiktraditionen und die Machtkonstellationen, ohne die es solche Überlegungen gar nicht gäbe. Das Leben bleibt hart im Jahr eins nach dem Verliererjahr.

Ihr Album I Can Feel You Creep Into My Private Life ist wissbegierig und belehrungsdurstig. Es hinterfragt, hakt nach, problematisiert – und führt damit bisweilen ins Paradoxe. So gibt es etwa den Song Private Life, in dem Garbus mit kraftstrotzender, zum Chor verdichteter Stimme darüber singt, ihre überrepräsentierte weiße Intellektuellenstimme aus den gesellschaftlichen und politischen Debatten der Gegenwart herauslöschen zu wollen. Mehr Gehör für die Minderheiten: Das ist ein Standpunkt, den Tune-Yards sehr laut und wortreich vertreten.

Zum Glück tun sie das mit einer Platte, die vor allem flotte Popsongs enthält. I Can Feel You Creep Into My Private Life erweitert die immer schon bunte Tune-Yards-Palette um Hip-Hop-Beats alter Prägung und Tanzmusik für die Eventcrowd Ihres Vertrauens. Kunstfertig, aber nicht angeberisch verbinden Garbus und ihr Kollaborateur Nate Brenner diese neuen Errungenschaften mit Soulgesang, Jodeldiplom, westafrikanischen Rhythmen und haitianischer Prozessionsmusik. Anstrengend ist dieses Album, weil es ganz offen zu seiner Ratlosigkeit und Überforderung steht. Schlau ist es, weil es letztlich erkennt: Keine EDM ist auch keine Lösung.



Camila Cabello ­– Camila © Epic/Sony

Camila Cabello ­– Camila (Epic/Sony)

Obwohl es sich manchmal so anfühlte: Nicht alle Radiomoderatoren und Großraumdisco-DJs sind im vergangenen Jahr dazu übergegangen, Despacito in Endlosschleife zu spielen. Ein paar Abtrünnige streuten gelegentlich auch Havana ein. Der Durchbruchsong der kubanisch-amerikanischen Songwriterin und Sängerin Camila Cabello erreichte Platz eins der Charts in 16 Ländern, er steht kurz vor 500 Millionen YouTube-Streams und dürfte den Tanzschulen der Welt rekordverdächtige Geschäftsjahre beschert haben. Salsa ist das neue Netflix: Endlich tanzen die frustrierten Pärchen wieder miteinander, von London über Ljubljana bis Landshut-Frauenberg.

Auf den Hit folgt ein souveränes Debütalbum. Mit Camila befreit sich Cabello von ihrer konfliktreichen Vergangenheit als Mitglied der Castingshow-Gewinnerinnen Fifth Harmony, aber auch vom Stempel der kubanischen Kitschfolklore, den sie sich mit Havana selbst aufgedrückt hatte. Stattdessen erklingt Zeitgeist-R-'n'-B, co-produziert mit Pharrell Williams und anderen Genre-Verwaltern, erweitert um Latin-Gitarren und Dubstep für Samthandschuhträger. Die Welt liegt dieser Frau zu Füßen, und Cabello weiß auch, warum: Gleich im ersten Song erklärt sie, ihre Liebe wirke wie Nikotin, Heroin und Morphium gleichzeitig. Da sollte doch für jeden etwas dabei sein.



Xul Zolar – Fear Talk © Asmara/Rough Trade

Xul Zolar – Fear Talk (Asmara/Rough Trade)

Kennen Sie Jai Paul? Nein, kennen Sie nicht. Niemand kennt Jai Paul. Vor sieben Jahren veröffentlichte der Londoner R-'n'-B-Songwriter und -Sänger eine Single, ein Jahr später noch eine zweite. Dann verirrte sich im April 2013 eine Sammlung unfertiger Songs ins Internet, angeblich von einem gestohlenen Laptop. In einem kurzen Statement bat Paul darum, diese Stücke zu ignorieren. Weitere Interviews gab er nicht, weitere Musik hat er in den vergangenen fünf Jahren auch nicht veröffentlicht. Wieso also gehört dieser Mann zu den einflussreichsten Popmusikern der Gegenwart?

Weil es Bands wie Xul Zolar gibt. Das Quartett aus Köln beruft sich zwar auch auf Phil Collins und impressionistische Malerei. Mit seinem Debütalbum Fear Talk steht es jedoch vor allem in der reichen Tradition von Jai Pauls verbogenem und beschädigtem R 'n' B. Gitarre und Gesang nehmen die merkwürdigsten Formen an. Rhythmik und Percussion denken auch mal bis zur übernächsten Ecke. Die Stimmung ist nicht direkt erotisch aufgeladen, deutet aber an, dass man doch irgendwann, vielleicht, in nicht allzu ferner Zukunft, auch mal wieder Sex haben könnte. Sagen wir: sinnliche Popmusik. Betonen wir: nicht nur für Kölner Verhältnisse.



Cupcakke – Ephorize © Cupcakke

Cupcakke – Ephorize (Eigenveröffentlichung)

Abschließend ein Report vom Gipfel der Geschmacklosigkeit: Dort thront Elizabeth Harris aus Chicago und veröffentlicht unter dem Künstlernamen Cupcakke die versautesten Songs, die Rap gerade zu bieten hat. Ihre Musik ist eine Sinfonie des Schmuddelkrams, ein Picasso-Gemälde des Pussy-Humors, der definitive Duden für alle Fragen, die man sich niemals zu Achselhöhlen, Papiertüchern und Kuchenteig stellen wollte. Kinder haben die Lochis. Für Erwachsene gibt's Ephorize.

Cupcakke folgt damit der Erblinie solcher Rap-Schlingel wie 2 Live Crew, Lil' Kim und Danny Brown. Doch damit nicht genug: Auf ihrem dritten Album erforscht die Künstlerin politische Aspekte ihrer Sexpositivität, schlägt sich in der Jeder-mit-jedem-Hymne Crayons auf die Seite der LGBTQ-Community und sinniert in einem ruhigen Moment darüber, was nach den versauten Witzen kommen wird. Antworten darauf könnte das nächste Album dieser Ausnahmerapperin geben. Wenn nicht vorher irgendein Sittenwächter das Internet abstellt.