Ein interessantes Zusammentreffen von Popmusik und Politik ließ sich in der vergangenen Woche beim ersten nordrhein-westfälischen Heimatkongress beobachten. Zu diesem hatte die erste Heimatministerin des Bundeslandes, Ina Scharrenbach (CDU), rund 500 "heimatgestaltende" Mitbürger geladen sowie den in Bad Münstereifel wohnhaften Popsänger Heinz Georg Kramm alias Heino, der zuvor von ihr zum "Heimatbotschafter" ernannt worden war.

Heino überreichte ihr einige Gastgeschenke, unter anderem das 1981 auf dem Label der Fernsehzeitschrift Hörzu erschienene Album Die schönsten deutschen Heimat- und Vaterlandslieder. Ina Scharrenbach bedankte sich zunächst, um sich einige Tage später wieder zu distanzieren. Inzwischen hatte man sie nämlich darauf hingewiesen, dass einige von den von Heino hier dargebotenen Liedern auch im Liederbuch der SS enthalten waren, unter anderem das aus dem Jahr 1814 stammende Stück Wenn alle untreu werden. "Heino schenkt NRW-Heimatministerin Platte mit Lieblingsliedern der SS", hieß es daraufhin bei der Deutschen Presse-Agentur; Ina Scharrenbach beteuerte dagegen, sie habe von dem Zusammenhang nichts gewusst und auch gar keine Gelegenheit gehabt, die Titel auf dem Album vor dessen Entgegennahme zu prüfen. Tatsächlich sind Die schönsten deutschen Heimat- und Vaterlandslieder von Heino schon lange vergriffen, und auch das Liederbuch der SS ist im Handel derzeit nicht erhältlich. Beim Versandhändler Amazon heißt es: "Ob und wann dieser Artikel wieder vorrätig sein wird, ist unbekannt."

War das nun ein Skandal? Zwar wurde Heino von manchen Beobachtern daraufhin ein weiteres Mal in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt wie etwa von dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke), der auf seinem Twitter-Account schrieb: "In Deutschland gibt es einfach keine Nazis. Wer singt wie ein Nazi, redet wie ein Nazi, handelt wie ein Nazi, ist hier alles. Nur kein Nazi. – So wird relativiert, verharmlost, entschuldigt. #Heino #Heimatbotschafter #schwarzbraun #SSLieder." Doch blieb Lederer mit dieser Kritik weitgehend allein, die Mehrheit der Kommentatoren wies darauf hin, dass die inkriminierten Lieder keineswegs nur von der SS gesungen worden waren, sondern auch von antifaschistischen Widerstandskämpfern. Wie man bei der Plattenbörse discogs.com einsehen kann, findet sich das Lied Märkische Heide zwar auch als B-Seite der Schellacksingle Horst-Wessel-Lied, gesungen vom Sondersturmbann XII, war später aber auch bei deutschen Sozialdemokraten so beliebt, dass die brandenburgische SPD das Stück 1994 – wenngleich vergeblich – sogar als Landeshymne vorschlug.

Ein echter politischer Skandal ließ sich aus dieser Geschichte also nicht schlagen, und auch die Anfrage der SPD an das Heimatministerium, warum Heino überhaupt zum Heimatbotschafter gewählt worden war, kann man eigentlich nur mit der Gegenfrage beantworten: Wenn nicht Heino, wer denn sonst? Denn wenn man schon, aus welchen Gründen auch immer, zu der Auffassung gelangt, dass man unbedingt ein Heimatministerium mit Heimatbotschaftern braucht, dann ist Heino dafür selbstverständlich die ideale Besetzung. Denn er ist ja seit 50 Jahren nichts anderes als der Heimatminister der deutschen Popmusik: Seit seinem Debütalbum Kein schöner Land aus dem Jahr 1967 hat er sich mit seinen Komponisten und Textern um die Bewahrung deutscher Volkslieder im modernisierten Gewand bemüht – und ist damit einer der erfolgreichsten deutschen Popsänger, bis heute beliebt bei Alt und auch Jung. Das mag manchen Betrachtern nicht passen, aber Fakten schafft man nicht damit aus der Welt, dass man sie ignoriert. Wenn also die Erregung um die Heimat-Heino-Affäre auch nur wenig Erkenntnisgewinn bringt, kann man sie vielleicht doch dazu nutzen, um sich ein paar gern unterschlagene Fakten zum Verhältnis zwischen Politik und Popmusik in Erinnerung zu rufen. 

Heino, der Internationalist

Erstens: Einen "linken Mainstream" – wie er gegenwärtig überall gewittert und kritisiert wird – hat es im deutschen Pop nie gegeben. Ein breiter Strang der populären Musik stand hier schon immer auf der Seite des Konservatismus, selbst und gerade in emanzipatorisch bewegten Zeiten wie der Post-68er-Ära. Im ersten Jahrfünft seiner Karriere, von 1967 bis 1972, verkaufte Heino zwölf Millionen Schallplatten. Die Umfrage eines demoskopischen Instituts im Jahr 1973 ergab, dass 96 Prozent aller Deutschen wussten, wer Heino ist, und dass ihm 48 Prozent positiv gegenüberstanden; er war also bekannter und bedeutend beliebter als – sagen wir mal – Rudi Dutschke. Damals war übrigens gerade sein Album Die schönsten Volkslieder der Welt erschienen, auf dem er Am Brunnen vor dem Tore ebenso interpretierte wie Greensleeves, O Sole Mio und Bruder Jakob. Hier gab sich Heino also auch einmal als Internationalist; und man muss daran erinnern, dass sich in seinem Repertoire auch viele Lieder zum Lob von anderen Ländern und deren Bewohnerinnen finden, zum Beispiel Hey Capello – "Es lebt eine Frau in Spanien / ihre Augen sind so braun wie Kastanien" – oder Polenmädchen: "In einem Polenstädtchen, / da wohnte einst ein Mädchen, / das war so schön".

Im Zentrum seines Schaffens stand freilich immer die Pflege des nationalen Musikerbes, womit er vor allem im "roten Jahrzehnt" zum prägenden deutschen Popmusiker wurde. Wobei sich aber – zweitens – gerade damals musikalische Heimatverbundenheit keineswegs nur auf jener Seite der Popmusik fand, die man dem politisch konservativen Spektrum zuordnen würde. Die Frühphase des Heinoschen Schaffens fällt in eine Zeit, in der sich auch langhaarige Hippies, Kommunarden, Naturromantiker und andere Sprösslinge der Post-68er-Gegenkultur mit der musikalischen Heimatpflege befassten. Keiner schöner Land wurde beispielsweise nicht nur von Heino gecovert, sondern auch von der 1971 gegründeten Gruppe Ougenweide, deren Repertoire vom mittelalterlichen Minnesang bis zum romantischen Volkslied reichte; ähnlich wie bei den Gruppen Hölderlin und Novalis. Oder bei dem Liedermacher Knut Kiesewetter, der sich Mitte der Siebzigerjahre nach einer von sozialistischen Agitationsliedern geprägten Phase ganz dem plattdeutschen Sangesgut zuwandte. Die Pflege der musikalischen Heimat gehörte auch zum Pop der Gegenkultur selbstverständlich hinzu. Das änderte sich erst, als die Herrschaft der Liedermacher, Krautrocker und Hippies von den Punks abgelöst wurde; die Punks wollten vom musikalischen Erbe ebenso wenig wissen wie von jeglicher Naturromantik oder gar musikalischer Authentizität.