Wie so oft verfing die Kombination aus (relativ) neuer Technologie und (relativ) neuem Geschäftsmodell in den USA als erstes. 2011 war dort das Jahr des Durchbruchs des Musikstreamings, die Umsätze verdreifachten sich und stiegen seither rasant weiter; 2016 erbrachten sie erstmals die Mehrheit der Umsätze, die mit Musik in digitaler Form in den USA gemacht wurden.

In Deutschland dauerte wie üblich alles etwas länger, noch kaufen die Deutschen tapfer weiter CDs. Mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes der deutschen Musikindustrie steuern CD-Alben bei. Dennoch musste sich die Musikindustrie auch hier vom Schock der Nullerjahre erholen. Die wirtschaftliche Gesundung ist im Wesentlichen ein Ergebnis des Streamingbooms: Die Menge der in Deutschland insgesamt gestreamten Lieder hat sich seit 2013 verzehnfacht, knapp ein Viertel des Gesamtumsatzes der deutschen Musikindustrie stammte 2017 aus dem Streaming. Die Umsätze mit kostenpflichtigen Downloads hingegen gehen zurück.

Weniger kaufen, mehr streamen, der Trend beschleunigt sich nur noch mehr. Spotify gewann allein im vergangenen Jahr 20 Millionen zahlende Abonnenten weltweit hinzu. Sagt Spotify. Aber die Angaben sollten schon stimmen, denn sie sind im sogenannten registration statement aufgeführt, in dem die Firma der US-Börsenaufsicht SEC Ende Februar eine Menge Unternehmensdaten übermittelt hat, die sie zuvor nicht veröffentlichen musste. Bisher hat sich Spotify stets nur seinen Investoren erklärt, zu denen Goldman Sachs, Coca-Cola und eine ganze Reihe an Venture-Capital-Firmen zählen – die großen Plattenfirmen, über die in den früheren Krisenjahren so oft so viel gespottet wurde, gehören natürlich nicht zu den Spotify-Investoren. Diejenigen, die über Unternehmensanteile verfügen, könnten den Börsengang zum sofortigen Verkauf nutzen. Denn Spotify hat den ungewöhnlichen Weg eines direct public offering (DPO) an der New Yorker Börse gewählt. Der unterscheidet sich vom üblichen initial public offering (IPO) dadurch, dass er nicht von einer oder mehreren Investmentbanken durchgeführt und gestützt wird, was kostengünstiger ist und die Aktie unmittelbar auch für nichtinstitutionelle Anleger verfügbar macht. Die Spotify-Aktie könnte im Guten eine Pop-Volksaktie, im Schlechten ein übles Wettpapier werden.

Nur die Benutzeroberflächen unterscheiden sich

In dem mehr als 200 Seiten langen registration statement finden sich neben den Verlusten auch ein paar weitere beunruhigende Zahlen. Insbesondere die Erlöse pro zahlendem Abonnenten sinken bedrohlich. Ein Spotify-Abo kostet 9,99 Euro im Monat und im Jahr 2015 erlöste das Unternehmen daraus noch durchschnittlich 7,06 Euro – 2016 dann aber nur noch sechs Euro und 2017 lediglich noch 5,24 Euro. Das mag an sehr aktiven Nutzern liegen, doch dreimonatige Gratiseinführungsangebote für Neukunden haben auch ihren Preis: Seit 2015 befindet sich Spotify in einem erbarmungslosen Abnutzungswettkampf vor allem gegen Apple und Amazon, die in dem Jahr ihre eigenen, allerdings ausschließlich kostenpflichtigen Streamingdienste starteten.

Es ist ein Wettbewerb, in dem sich die Produkte eigentlich nur durch ihre Nutzeroberflächen unterscheiden: Die Abo-Monatsgebühr ist mit 9,99 Euro bislang stets die gleiche, es stehen zwischen 30 und 50 Millionen Lieder zur Auswahl, doch angesichts dieser absurden Größenordnung ist die genaue Zahl schon fast kein Kriterium mehr. Weder Apple Music noch Amazon Music geben Nutzerzahlen heraus. Seriöse Schätzungen etwa der Analysefirma Midia gehen davon aus, dass aktuell 40 Prozent der Streaming-Abos weltweit auf Spotify entfallen, Apple die Nummer zwei ist mit 19 Prozent, gefolgt von Amazon mit 12 Prozent. Der Vorteil der großen Tech-Konzerne ist, dass sie sich beim Streaming Verluste leisten können, weil die vielen anderen hochprofitablen Unternehmenssparten sie ausgleichen.