Es war ein denkwürdiger Abend in der Berliner Diskothek Berghain, voller produktiver oder doch wenigstens putziger musikalischer und sonstiger Missverständnisse. Hier spielte am Dienstag die insbesondere von Schwulen verehrte und darum von den regelmäßigen Besuchern des Berghain mit großer Vorfreude erwartete australische Sängerin Kylie Minogue zum ersten Mal in Deutschland die Lieder ihrer neuen Langspielplatte Golden vor. Bei diesen Liedern handelt es sich freilich, wie man im Laufe des 90-minütigen Konzerts erlebte, um die am wenigsten schwule Musik, die Kylie Minogue jemals produziert hat.

Bekannt wurde sie in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre mit flotten Tanzmusiknummern, die ihre Produzenten Stock, Aitken und Waterman dem HiNRG-Genre entlehnten, einer Musik mithin, die in queeren Underground-Clubs geprägt worden war. Darum erfreute Minogue sich schon früh einer breiten Anhängerschaft unter Männern, die ansonsten für Frauen nur geringes Interesse aufbringen. Und sie erwiderte dieses Interesse: In den Nullerjahren ließ sie sich auf ihren Konzerten auch gern von halbnackten kräftigen Matrosen mit Mützen umpuscheln oder von ruppigen Reitknechten, die es mit einer Gerte zu züchtigen galt.

Züchtigkeit ist nun zwar immer noch ein Leitmotiv der Minogue'schen Ästhetik, und auch Reitknechte spielen eine Rolle. Doch handelt es sich bei diesen um singende und musizierende Cowboys in Westernkluft, und züchtig ist die Herrin der Kuhknechtherde selbst geworden: Auf die Bühne des Berghain tritt Kylie Minogue als frisch gereifte Country- und Western-Sängerin von nebenan; eine Frau, mit der man Pferde stehlen kann, in einem bodenständigen Double-Denim-Anzug sowie mit einer durchgestuften Fransenfrisur, die einen wahlweise an Farah Fawcett, die frühe Goldie Hawn oder die Bee Gees erinnern konnte.

In den folgenden anderthalb Stunden bot Kylie Minogue dann vor allem Country-Musik dar, denn das Album Golden hat sie in der Westernstadt Nashville aufgenommen. Mit dem radikalen Stilbruch will sie nach eigener Auskunft je eine persönliche und künstlerische Krise überwinden. Die persönliche Krise überkam sie, als sie 2017 feststellte, dass ihr 20 Jahre jüngerer Verlobter eine Affäre mit einer anderen Frau hatte sowie einen bis dahin vor ihr verschwiegenen Sohn mit einer dritten Frau, von der lange unklar blieb, ob die mit ihm zur Zeit seiner Verlobung mit Kylie Minogue nicht sogar noch verheiratet war. Es handelte sich also um einen ziemlichen Schuft, und Kylie Minogue zog sich nach ihrer Trennung von ihm und einem darob erlittenen Nervenzusammenbruch zunächst nach Thailand zum Meditieren zurück.

Die künstlerische Krise hatte sich schon vor dem Beziehungsunglück angebahnt. Gegen Ende der Nullerjahre verloren Minogue und ihre Berater allmählich den Anschluss an die neueren Entwicklungen in der elektronischen Tanzmusik und den daran angeschlossenen Pop. Auf ihrem 2013er Album Kiss Me Once versuchte sie mit Produzenten wie Pharrell Williams, ihren Sound und vor allem ihre Beats noch einmal zu modernisieren. Doch zeigte sich in diesem aufgenötigt wirkenden Erneuerungswillen die künstlerische Stagnation umso deutlicher. Und auch bei dem – besonders während ihrer Konzerte etwa auf dem Melt Festival 2015 zu beobachtenden – Versuch, sich mit möglichst knappen Glitzerfummeln als ewig junges Sexwunder zu inszenieren, erweckte Minogue einen eher unglücklichen Eindruck.