Klassische Musik und Streamingdienste wie Spotify, Amazon Music, Deezer oder Tidal sind nicht die besten Freunde. Der Grund dafür liegt in den Metadaten, also in den Daten über die Musik. Im Pop ist die Sache recht überschaubar: Ein Song hat einen Titel, wird vorgetragen von einem Interpreten und befindet sich auf einem Album. Mehr als diese Informationen braucht es normalerweise nicht, um einen Song eindeutig zu identifizieren. Und manchmal passen all diese Informationen sogar gleichzeitig auf einen kleinen Smartphonescreen.

In der klassischen Musik ist das anders. Um eine Aufnahme zu identifizieren, braucht es den Namen des Komponisten, den Namen des Werks (manchmal mit einer Werknummer und dem Kompositionsjahr), Nummer und Vortragsbezeichnung des Satzes, die aufführenden Solistinnen oder Sänger, das Orchester oder die teilnehmenden Ensembles, den Dirigenten oder die Dirigentin und idealerweise noch das Aufnahmejahr, denn nicht selten wird dasselbe Werk von denselben Interpreten mehrmals eingespielt. Bei Streaminganbietern entsteht nun das Problem, dass all diese Informationen womöglich vorhanden, aber sinnlos verstreut sind auf die Felder, die für Pop gedacht waren: Interpret, Songtitel, Album.

Kenner finden sich da womöglich irgendwie zurecht, aber wer in der Klassik nicht zu Hause ist, ist oft völlig aufgeschmissen. Als Beispiel sei hier eine CD der Deutschen Grammophon genannt, auf der Anne-Sophie Mutter Violinkonzerte von Tschaikowski und Erich Wolfgang Korngold spielt. Diese Aufnahme findet man, wenn man Korngold bei Spotify ins Suchfeld eingibt. Klickt man dann auf den Play-Button, beginnt der zweite Satz des Korngold-Konzerts, nicht der erste. Das System weiß schlicht nicht, dass Konzerte aus mehreren Sätzen bestehen. Diese Informationen müssten einmal von der Plattenfirma übermittelt worden sein, die Software müsste damit nur noch sinnvoll umgehen können. Das alles ist Design- und Programmierarbeit, in die die großen Streaminganbieter nicht investieren, weil das Klassikpublikum nur wenige Prozent des Gesamtmarktes ausmacht.

Eine Parallelgesellschaft der Klassikhörenden?

Zurück zu Korngold: Quälend langsam scrollt nun Violin Concerto in D Major, Op.35: 2. Romance Andante als Titel vorbei. In der Zeile für den Künstler steht "Erich Wolfgang Korngold, Anne-Sophie M…", weil nicht genug Platz für beide ist. Auf dem ebenfalls angezeigten Cover der CD ist zu sehen, dass Anne-Sophie Mutter mit den Wiener Philharmonikern und dem London Symphony Orchestra spielt. Aber spielen die Wiener den Tschaikowski und die Londoner den Korngold – oder umgekehrt? Diese Information ist verfügbar, aber sehr versteckt. Hinzu kommt ein Problem, das Korngold nicht hat, wohl aber der Russe – nämlich die Transliteration aus dem kyrillischen Alphabet: Die Aufnahmen sind mal in deutscher, mal in englischer Schreibweise ("Tchaikovsky") abgelegt. 

Sucht man bei Spotify nach dem Komponisten Gustav Mahler, ist das Ergebnis eine zusammenhanglose Liste von "Songs". Mahler hat durchaus Songs geschrieben, aber laut Spotify sind auch ganze Sätze Songs. Zudem ist das erste Suchergebnis der 4. Satz der Fünften Sinfonie. Vermutlich, weil dieser langsame Satz als Filmmusik eine zweite Karriere gemacht hat. Dass mit dieser wirren Präsentation der Satz aus dem Zusammenhang des sinfonischen Gesamtwerks gerissen wird, schert den Anbieter nicht. Im Pop gibt es selten einen zwingenden, mehrere Songs überspannenden Bogen, deshalb kann man die Tracks eines Popstars auch gern mal durcheinander hören – bei sinfonischer Musik ist das in etwa so sinnvoll, wie die Szenen eines Films in beliebiger Reihenfolge anzusehen.

Apple hat immerhin einen siebenseitigen Standard, wie klassische Musik in die Datenbank eingegeben werden muss – aber auch der bringt nicht viel, wenn die Software aus diesen Daten nichts macht. Nun gibt es immer wieder Anläufe, Streamingangebote speziell für Klassikhörerinnen und -hörer zu etablieren, bisher mit überschaubarem Erfolg. Aus Berlin kommt der noch junge Klassik-Streamingdienst Idagio, der mit rund 12 Millionen Euro Finanzierung versucht, sich neben den Riesen Spotify und Apple Music zu etablieren. Idagio geht sinnvoll mit Metadaten um und bietet obendrein eine höhere Tonqualität als Spotify. Wenn man aber nicht nur Klassik hören will, muss man dann allerdings doppelt zahlen (9,99 Euro im Monat kostet Idagio) und mit zwei Apps hantieren. Das friedliche Miteinander von Klassik und Pop in einem System müssten wir dann aufgeben. So lange bleibt die Klassik eine Parallelgesellschaft, aus der das Streaming sie eigentlich hätte befreien können.

Was alles passieren kann, wenn die Metadaten falsch hinterlegt sind, lesen Sie hier.