Ach, Herzchen: Auch in Barcelona war es so hübsch wie im Berghain. © Mircius Aecrim/DarenoteLtd

Dagegen bietet Golden nun einen konsequenten Gegenentwurf. Fragen der Sexualität werden allenfalls dezent aufgeworfen. Die Musik behauptet Intimität, Echtheit und Nähe; es gibt flotte Traditions-Country-Stücke, wie sie einem spontanen Heuboden-Jam bei der Nachbarschaftsparty entsprungen sein könnten, mit Banjo und Fiedel und Square-Dance-tauglichen Mitklatschrhythmen. Dazu besingt Kylie Minogue Country- und Western-typische Themen wie gebrochene Herzen und schöne Autos. In dem Stück Shelby ’68 erfahren wir beispielsweise, dass ihr Vater einen Ford-Mustang-Wagen dieser Serienbezeichnung fuhr, dessen Lack im Farbton "kandierter Apfel" gehalten war. Beim ersten Hören der Platte ist man ein bisschen erschrocken über die Kandiertheit der Songs, manches ist auf unfreiwillige Weise albern, aber dann gibt es auch wieder Stücke, die gut an der Verbindung von Disco-Beats und Country-Instrumentierung arbeiten wie die erste Single Dancing, in der Kylie Minogue bekundet, dass sie weitertanzen will, bis der letzte Vorhang fällt.

Wenn man der Künstlerin günstig gestimmt ist, kann man Golden für einen interessanten Neuanfang halten. Unter keinen Umständen kann man das leider von dem Konzert sagen, das sie im Berghain gespielt hat. Hier überwog der Eindruck eines bizarren Dilettantismus und des Rückzugs in eine postglamouröse Selbstminimierung, aus der nun aber keine neue Größe entsteht, sondern lediglich der Eindruck einer unguten Schlaffheit. In den hohen weiten Saal des Berghain hatten die Tour-Architekten eine enge Bühne mit einem roten Vorhang gebaut, vor dem ein großes Lichterherz mit einem "K" darin hing; selten hat man an dieser Stelle einen Konzertaufbau gesehen, der so vorsätzlich schäbig und dorfdiskohaft wirkt. Darin entsprach er dem gesamten Auftritt in freilich kongenialer Form. Die Band war drucklos und unglamourös; der Sound war leise und dumpf; die Arrangeure der Musik hatten offensichtlich keine Idee, wie sie die für das Album typische Vermittlung von traditionellen Country-Arrangements und elektronischen Rhythmen in ein weitgehend live gespieltes und lediglich elektrisch instrumentiertes Set übertragen sollten. So herrschte nun zumeist ein untoter Schunkelbeat vor, zu dem Kylie Minogue viel zu große Gesten vollführte; beim Singen traf sie zwar die Töne, aber nicht die Stimmung, was dadurch nicht besser wurde, dass sie an allen möglichen passenden und unpassenden Stellen das Publikum zum Mitklatschen zu animieren versuchte. Wenn es dramatisch werden sollte, wuschelte sie sich in hysterischer Weise als sex-crazed housewife durch die Fransenfrisur und versuchte zu jodeln.

Die treue Anhängerschaft in den vorderen Reihen, die mehrheitlich angemessen devot in Tom-of-Finland-Cowboykostümen gekommen war, ließ sich von diesem Desaster nicht beirren und jubelte euphorisch mit; wenn man in der richtigen Laune ist, kann man auch einen derartigen Auftritt als Camp-Veranstaltung genießen. Eine künstlerische Perspektive ließ sich darin jedoch nicht erkennen. Weder kann man sich vorstellen, dass Minogue mit diesen Songs ein gereiftes Pop-Publikum erreicht wie – sagen wir einmal – Sting mit dem Bildungsbürgergeknödel seiner späteren Karrierephasen; noch lassen sie sich in ein Greatest-Hits-Programm oder gar eine Hallen-Show vor einem großen Publikum integrieren.

Kylie Minogue will den Glamour früherer Tage abstreifen, doch fehlt ihr das Charisma, das sie bräuchte, um ihre neue Kleinheit zum Funkeln zu bringen.