Es sei "eine innerbetriebliche Entscheidung" gewesen, schreibt Bruce Dickinson im Nachwort seiner voluminösen Autobiografie, "keine Geburten, Hochzeiten oder Scheidungen, weder von mir noch von irgendjemand anderem" zu erörtern. Das mag alte britische Benimmschule sein. Eine andere Möglichkeit wäre und die wirkt nach der Lektüre von 445 Seiten voller hektischen Aktionismus wahrscheinlicher: Für so etwas Profanes wie ein Privatleben hat der Mann einfach keine Zeit.

Rockstars legen sich gern exaltierte Hobbys zu, denen sie eifrig nachgehen, um die mitunter durchaus erwähnenswerten Erfolge schließlich in ihren Autobiografien auszubreiten. Alice Cooper hat das Golfspiel, Gene Simmons gefällt sich als neoliberaler Wirtschaftshai, Slash nimmt Drogen. Bruce Dickinson hingegen, der Sänger von Iron Maiden, tut sich in seiner Freizeit als Fechter der britischen Nationalmannschaft, Linienpilot für Verkehrsmaschinen, Luftfahrtunternehmer, Radiomoderator, Roman- und Drehbuchautor und sogar als Motivationsredner hervor. Ohne dabei die Familie zu vernachlässigen, sind solche diversen Nebenkarrieren überhaupt nicht zu denken.

Bruce Dickinson war ein eher ungeliebtes, erziehungsgeschädigtes Kind, dessen kleinbürgerliche Eltern lieber aufsteigen wollten, als sich um ihn zu kümmern. Er wuchs bei den Großeltern auf.

Bruce geht auf die Privatschule und kommt nach der sechsten Klasse auf die traditionsreiche Oundle School, ein Eliteinternat, das bis heute "anständige, aufgeschlossene Erwachsene" heranzüchten will, "die den festen Willen haben, etwas zu leisten". Ein Martyrium aus Züchtigungen beginnt, wie immer, wenn Anstand in Großbuchstaben gepredigt wird. Die älteren Jungs fallen über die jüngeren her. Und die Lehrer haben die offizielle Erlaubnis mitzumachen.

"Manche beließen es bei einem leichten Klaps auf den Hintern, andere bevorzugten förmlichere Züchtigungen mit einem Stock oder einer Birkenrute. Ob es etwas brachte? Darüber gingen die Meinungen auseinander. Für gewöhnlich geschah es jedenfalls abends nach dem Zubettgehen, wenn das arme Opfer schon im Pyjama steckte. Das Ziel war maximale Angst und maximaler Schmerz, denn sechs Hiebe durch einen Baumwollpyjama sorgten fast immer für blutende Wunden", schreibt Dickinson in seiner Autobiografie.

"Die Kunst der Schöpfung war rein"

Der große Radiomann John Peel und Monthy Pythons Michael Palin erzählen ähnliche Geschichten von britischen Kaderschmieden. Der Rock 'n' Roll ist für Dickinson ein Ventil und zugleich ein Versprechen von Freiheit und Selbstbestimmung. Aber er setztsich auch zur Wehr. Einem verhassten Lehrer lässt er ein Fuder Mist vors Haus liefern und schließlich wird er von der Schule verwiesen, weil er den Honoratioren buchstäblich ins Essen pisst. Er schafft es trotzdem an die Uni nach London. Dort kreist 1977 die Abrissbirne über den musikalischen Konventionen. Er lernt die obligatorischen drei Griffe und schließt sich einer Punkband an. "Wir spielten viel zu schnell, und je mehr wir uns hineinsteigerten, desto schneller wurden wir." Die Band nennt sich folgerichtig Speed. Und Dickinson spürt zum ersten Mal das Glück des kreativen Schaffens: "Selbst wenn es nur für mich Bedeutung hatte und letztendlich zu Blödsinn erklärt wurde – die Kunst der Schöpfung war rein."

Er veranstaltet Konzerte an seinem College und begeistert sich für den genialen Bühnenschreihals Arthur Brown. Dessen "Crazy World", die er auf der Bühne zelebriert, sieht sich Dickinson ganz genau an. Mit seiner nächsten Band Shots versucht er sich ebenfalls an etwas mehr Theatralik, das heißt, die Musiker schminken sich, tragen Gruselkostüme und Dickinson dekonstruiert den Schock-Rock-Hokuspokus, indem er ein "Suspensorium aus goldenem Lamé" anzieht und zwischen den Songs blöde Witze erzählt. Dickinsons Profil als Frontmann nimmt langsam Form an. Und das calvinistische Ethos seiner Eltern zeigt seine Spuren. Er will es schaffen, folgerichtig ist der nächste Schritt eine Band mit Plattenvertrag. Zufällig sehen ihn die Hardrocker von Samson in einem Londoner Liveclub und sind überaus angetan. Er ergreift sofort seine Chance.

An der Seite des jungen, trinkfesten Gitarristen und talentierten Songwriters Paul Samson spielt Dickinson zwei ziemlich gute Alben ein, Head On und Shock Tactics. Und auf Letzterem ist auch dank der Mithilfe des strengen Produzenten Tony Platt bereits alles da, was Bruce Dickinson von nun an auszeichnet: sein unwiderstehliches, schier unverwüstliches, gerade auch in den höheren Registern ungemein kraftvolles Shouting, das einen Song wie Earth Mother erst zu einem echten Ereignis macht. Man hört ihm an, wie stark ihn Ian Gillan (Deep Purple), Ronnie James Dio (Elf und Black Sabbath) und eben Arthur Brown beeinflusst haben, aber sein viriles Powerkreischen ist dennoch von ganz eigener Art und Kunst.