Spotifys Mix der Woche hat mich in einen Plagiatskrimi hineingezogen, und das kam so: Es ist ein kalter Februarabend und ich höre die von Spotify generierte Playlist mit neuer Musik und denke, naja, das hier kenne ich aber schon, nämlich die Concertante Musik des wenig bekannten deutsch-baltischen Komponisten Boris Blacher. Blacher komponierte dieses sehr reizvolle Stück 1936, und insbesondere der langsame zweite Satz klingt seiner Zeit deutlich voraus.

Diese Musik läuft also gerade, aber Spotify zeigt etwas ganz anderes an: Angeblich höre ich gerade den finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara, und zwar den dritten Satz seiner Siebten Sinfonie, Uraufführung 1994. Das kann ja nun nicht sein, denke ich, denn diese Musik ist nicht Rautavaara 1994, sondern Blacher 1936. 

Ich suche spaßeshalber nach anderen Aufnahmen dieser Rautavaara-Sinfonie. Es gibt da tatsächlich einiges bei Spotify und immer klingt der dritte Satz haargenau so wie der zweite aus Blachers Concertanter Musik. Nicht bloß inspiriert davon oder zitierend, nein, eins zu eins dieselbe Musik, der ganze Satz, fast zehn Minuten lang. Ist es denkbar, dass zwei Komponisten die gleiche Musik geschrieben haben, auch gleich instrumentiert? 

Ich rufe meine Eltern an, beides Berufsmusiker mit vielen Jahrzehnten Erfahrung im Orchester: "Ihr habt doch Rautavaara gespielt. Ist es denkbar, dass er den viel unbekannteren Blacher kopiert hat und keiner hat's gemerkt?" Zu meinem Erstaunen halten sie meinen Verdacht für gar nicht so unwahrscheinlich. Wie bitte? Es geht hier doch um kreative Originalität. Blacher ist zu Unrecht kaum bekannt, aber Rautavaara wird überall auf der Welt gespielt. Hätte das nicht Blachers Ruhm sein sollen? Da meinen Eltern beide Komponisten herzlich egal zu sein scheinen, frage ich, wen ich in solchen Situationen immer frage: Twitter.

Ich äußere meinen ungeheuerlichen Verdacht, ohne Namen zu nennen, um keinen Beteiligten in Verruf zu bringen. Es ist schon mitten in der Nacht, aber auf Twitter spielt das keine Rolle. Es melden sich etliche Leute mit Musikstudium, abgebrochenem Musikstudium, Musikwissenschaftler, abgebrochene Musikwissenschaftler und dergleichen mehr. Ich schildere – weiterhin ohne Namen zu nennen – in diversen Privatchats meinen Verdacht. Auch die Wissenschaftler sind nicht überrascht und halten das für durchaus denkbar, es gebe doch dauernd irgendwelche Skandale in der klassischen Musik, den falschen Albinoni zum Beispiel. Ich habe noch nie von solchen Skandalen gehört und erst recht nicht von dem falschen Albinoni. Aber offenbar ist die Ernste Musik ein Sumpf, der nur darauf wartet, trockengelegt zu werden!

"Found Footage", Remixkultur?

Ich bin empört, weil das alles wohl völlig normal sein soll und gar kein richtiger Skandal, aber es ist doch ein Skandal! Die Uraufführung der finnischen Sinfonie war sogar für einen Grammy nominiert. Laut deren Statuten können nur original works diesen Preis bekommen und wenn man etwas nachspielt, muss man die Rechte haben. Eine identische Kopie ginge nicht mal als Coverversion durch. Was für eine Blamage für alle Beteiligten, ein Plagiat zu nominieren.

Es geht auf Mitternacht zu, als einer der Musikologen mir schreibt, ich müsse die Partituren beider Werke einsehen und die Noten vergleichen. Tatsächlich finde ich einen Verlag, der beide Werke verlegt und bestelle im Rechercherausch für 50 Euro Noten.

Was, wenn es ein absichtliches, sehr langes Zitat ist? 1994, späte Postmoderne, könnte man da so was nicht bringen? Found Footage vielleicht, Remixkultur, so was. Andererseits müsste man dann ja dazu etwas finden im Netz. Es findet sich aber nichts, kein Wort. Nicht in einer Kritik wird auch nur angedeutet, dass irgendetwas mit der Siebten von Rautavaara nicht stimmen könnte.

Vielleicht ist es ja auch alles ganz anders, und der finnische Komponist hat ein großes Herz und wollte die wunderbare, aber unbekannte Musik Blachers ins Gehör des Publikums schummeln, eine Sinfonie als Trojanisches Pferd, dem im dritten Satz plötzlich ein 60 Jahre älteres Werk entsteigt. Das wäre schön und zartfühlend, aber dann müsste Rautavaara das doch wenigstens dazusagen.

Derweil meldet sich ein weiterer Musikologe, ich solle versuchen, das Programm der Uraufführung des vermeintlichen Plagiats zu beschaffen. Gute Idee, laut Wikipedia war das Stück ein Auftragswerk zum 25. Jubiläum des Bloomington Symphony Orchestra im US-Bundesstaat Indiana. Dieses Orchester hat eine anständige Website, und sofort ist ein music librarian ausgemacht. In Deutschland ist es bereits ein Uhr nachts, aber in Indiana noch früher Abend, ich schreibe also der Dame, ohne freilich zu verraten, dass ich kurz davor bin, eine Ikone der finnischen Musik des 20. Jahrhunderts krachend zu Fall zu bringen – und dass das 25. Jubiläum der Bloomington Symphony damit natürlich ungültig ist und wiederholt werden muss.

Die Grammy-Nominierung müsste annulliert werden

Der deutsche Komponist Boris Blacher im Jahr 1955. Rautavaara war einer seiner Schüler. © Hulton Archive/Getty Images

Es tauchen weitere Indizien auf: ein Artikel, in dem der Finne mit den geradezu unverschämten Worten zitiert wird, seine Musik existiere immer schon "in einer anderen Realität". Diese andere Realität findet offenbar im Jahr 1936 statt, in einer Partitur von Boris Blacher. Ich konsultiere noch einmal Wikipedia, in der Künstler doch immer praktisch heruntergebrochen werden auf Leben, Werk, Kontroversen. Aber nichts da. Rautavaara mit seinen gütigen Augen und dem freundlichen Gesicht ist offenbar die Harmlosigkeit in Person. Das kann doch alles nicht wahr sein!

Ich lese also – so gut ich das in meiner rechtschaffenen Rage und mitten in der Nacht noch kann – Rautavaaras Biografie durch: Er hatte Unterricht bei Blacher. Es ist jetzt kurz vor ein Uhr nachts, Berlin schlummert friedlich vor sich hin, aber vor mir liegt ein rauchender Colt: Rautavaara geht zum Kompositionsunterricht, mopst seinem ahnungslosen Lehrer die Noten zu dessen Concertanter Musik, wartet bis der mausetot ist und zack, copy and paste, hat er einen wunderbaren langsamen Satz für seine Siebte Sinfonie.

Da erreicht mich ein Anruf: Wie wahrscheinlich es denn sei, dass jemand, der bereits weltweiten Ruhm genießt, ausgerechnet in seiner siebten Sinfonie ganze zehn Minuten Musik Note für Note klaut? Es drehe sich doch hier nicht um eine erste Sinfonie, sondern ein veritables Spätwerk. Warum würde jemand, der noch ganz bei Verstand ist, so ein Risiko eingehen? Das ist das erste richtig gute Argument gegen die ganze Sache. Wenn ich klaue, sollte ich dann nicht am Anfang meiner Karriere klauen anstatt am Ende? Andererseits gibt es ja diesen Roman von Pascal Mercier, in dem einem alternden Akademiker nichts mehr einfällt, und der klaut dann ein ganzes Manuskript und gibt es als seines aus. Allerdings ist das ein Roman und dies hier ist die Wirklichkeit.

Aber ist das hier überhaupt die Wirklichkeit? Dies entpuppt sich im Zeitalter von Spotify als eine verblüffend berechtigte Frage. Ich überlege nämlich, woher ich eigentlich weiß, dass Blachers Musik wirklich von Blacher ist. Woher weiß ich, dass die Concertante Musik das ist, was Spotify als Blachers Concertante Musik ausgibt? Ich habe das Stück nie live gehört, denn Blacher wird ja praktisch nie gespielt. Ich kenne auch niemanden, der das Stück kennt und den ich fragen könnte, um es zu belegen oder zu widerlegen. Die Komponisten selbst können wir auch nicht mehr fragen: Blacher starb 1975, Rautavaara 2016.

Was ist es, wenn es nicht von Blacher ist?

Ich suche also nach der Blacher-CD, die Spotify in seinen Katalog aufgenommen hat, und finde sie in einem Musikarchiv namens Allmusic. Es geht auf zwei Uhr nachts zu und jetzt beginnt die Sache, merkwürdig auseinanderzufallen. In der Spotify-Version der Concertanten Musik ist der zweite Satz knapp zehn Minuten lang. In der Fassung der CD auf Allmusic – mit demselben Cover und denselben Satzbezeichnungen – sind es nur drei Minuten. Den langsamen Satz dreimal so schnell zu spielen wie in der Spotify-Fassung ergibt keinen Sinn. Beim Klick auf die Hörprobe des zweiten Satzes wird mir leicht schummrig: Das ist etwas völlig anderes. Statt der ätherisch-langsamen Streicher-Atmosphäre zwirbelt da ein zackiger Jazz-Rhythmus aus den Lautsprechern. Mir wird heiß und kalt. Ich höre zum Vergleich in den ersten Satz – und auch das ist etwas völlig anderes als bei Spotify. Allein der dritte Satz ist gleich.

Habe ich die ganze Zeit etwas für Blachers Concertante Musik gehalten, das tatsächlich etwas ganz anderes ist? Und wenn ja, was ist es denn dann? Auf solche Fragen gibt es auch nachts um zwei gute Antworten – dank des Musikerkennungsdienstes Shazam. Ich spiele Shazam den zweiten Satz von Blachers Concertanter Musik vor und nach nicht mal zwei Sekunden steht es auf dem Screen: Das ist nicht die Concertante Musik. Das ist nicht mal Blacher. Es ist der dritte Satz aus – mir rutscht das Handy aus den schwitzigen Fingern – Rautavaaras Siebter Sinfonie, uraufgeführt 1994. Nichts hatte der Finne abgeschrieben, in Wirklichkeit gibt es bloß einen Metadaten-Clusterfuck bei Spotify. Und das, was ich immer für Blacher gehalten habe, die Musik, die ich eh schon als ihrer Zeit voraus empfand, war nicht von 1936, sondern von 1994.

Ich ahne schon die Morgendämmerung am Horizont, aber eine Frage ist noch offen: was nämlich der erste Satz von Blachers Concertanter Musik ist, wenn er nicht von Blacher ist. Auch hier hat Shazam die Antwort sofort parat: Absurderweise ist er nicht nur nicht von Blacher, sondern nicht mal von Rautavaara. Die Musik stammt von einem dritten, mir vollends unbekannten, aber auch finnischen Komponisten namens Pehr Henrik Nordgren. Sein Werk trägt eigentlich den nicht gerade zugänglichen Namen Pelimannimuotokuvia, was soviel wie "Bilder der Spielleute" bedeutet. Es stammt aus dem Jahr 1976 und ist durchaus aparte Musik, man sollte überhaupt viel mehr Nordgren hören.

Und so brachte womöglich ein übernächtigter Praktikant beim Herumwurschteln mit Metadaten drei Komponisten auf unerhörte Weise zusammen. Und mich beinahe dazu, einen nie geschehenen Plagiatsskandal zu enthüllen.

Lesen Sie hier, warum die Kategorisierung von klassischer Musik für Musikstreaming-Anbieter ein Problem darstellt.