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Vance Joy: Nation Of Two (Atlantic / Warner)

Dort, wo überschaubare Träume und genügsames Hoffen im selben Bett schlafen, wo gefahrenlose Zweisamkeit als höchstes aller Gefühle gilt und das Glück des Menschen in eine Schachtel Merci-Pralinen passt – dort regiert Vance Joy als König der kleinen Herzen.

Vor gut drei Jahren veröffentlichte der Erfolgs-Folkie aus Melbourne ein Album voller gefühlsechter Lieb-mich-doch-auch-Lieder. Das gefühlsechteste dieser Lieder hieß Riptide und hielt sich länger in den australischen Charts als je ein Song zuvor. Weil aber auch das übelste Unkraut irgendwann vergeht, ist Joy nun gekommen, um nachzulegen.

Mit Nation Of Two stockt er auf: Das Folkpicking klingt behänder, die Chöre singen inbrünstiger, das Göttliche-Interventions-Schlagzeug donnert entschiedener dazwischen. Um dem Mumford-&-Kinderlos-Sound der Platte auch optisch zu entsprechen, ersetzt Joy seine Dreitagestoppeln durch einen beinahe vollwertigen Fünftageflaum. Zwei, drei Songs lang wogt man dazu ergriffen im Wind. Dann schläft man ein und wacht erst wieder auf, wenn ein Stück namens Bonnie & Clyde erklingt, um dem Mythos des Outlaw-Pärchens das letzte Schockpotenzial auszutreiben. Schließlich weiß jedes Kind: Es sind Typen wie Vance Joy, die als Erste zum Wachtmeister rennen, wenn irgendwo jemand aus der Reihe tanzt.



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Fishbach: A Ta Merci (Columbia / Sony)

Ginge es nach den Strippenziehern im Berliner Popbetrieb, wäre Flora Fischbach bald genauso berühmt wie Madonna. Ein erlesener Zirkel aus Auskennern und Einflussnehmern verliebte sich Mitte 2016 in den Fishbach-Song Un Autre Que Moi, heftete sich heftigst an die Fersen der Künstlerin aus der Normandie, betraute sie mit einer Auftragsarbeit für das letztjährige Pop-Kultur-Festival in Berlin und schrieb die Kulturteile der ansässigen Tageszeitungen voll. Der Rest der Republik nahm den Trubel der Hauptstadtspinner vermutlich mit leichtem Erstaunen zur Kenntnis.

Fishbach selbst blieb unbeeindruckt: Ohne Eile brachte sie ihr Debütalbum zu Ende. Auf A Ta Merci schmiedet sie keine Madonnen-Pläne für die Zeit nach dem Weltstardurchbruch – auch wenn das bereits erwähnte Un Autre Que Moi tatsächlich mit lustigem La-Isla-Bonita-Bounce daherkommt. Stattdessen erweist sich Fishbach als Synth-Pop-Behüterin mit subversiven Absichten: Wer ihr typische Erwartungen an popmusikalische Weiblichkeit anhängen will, sie niedlich, lasziv oder verträumt findet, wird schnell in einen der Abgründe stürzen, die hinter jedem zweiten Refrain ihrer Songs lauern.



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Ought: Room Inside The World (Merge / Cargo)

Wer heute behauptet, Rockmusik sei tot, sagt damit vor allem, dass er Ought nicht kennt. Seit fünf Jahren und drei Alben schreibt die Band aus Montreal ihr eigenes Rock'n'Roll-Geschichtsbuch: The Velvet Underground und Television sind darin prominenter vertreten als die Beatles und Rolling Stones, eine misstrauische Haltung gegenüber der Musikindustrie und jeder Form von Mainstream ist wichtiger als die tausendfach durchgenudelten Sex- und Drogen-Klischees anderer Bands. Der Charisma-triefende Ought-Sänger Tim Darcy erscheint stets in übergroßen Hemden und übertrieben engen Anzughosen zur Arbeit. Ihm ist es ernst mit der Rockmusik.

Umso erstaunlicher, dass Room Inside The World die Ought-Version einer Spaßplatte ist. Vergessen sind die eckigen Gitarren und plötzlichen Richtungswechsel früherer Songs. Stattdessen reanimiert These 3 Things den Groove von Michael Jacksons Billy Jean, während Desire mit einem Gospel-Finale kokettiert, das sich Ought aber doch lieber für ihr nächstes Album aufheben. Auch Darcy bleibt standhaft: Gewohnt verschnupft streckt er seine Stimme zwischen Schnöseltum, wissender Ironie und absoluter Verzweiflung im Angesicht der Menschheit. Worüber soll ein seriöser Rockmusiker auch sonst singen?



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East Man: Red, White & Zero (Planet Mu / Cargo)

Wer die Zukunft von London hören will, braucht ein U-Bahnticket für die Randbezirke der Stadt. Dort gibt es sie noch: künstlerische Freiräume und tatsächliche Räume, die mehr sind als Spekulationsobjekte, Platz für fixe Ideen, Spinnereien und verbissene Projekte wie das Album Red, White & Zero des Londoner Grime- und Techno-Produzenten Anthoney Hart. Unter dem Künstlernamen East Man (bisher war er in Szenekreisen vor allem als Basic Rhythm bekannt) schart Hart eine Reihe von Rap-Außenseitern um sich – sowie den Soziologen Paul Gilroy für den theoretischen Überbau. Gemeinsam erzählen sie vom Ende ihrer Stadt. Und entwerfen einige denkbare Neuanfänge.

Hart hat dafür keine voll ausgereiften Rap-Instrumentals programmiert, sondern Vorahnungen solcher Instrumentals: Breakbeat, Bass, Wiederholung. Was nicht da sein muss, bleibt weg. Trotzdem darf man sich Red, White & Zero nicht als Schnodder-Grime vorstellen. Das Album klingt so erbarmungslos wie präzise, die Rapper berichten mit entsprechender Schnörkellosigkeit von Klassenkampf, gewalttätigem Alltag und Selbstbehauptung im Zeichen ihrer gesellschaftlichen Marginalisierung. Harter Stoff, keine Frage. Funktioniert aber auch zur Auflockerung im nächsten Cultural-Studies-Seminar.