Lieder für die Zombie-Apokalypse – Seite 1

Tarnfleck für den Country-Appeal: Justin Timberlake mit seiner Band beim Super Bowl © Christopher Polk/​Getty Images

Es ist eine Kunst, ein gutes Album herauszubringen. Es ist eine noch größere Kunst, ein gutes Album richtig herauszubringen. Der so genannte Album-Rollout, also jene sechs bis zweihundert Wochen vor Erscheinen der neuen Platte eines berühmten Musikers, ist heute genauso wichtig wie die Wahl des Managers (möglichst ein Windhund) und Fitnesscoachs (möglichst ein Bluthund). Eine wohldosierte Kampagne aus Videobotschaften, Songschnipseln, Talkshowauftritten, Sexpraktikbeichten, Eheschlüssen, Adoptionen und Scheidungen kann Wunder wirken: Wer das Aufmerksamkeitslevel lange genug hoch genug hält, wird sein Album praktisch von selbst an die Spitze der Charts flutschen sehen.

Umso lustiger ist ein gründlich versemmelter Album-Rollout. Kanye West zum Beispiel verhob sich vor Erscheinen seiner jüngsten Platte The Life Of Pablo an einer Mischung aus göttlicher Komödie und absurdem Theater, weshalb die Musik, um die es nur vordergründig ging, noch gar nicht fertig war, als er sie präsentierte. Anarchie und Wahnsinn begleiteten jede Aktion des Rappers – und machten den Album-Rollout zum Happening und eigentlichen Ereignis rund um The Life Of Pablo. Bei Justin Timberlake und seiner fünften Platte Man Of The Woods ist das anders. Hier wartet am Ende eines versemmelten Album-Rollouts einfach ein ebenso versemmeltes Album.

Am Sonntagabend bestritt Timberlake die Halbzeitshow des Super Bowl in Minneapolis, 68.000 Menschen waren im Stadion, mehr als 100 Millionen US-Amerikaner saßen vor dem Fernseher. Es war ein blutleerer Auftritt im doppelten Sinn: Erst hampelte Timberlake mit Hundehalstuch, Tarnflecken-Sakko und perlweißer Marschkapelle durch ein Hit-Medley. Dann sang er mit einer Videoprojektion des Lokalhelden Prince. Selbst dieser eigentlich idiotensichere Einfall konnte die missglückte Veröffentlichungskampagne rund um Man Of The Woods nicht mehr retten: Bereits am Vortag war durchgesickert, dass ein ursprünglich geplantes Hologramm-Duett mit Prince auf Druck von dessen Nachlassverwaltern aus der Show gestrichen worden war.

Letztlich fasste die nichtssagende Halbzeitshow zusammen, was schon die vorigen Wochen angedeutet hatten. Der eigentlich so stilsichere Timberlake schaufelt sich mit seinem Man-Of-The-Woods-Theater von einem Grab ins nächsttiefere: Die Vorabsongs langweilten mit altbackenem R'n'B, die Videos irritierten mit weltabgewandten Botschaften. Als Timberlake mit #timesup-Button am Anzug über den Teppich der Golden Globes spazierte, war das mindestens provokant, vielleicht auch zynisch: Er selbst hat im letzten Film von Woody Allen mitgespielt, obwohl der Regisseur seit Jahren Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt ist.

Kommentieren wollte Timberlake diese Diskrepanz bisher nicht. Stattdessen erfuhr man, dass der einstige Partystarter und Tanzflächenverführer inzwischen ein Naturbursche ist. Er trägt jetzt Vollbart, Karohemd und eine dieser unverwüstlichen Arbeiterjacken, in denen selbst der neue Dschungelprinz Daniele Negroni aussähe, als könnte er einen Baumstumpf anheben. Timberlakes neue Songs tragen Titel wie Flannel, Montana und Livin' Off The Land. Ein Promovideo zeigt ihn andächtig zwischen Maiskolben, Ackerkraut und wilden Gräsern. Hält sich der Popstar seit neustem für Bon Iver?

Timberlake hatte den ebenfalls naturnahen Bon-Iver-Sänger Justin Vernon vor sechs Jahren bei Saturday Night Live parodiert. Auf dieser Rolle ist er offenbar hängengeblieben. Während es Vernon jedoch aus Liebeskummer und Krankheitsgründen in die Wälder von Wisconsin verschlug, sind es bei Timberlake Paranoia und atomare Ängste, die ihn auf die Hochplateaus der Rocky Mountains treiben. Dort sitzt er nun mit mehreren Monatsrationen Dosenravioli und erklärt im Song Supplies, was passiert ist.

Henne oder Ei – was soll Timberlake zuerst essen?

Warum liegt denn hier Stroh und was machen die Kühe da im Hintergrund – das sind doch Kühe, oder? Justin Timberlake inszeniert sich jetzt als Naturbursche. © Sony Music

Zu einem Wegwerfbeat, den Pharrell Williams vermutlich auf einem zehn Jahre alten USB-Stick fand, berichtet das Stück von Katastrophen, Weltverschwörungen und der Zombie-Apokalypse, die uns allen schon sehr bald blüht. Timberlake bunkert und hamstert für die Tage nach dem Fallout, spielt sich jedoch zugleich als Retter einer bedrängten Frau und zum Jesus aller Überlebenden auf – nicht das einzige Logikloch in dieser Idiotie von einem Popsong. In einer Zeit, die nach fundiertem und nachhaltigem Widerstand schreit, verwechselt Timberlake Aktionismus mit Aktivismus. Supplies ist sein schlecht kaschierter Versuch, sich bei den wichtigsten Protest-Hashtags der Gegenwart einzuhaken.

Man kann das für Übereifer halten: Wer würde nicht nach allen verfügbaren Strohhalmen greifen, wenn sich die Fanbase einem britischen U-Bahn-Musiker zuwendet, der aussieht wie das Sams? Unerklärlich jedoch, was zwei Songs später passiert. In Say Something beklagt sich Timberlake an der Seite von Chris Stapleton (in Amerika eine große Country-Nummer) über ein herbeifantasiertes Publikum, dass sich Meinung, Führung und andere messianische Leistungen von ihm erhofft. Dabei wäre die Aufmerksamkeitsspanne eines normalen Erwachsenen ja schon ein Fortschritt.

Wann gab es zuletzt ein popmusikalisches Großprojekt, das derart widersprüchlich, weltfremd und geschmacksverirrt daherkam? Wer hat dieses Album durchgewunken? Es kann in solchen Momenten der Ratlosigkeit helfen, sich besonders genau mit den Songs zu beschäftigen. Im Fall von Man Of The Woods macht das alles nur noch schlimmer. Auf jedes Landfluchtlied folgt ein glitschiges Sexlied, wie man sie von Timberlake noch aus einfacheren Zeiten kennt. Die Stücke stünden ohne Zusammenhang nebeneinander – einte sie nicht jene Art von angefunkter Hüftprothesen-Gitarre, die nur Musiklehrer mit Pferdeschwanz beherrschen. Das Instrument ist auf Man Of The Woods so etwas wie ein Leitmotiv, höchst originell.

Der schon wegen seines Titels mit Spannung erwartete Song Flannel gehört nicht zu diesen Gitarrenliedern, bietet sich aber an als Showstopper für den nächsten Weltkirchentag. Irgendwann wird man das unfassbar erbauliche, abermals vom völlig abgedrifteten Pharrell Williams koproduzierte Stück in die Ruhmeshalle der Kindergottesdienstlieder aufnehmen, gleich neben Laudato Si und Danke für diesen guten Morgen.

Es ist nicht sicher, ob Timberlake diese Auszeichnung wird entgegennehmen können. Möglicherweise verzweifelt er vorher zwischen Wasserkanistern, Dosennudeln und Trockenfutter an jenen existenziellen Fragen, die ihn zum Man Of The Woods gemacht haben: Wenn in den Rocky Mountains ein Baum umfällt, ist dann vielleicht der dürre Falsettgesang eines orientierungslosen Superstars schuld? Henne oder Ei – was soll Timberlake zuerst essen? Und ist es nachts tatsächlich kälter als draußen? Irgendwo im Unterholz von Montana zuckelt eine Gitarre, rastlos auf der Suche nach Antworten.

"Man Of The Woods" von Justin Timberlake ist erschienen bei RCA/Sony.