David Byrne: American Utopia (Nonesuch)

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Dass im brennenden New York der Siebziger mit Hip-Hop, Salsa und Art-Punk die Musik für folgende Jahrzehnte entstand, steht heute unangezweifelt in den Geschichtsbüchern. Auch die Geschichte der Stadt selbst zwischen rassistischer Bau- und Planungspolitik und den finsteren Geschäften von Trump Vater und Sohn erscheint wieder merkwürdig relevant. Keine Band steht für diese paranoide Ära wie die Talking Heads, die, wenn sie schon keine Scifi-Band waren, immerhin Zukunftsmusik gespielt haben.

Die Fragen, die den Kopf der Heads, David Byrne, schon damals umtrieben, Fragen über die Trennung zwischen mind und body, über Stillstand und Bewegung der Welt, haben ihn auch auf seinem Soloalbum American Utopia nicht verlassen und sind nur noch komplizierter geworden – auch, weil der mind zum Körperersatz geworden ist und der eigentliche body (samt Stimmbändern) nur altern kann.

Byrne ist nicht mehr der hyperneurotische Kunststudent, der vor sich selbst und der Welt weglaufen will und dabei auf der Stelle joggt. Der natürliche Verlust an stimmlicher Dehnbarkeit führt ihn an lou-reedsches Murmelsingen, die Faszination für Zouk und Afropop, die seit I Zimbra seinen Sound prägt, hat ihn nicht verlassen – ein musikalischer Sensationstourist war er nie. Eher ein Tourist wie wir alle: "We're only tourists in this life/only tourists but the view is nice". So lautet die vermeintliche Schlüsselzeile des zentralen Songs Everybody's Coming To My House auf dem neuen Album American Utopia. Als strahlender Gast in dem Track: der R'n'B-Produzent und Sänger Sampha.

Der Songtitel ist nur eine merkwürdige Referenz an den Talking-Heads-Tribute-Act LCD Soundsystem, der mit dem auch noch ganz zufällig ähnlich betitelten American Dream vergangenes Jahr genau die Art von Tagesstimmungsplatte aufgenommen hat, die American Utopia eben nicht sein möchte. Denn das Album ist Teil eines crossmedialen Projekts, das positivity und Optimismus verbreiten soll. Optimismus ist ein Mangel an Informationen, wie das Heiner Müller zugeschriebene Zitat lautet, und tatsächlich widersetzt sich Byrne ja den falschen Paradiesen und der Informationsflut. So schließt sich der Kreis und vielleicht verschließt Byrne so auch seine Augen – aber dafür die Ohren nicht.



Nathaniel Rateliff & The Night Sweats: Tearing At The Seams (Stax)

© Stax

Funk ist schmutzig und muffig, per Definition: Was funky ist, hat einen unangenehmen Geruch, und sei es vom Schweiß durchtanzter Nächte. Daran wird Nathaniel Rateliff nicht unbedingt gedacht haben, als er seine Soul-Country-R'n'B-Retro-Combo "The Night Sweats" genannt hat, eher an das unruhige Hin und Her zerbrochener Menschen wie ihm (bzw. der Persona seiner Songs), oder an simples Rauschausschlafen. Um Alkohol und Exzess im weiteren Sinne geht es in vielen von Rateliffs Songs – und auch auf seinem Album Tearing At The Seams fühlt er sich auf der Party genauso wohl wie mit dem Kater danach. Zwischendurch geht es eh immer um Erlösung.

Dass Rateliff aber deswegen ausgerechnet mit Sam Cooke verglichen wird, ist dann doch Blödsinn – er erinnert eher an Little Milton, der aus dem Blues kam, in den Soul wechselte und aus Alltag große Songs machte. Rateliff hat mit seiner Band genau diesen Stax-Sound der frühen Siebziger im Ohr (das Album erscheint auf einer wiederbelebten Version des Memphis-Labels) und ist gleichzeitig durch die Springsteen-Seger-Americana-Schule gegangen.

Sein eigentliches Talent ist nämlich nicht das Röhren oder das verletzte Flüstern – beides kann er gut –, sondern das Songwriting, das immer um schmerzhafte Wahrheiten kreist, ohne sie auszusprechen oder sich in Klischees zu verlieren.



Meshell Ndegeocello: Ventriloquism (Naïve)

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Wenn die Welt – oder besser: die weiße Welt – schwarzen Menschen Körper und Geschichte zu rauben sucht, dann wird Erinnerung zum revolutionären Akt. So lautet das politische und vor allem ästhetische Selbstverständnis einer Generation schwarzer Künstler, die sich auf Bilder, Ideen, Stimmen und Kämpfe der Vergangenheit beziehen, bei Kendrick Lamar angefangen.

Natürlich haben auch sie die Geschichte nicht erfunden. Vor Beyoncés mythischen Ausflügen in die Südstaaten auf Lemonade und den afrofuturistischen Epen von Janelle Monáe gab es die Singer-Songwriterin und Bassistin Meshell Ndegeocello, die mal laut, mal leise in den Neunzigern und frühen Nullerjahren neu definierte, was eine R'n'B-Sängerin sein konnte: stark sowieso, dabei auch queer, exzentrisch an der Grenze zur Undurchdringlichkeit, wie auf dem Album Cookie von 2002, einem "anthropologischen Mixtape", auf dem sich Gil Scott-Heron mit Angela Davis unterhielt und das nebenbei noch ein Groovemonster war.

Die Musikerin Ndegeocello ist immer auch Fan und Archivarin. Trotzdem begreift sie ihr Coveralbum Ventriloquism nicht als staubige Konzeptkunst, sondern als Sammlung von Songs, die sie mag und gern singen möchte, von Prince, TLC, George Clinton und Al B. Sure!. Dass sie einen Motown-Song so singen kann, wie ein Motown-Song gesungen werden muss, hat sie schon vor 15 Jahren bewiesen. Jetzt formt sie das Material so um, wie sie es möchte. I Wonder If I Take You Home nach Lisa Lisa & Cult Jam bekommt ein Krautrock-Schlagzeug, aus Waterfalls von TLC wird ein Country-Stampfer und aus Smooth Operator ein Protestaufruf. Denn während Erykah Badu in Interviews Hitler als tollen Maler in Schutz nimmt, spendet Ndegeocello Teile ihres Erlöses an die Bürgerrechtsvereinigung ACLU. Geschichtsbewusstsein eben.



Young Fathers: Cocoa Sugar (Ninja Tune)

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Es gibt ja gar keinen britischen Hip-Hop, nur jede Menge lokale Genres, die alle auf ihre Einzigartigkeit bestehen, weil sie so der Kommerzialisierung entgehen – und vor allem der schrecklichen Wortschöpfung "Brit-Hop". Aber selbst in diesem Kontext ist die Musik der Young Fathers schwer einzuordnen. Die schönste Beschreibung hat Kathryn Bromwich vom Guardian auf YouTube gefunden, zur Freude der Band: "als ob Frank Ocean und Death Grips ein Baby bekommen haben". Das Harte im Weichen und das Weiche im Harten, klar, R'n'B-Strukturen mit Noise und Schmerz und Aufsmauligkeit angereichert – und immer auch etwas prätentiös?

Das passt nun gar nicht zu den Young Fathers. Obwohl sie in conceptual art spaces genauso zu Hause sind wie in Clubs. Obwohl sie in Cocoa Sugar einfach mal den Gospel neu definieren wollen. Damit geht vielleicht eine gewisse Gefälligkeit einher, so wie Kanye West auf Yeezus das unterschätzte The Life of Pablo folgen ließ. Doch Kanye ist ein trauriger Jesus auf der Suche nach dem Vater und dem heiligen Geist. Die Young Fathers sind einfach drei Typen aus Schottland, von denen sich keiner in den Vordergrund drängt und die in perfekter Balance ein Album produzieren, in dessen 37 Minuten mehr steckt als in den meisten Großwerken. Warum sind sie also nicht prätentiös? Weil sie the real deal sind.



August Greene: s/t /(Amazon)

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Der Name der Supergroup August Greene klingt nach einem überbezahlten Schriftsteller aus Brooklyn, kommt aber mit weitaus weniger PR-Trara daher. Das Album des Rappers Common, des Pianisten Robert Glasper und des Schlagzeugers Karriem Riggins ist ein Amazon Exclusive. Das heißt, jedes Ranwanzen an den Vinyl-Underground, mit dem Rapnerds sonst angefixt werden sollen, wenn die Musik an sich nur die alten Jazz-Hip-Hop-Klischees mixt, ist ausgeschlossen.

Die einzelnen Mitglieder von August Greene stehen für diese Art von geschmackssicherer Langeweile. Zuletzt kamen sie für Commons Album Black America Again zusammen, auf dem wortreich, aber wortschwach schwarzes Bewusstsein beschworen werden sollte. Auch hier ist er wieder der Schwachpunkt: Weil Common mit dem Aussehen eines Filmstars und der Stimme eines Predigers gesegnet ist, so die Hoffnung, müssen die Worte an sich gar nicht mehr kicken oder deep sein.

Auch Glasper und Riggins ruhen sich aus, mal groovt der eine, dann scheppert der andere, dann wechseln sie sich wieder ab. Erst ganz am Ende finden diese drei Stränge zusammen. Und auch wenn der Ratschlag der Sängerin Brandy "you can win as long as you keep your head to the sky" nicht sehr verkehrssicher erscheint, hört er sich wenigstens gut an. Mehr als "ganz okay" zu klingen ist ja von einer Supergroup ohnehin nie zu erwarten.