Julian Casablancas war Sänger und Kopf der letzten Rockband. Oder er war Sänger und Kopf der ersten Rockband, die mit goldenem Löffel im Mund gegründet wurde. Das ist eine Frage der Glaubensrichtung. Fest aber steht: Den allersteinigsten Weg zum Erfolg mussten The Strokes als Söhne von Topmodelagenten und weltweit verehrten Popstars nicht zurücklegen. Die völlige Abwesenheit von Anstrengung war eine der Stärken ihrer Songs. Weshalb es umso faszinierender klingt, wenn man heute hört, wie Casablancas um sein Leben spielt.

Streng genommen gibt es The Strokes noch immer, doch aktuell ackert und rackert ihr Songwriter für seine andere Band, The Voidz. Diese besteht aus Casablancas und fünf Schaulustigen des Retro-Gitarren-Booms der Jahrtausendwende. Ihr neues, zweites Album Virtue arbeitet sich ab am Turbokapitalismus und den Ungerechtigkeiten einer firmenregulierten Welt, während Rocksongs erklingen, die Ideen und Energie verbrennen wie ein frisierter Dieselmotor. Nie zuvor hat man Casablancas so viel schwitzen sehen und röcheln hören. Nie wollte er mehr als mit dieser Band, die nicht The Strokes ist.

Im Sommer wird Casablancas 40 Jahre alt, er könnte sich langsam Gedanken machen über seine Dankesrede für die Rock and Roll Hall of Fame. Stattdessen umgibt er sich mit Musikern, die nicht nur nach letztem Rodeo in der Donnerkuppel von Mad Max oder der Schwulenbar aus Police Academy aussehen, sondern auch so klingen, als wollten sie beide Filme gleichzeitig soundtracken. Virtue ist eine brennende Mülltonne aus abgebrochenen Melodien, angedeuteten Metal-Riffs, stockweißen Reggae-Verrenkungen und Gesangsexperimenten, die nicht über Auto-Tune für Anfänger hinausreichen. Beinahe ist man schockiert, wenn der Band doch einmal etwas aus den Ärmeln rutscht, das an Casablancas' alte Lässigkeit erinnert.

Selbstbewusst (und ein wenig selbstgerecht) hat er dem Album eine Botschaft vorangestellt: Ziel der Strapazen sei es, künstlerisch wertvolle Musik in den Pop-Mainstream zurückzubringen und Überlegungen zu den ärgsten Problemen unserer Zeit anzustoßen. Wie auch nur eines dieser Parameter zu definieren ist, geht aus Virtue jedoch nicht hervor. Dafür lernt man Casablancas als kulturpessimistische Seele kennen, die abwechselnd ihren abgelenkten und abgestumpften Mitmenschen, dem Internet, dem Geld oder Ed Sheeran die Schuld an allem gibt. Dass diese wohlfeilen Befunde dann mit größtem musikalischen Aufwand unter die Leute gebracht werden sollen, ist beinahe tragisch.

Ist Virtue also ein weiteres Beweisstück für die Rock-ist-tot-These? Zeigt sich schon wieder, dass tagesrelevante Musik im Jahr 2018 nicht mehr auf der E-Gitarre komponiert werden kann? Das Gegenteil ist der Fall. Als letzte Gewissheit dieser 60-minütigen Materialschlacht erweist sich, dass Rockmusik einfach nicht totzukriegen ist. Mit The Voidz spielt Julian Casablancas um Karriere, Ruf und Relevanz – also, wie gesagt, um sein Leben. Er wäre besser dran, wenn er dem Tod ins Auge sähe.

Über Jahrzehnte tat Rock 'n' Roll nichts anderes, als zu sterben. Kaum eine Kunstform des 20. Jahrhunderts war so sehr auf Selbstverbrauch ausgelegt: Bands fanden zusammen, brachten Platten heraus und verglühten in ihren eigenen Energiefeldern. Anschließend vergaß man sie und wandte sich anderen Bands zu. Das war gut, denn es hielt die Musik frisch und schützte den Rock vor der Festschreibung seiner Geschichte. Noch immer gibt es keinen größeren Kitzel im Rock 'n' Roll als das Debütalbum einer Band, die voller Verachtung an den Errungenschaften ihrer Wegbereiter vorbeiblickt.