Ein Club ist immer auch Wirklichkeitsflucht. Er kennt weder Pausen noch Alltag, nur immer Sound und Schweiß, Drogen und Hedonismus, Party, Absturz, kunstlichthelle Nacht. Aus dieser Nacht weniger als ein paar Arbeitstage lang ins Freie zu treten, gar auf Dauer zurück in die Realität zu wechseln, ist für einen erfolgreichen DJ nicht vorgesehen. Tim Bergling hat es dennoch getan.

Mehr als die Hälfte seines Lebens hatte er unter dem Künstlernamen Avicii erst winzige, dann größere, bald riesige Clubs zum Tanzen gebracht. Irgendwann waren es ganze Stadien. Der schwedische DJ zählte zu den Topstars der elektronischen Musikszene. Jede Tour eine Welttournee, jedes Konzert ein Massenevent, jedes Album ein Bestseller, kaum eine Single ohne Charteinstieg. Dem Sonnyboy aus Stockholm schien jeder Erfolg zu gelingen. Doch noch bevor er 25 Jahre alt wurde, verließ er die Bühne. Für immer. Gut zwei Jahre ist das her. Keiner konnte ahnen, wie nah der wahre Abschied da schon war.

Am Freitag ist Tim Bergling im Wüstenstaat Oman gestorben. Nach allem, was darüber bislang zu erfahren war, hat sein Tod auch mit den Folgen eines Daseins im Schnelldurchlauf zu tun, wie es die globale Clubkultur offenbar selbst in Zeiten von rauchfreien Discos und drogenfreien DJ-Kollegen prägt. Längst sind DJs zwar binäre Entertainment-Unternehmer, denen fest angestellte Mitarbeiterstäbe vom Low-Carb-Menü bis zur Tracklist den kompletten Arbeitstag organisieren. Doch die erfolgreichen unter ihnen erledigen auch bis zu 150 Auftritte pro Jahr auf fünf Kontinenten, Aftershowexzesse oft genug inklusive. Das fordert selbst den Körper eines Mittzwanzigers wie Tim Bergling.

Für die Playlist der Szene

Bis zu seinem Ausstieg allerdings hatte der hübsche Schauspielersohn den Glitzerkosmos der elektronischen Tanzmusik geprägt wie kaum ein zweiter. Songs wie Levels oder Hey Brother und besonders das weltweit gepfiffene Wake Me Up transponierten den digitalen Dance so empathisch mit analogem Pop, dass Avicii weit mehr als die alten Discjockeys der Branche Hitparaden und Festivals gleichermaßen eroberte. Und das überall. Sein Sound war zwar melodramatisch bis an den Rand des Schmalztiegels, aber nie berechnend aseptisch wie der des ähnlich erfolgreichen, aber so furchtbar seelenlos wirkenden David Guetta.

Trotz seiner technoiden Aura blieb Bergling der analogen Liedstruktur auf fast kindliche Art verbunden. Er arbeitete mit Robbie Williams zusammen, mit Wyclef Jean und Madonna, mit Billie Joe Armstrong von Green Day – er liebte das gesamte Spektrum populärer Musik. Das Geheimnis von Avicii, der Name verweist übrigens auf den buddhistischen Begriff für "Hölle", war von Beginn an, dass er das Metier der algorithmischen Rechnerkollage mit so viel Behaglichkeit ausübte. Dazu kamen sein jungenhafter Charme, sein Lächeln unter dem umgedrehten Baseballcap und eine Skandalfreiheit, ohne dass er je die verbissene Professionalität eines Paul van Dyk an den Tag gelegt hätte.

Dennoch machte Berglings Körper kaum vier Jahre nach seinem ersten internationalen Hit Levels, dem 2013 das gefeierte Debütalbum True folgte, nicht mehr mit. Nach längerer Krankheit wurde ihm 2014 die Gallenblase entnommen, es folgte eine Blinddarmoperation. Bergling schaltete einen halben Gang zurück, wirklich Pause machte er nicht. Der Erfolg war so immens, dass der stilisierte Namenszug Avicii längst zum globalen Label taugte. Das verhalf ihm zwischenzeitlich ins obere Dutzend der bestbezahlten DJs. Seine Musik taugte ebenso gut für den Junggesellinnenabschied wie für die gediegene Playlist im Szeneviertel.

Anfang 2016 war dennoch Schluss. Zumindest mit der Bühnenkarriere. Bergling wolle mehr Zeit für die Familie, hieß es offiziell. Und im Gegensatz zu jenen, die abseits vom gut dotierten Auflegen kaum Tonträger oder Downloads verkaufen, konnte Avicii weiterhin mit Einnahmen aus drei Alben und zwei Dutzend Chartsingles rechnen.

Doch obwohl er sich vom anstrengenden Tourleben zurückgezogen hatte, erlag Tim Bergling alias Avicii am Freitag mit 28 Jahren fernab seiner Heimat Problemen, so wird berichtet, mit der Bauchspeicheldrüse. Sein Werk wird nicht für die Ewigkeit bleiben. Avicii feierte den Augenblick. Er war ein Künstler des Moments. Als solcher jedoch ist er für viele unvergesslich.