Cecil Taylor ist nicht mehr da, gestorben am Donnerstag in seinem Haus in Brooklyn, wo er seit vielen Jahrzehnten lebte. Er wurde 89, ein hohes Alter, zumal für einen Jazzmusiker, dem nichts Menschliches fremd war.

Er war ein Mann der Männer, des Tabaks, des Champagners, der Beschwörung. Die Bühne betrat er auf Wollsocken. Er raunte, er zischte, er tanzte um das Klavier. Er schwenkte Papiere, keine Noten darauf. Er rief: "Po! To! Mi! Ta!", und die Worte verschwammen vor dem Dunkel der Kulisse.

Dann berührte er den Flügel. Wer ihm je die Hand gegeben hatte, wusste, mit welchem Druck. Die Tastatur war das Fitnessstudio seiner Finger. Musik war ihm Kraft, Schweiß und Exzess. Er übte von früh bis spät. Wieder und wieder und wieder diese mäandernden Läufe: Sie schrieben sich seinen Nervenbahnen ein. Kopf, Hals, Brust, Arme, Teller, Kanten, Kuppen. Lenden, Schenkel, Fesseln, Zehen.

Auch sein Publikum musste das üben: ihn zu hören. Er hatte den Fluss und den Überfluss bis hin zum Überdruss. Er konnte nicht aufhören. Er spielte zwei Stunden, ohne zu unterbrechen oder nachzulassen. Er spielte und spielte und spielte und spielte und spielte. War das noch Spielen? Er machte Karate am Klavier, er fräste quer über die Tasten, das Wasser spritzte ihm von der Stirn.

Musik als Anrufung des Höchsten, animalisch, getrieben, vergänglich, gegenwärtig. Free Jazz! Viele ertrugen das nicht. Dabei führte das Wort in die Irre. Denn was er da machte, hatte außer Hand und Fuß auch Verstand. Und wieder diese mäandernden Läufe, wieder und wieder und wieder, sie waren strukturiert bis in die letzte Nuance. Manchmal, in seinen späteren Jahren, spielte er Zugaben – nach zwei Stunden Raserei plötzlich eine ruhig atmende Miniatur: lyrisch, ausbalanciert, schön. Als sei es ihm nur um diesen Moment gegangen.

Er konnte alles sagen mit allen Noten oder mit ganz wenigen. Er war ein Wahnsinniger und ein Erleuchteter, ein irisierendes Genie. Hat er 50 Platten gemacht oder 100? Hier nur mal drei Beispiele.

The World of Cecil Taylor aus dem Jahr 1960, da scheint noch alles in Ordnung zu sein. Ein schwarzer Jazzpianist spielt ein Thema aus einem Hollywoodfilm, This Nearly Was Mine. Eine verzweifelte Soldatenliebe in achteinhalb Minuten: Fast hätt ich dich gehabt. Aber dann spielt er sein Solo und während seine Begleiter an Bass und Schlagzeug so tun, als ob nichts wäre, lässt er Melodie, Harmonie und Rhythmus kollabieren, fällt aufs Langsamste und Faszinierendste aus allem raus: eine Vorstudie dessen, was da folgen soll.

Zum Beispiel Silent Tongues, aufgenommen beim Jazzfestival in Montreux 1974. Die Wellen der Reflexion, die an- und ablaufen, alles ist in Bewegung, ein Wogen auf allen Ebenen in Zeit und Raum, Dehnung und Dichtung, Ausdehnung und Verdichtung: Free Jazz? Never!

Und dann das Beste: The Feel Trio. Cecil Taylor mit William Parker am Bass und Tony Oxley am Schlagzeug. In Looking (Berlin Version), aufgenommen am 2. November 1989 in Berlin, bringen sie die Mauer zum Einsturz. Das ist jetzt wirklich krasse Musik: Taylors repetitive Tänze, Parkers ostinates Beharren, Oxleys fluide Rhythmik, die ohne allen Takt auskommt. Bis heute eine sichtbare Erhebung in der weiten Landschaft des Pianotrios. Free Jazz? Ja. Ja, ja. (Und nein.)

Cecil Taylor hat den Free Jazz in Form gebracht und zur Höhe geführt. Freiheit als transzendierte Kunst, in der alles Historische aufgehoben ist: Ruf und Antwort der Baumwollfelder, die blauen Noten, der Swing, die europäische Klassik, das indianische Erbe und das wilde Ego mit dem Kodex der Zivilisation.

Danke.