Es ist natürlich nicht schön, so etwas zu schreiben, aber am Ende muss man Kollegah und Farid Bang sogar ein wenig dankbar sein. Seit Jahren wurden die Verantwortlichen des Musikpreises Echo dafür kritisiert, dass ihre Auszeichnungen sich fast ausschließlich an kommerziellen Gesichtspunkten orientieren; dass nicht die besten, wagemutigsten, innovativsten oder sonst wie künstlerisch interessantesten Musikerinnen und Musiker mit einem Echo bedacht wurden, sondern diejenigen, die am meisten Alben und Downloads verkauften.

Maßgeblich war nie die Qualität, sondern im Wesentlichen der wirtschaftliche Erfolg. All dies wurde über die Jahre ausgiebig dargelegt und infrage gestellt, doch die Kritik fruchtete wenig, weder bei den Verantwortlichen aus der Musikindustrie noch bei den übertragenden Fernsehsendern. Bis 2016 war das die ARD, dann der Privatsender Vox. Die kommerzielle Orientierung galt als unhintergehbare Voraussetzung des Preises – bis die Rapper Kollegah und Farid Bang kamen und mit einer einzigen Zeile alles abrissen, worauf der Echo seit Jahrzehnten fußte.

Protest bringt den Preis zum Einsturz

Mit dem Musikpreis in seiner bisherigen Form ist es nun vorbei. Der Echo wird abgeschafft. Das teilte der Bundesverband der Musikindustrie (BVMI) am Mittwoch mit. Diese Entscheidung gilt nicht nur für den Popmusik-Echo, um den in den vergangenen Wochen so hitzige Diskussionen entbrannt waren. Sie gilt auch für den Echo Klassik und den Echo Jazz, die – anders als der Popmusik-Echo – schon vorher von Jurys und nicht von Verkaufszahlen bestimmt worden waren.

Der Echo wird abgeschafft, weil zahlreiche Künstler – von Marius Müller-Westernhagen bis Daniel Barenboim, von Klaus Voormann bis Igor Levit – ihre Trophäen zurückgegeben haben, aus Protest dagegen, dass Kollegah und Farid Bang in diesem Jahr für ihr Album Jung, brutal, gutaussehend 3 einen Echo in der Kategorie "Hip-Hop Album des Jahres" erhielten. Und dies, obwohl sich darauf eine tendenziell antisemitische, mindestens enorm geschmacklose Zeile findet: "Und wegen mir sind sie beim Auftritt bewaffnet/ Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen".

Antisemitismus war nicht das einzige Problem

Diese Zeile war jedenfalls der Anlass für die allgemeine Erregung – wenn man das Album ganz durchhört, findet man leicht noch viele weitere Gründe, sich von Kollegah und Farid Bang abgestoßen zu fühlen. Sie schwelgen ausgiebig in Gewaltfantasien, sie wollen Menschen, die ihnen nicht passen, mit einem "Sprengstoffgürtel" massakrieren oder mit einem Lkw, "als wärst du auf dem Weihnachtsmarkt"; und damit haben wir noch nicht einmal von dem trostlosen Sexismus geredet, der ihre sämtlichen Texte durchzieht ("Dein Chick ist 'ne Broke-Ass-Bitch, denn ich fick sie, bis ihr Steißbein bricht").

Bereits vor der Verleihung war gegen die Nominierung protestiert worden. Der Ethik-Beirat des Echo plädierte dann aber dafür, Kollegah und Farid Bang in die Show zu lassen, der BVMI versprach, die öffentliche Debatte während der Veranstaltung aufzugreifen. Tatsächlich schickten die Verantwortlichen nur den edlen Alt-Punker Campino vor, um ein Statement gegen Sexismus, Homophobie und Antisemitismus zu verlesen – und spendierten den Rappern dafür am Schluss der Veranstaltung eine Showeinlage, bei der sie in Reichsparteitagskulisse mit vermummten Sturmtruppen und Flammenwerfern posierten; es hätte nur noch ein Fackelzug gefehlt, eine wirklich unfassbare Szene, eine Kapitulation vor der Macht der Provokateure.