Nach der Echo-Verleihung an die beiden umstrittenen Rapper Kollegah und Farid Bang wirkt es so, als würde sich das deutsche Kulturmilieu den Sand aus den Augen reiben. Da war ja tatsächlich was! Marius Müller-Westernhagen will seine Echos nicht mehr. Und auch der Pianist Igor Levit und der Musiker und Grafiker Klaus Voormann geben ihre Preise zurück. Der Bundesverband Musikindustrie denkt darüber nach, die Kriterien zur Echo-Preisvergabe zu überarbeiten. Und Christian Höppner verlässt aus Protest den Beirat des Musikpreises. Nach der Verleihung ist plötzlich die Aufregung da, die man sich eigentlich vorher gewünscht hätte.

Immerhin: Es findet ein Reflexionsprozess statt. Und das ist gut so. Denn der ganze Vorgang ist an Peinlichkeiten und Fremdscham-Momenten kaum mehr zu überbieten. Es wäre ein Desaster für die Musikindustrie geworden, wäre die Preisverleihung an Kollegah und Farid Bang ohne Folgen geblieben. Was bleibt, ist dennoch die Verwunderung darüber, dass erst jetzt die Einsicht kommt, dass man zwei umstrittenen Künstlern kommentarlos eine Bühne gegeben hat, damit sich diese für ein mittelmäßiges Musikalbum mit sexistischen, tendenziell antisemitischen Inhalten feiern lassen können. Und das ohne großen Protest.  

Bei der Preisvergabe reagierte allein Toten-Hosen-Sänger Campino, indem er zitternd einen Aufruf für mehr Toleranz verlas. Seine Nervosität mag auch an dem Umstand gelegen haben, dass er mit seinen Widerworten ziemlich allein dastand. Es wäre gut gewesen, wenn weitere Künstler seinem Aufruf gefolgt wären und sich zur Kollegah-Affäre geäußert hätten. Auch die duckmäuserische Strategie des Echo-Ethikrats, Kollegahs Inszenierung kommentarlos abzunicken und dies als Dialogbereitschaft zu verkaufen, war kontraproduktiv, peinlich und feige.

Klar, eine perfekte Lösung hätte es ohnehin nicht gegeben. Der Echo-Preis ist eine Selbstbeweihräucherung der Musikindustrie, die sich vor allem für ihre Verkaufszahlen feiern lässt. Die Vergabekriterien sind, wie sie sind: Die Hauptpreise bekommen nicht die besten Künstlerinnen oder die talentiertesten Künstler, sondern jene Musikschaffenden, die die meisten Platten verkaufen. Man kann Kollegah seinen Erfolg nicht ankreiden. Sehr wohl kann man aber auf einer öffentlichen Veranstaltung die Frage stellen, warum so viele – vor allem junge – Menschen zu einem Künstler aufblicken, der Verschwörungstheorien verbreitet, verquere Auschwitz-Metaphern verbreitet ("Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen", heißt es auf einem Bonustrack der gewürdigten CD) und damit auch noch sehr viel Geld verdient.   

Die ganze Inszenierung ist das Problem

Um nicht falsch verstanden zu werden: Kollegahs Raptexte sind für sich genommen nicht mal das zentrale Problem. Man kann sogar argumentieren, dass sie unter die künstlerische Freiheit fallen. Der Hip-Hop an sich ist voll von Übertreibungen und ironisch formulierten Gewaltfantasien, die zum Sprachspiel des Genres gehören. Noch viel problematischer ist bei Kollegah die Gesamtinszenierung: Was er als Privatperson sagt und wie er seine verquasten politischen Positionen mit seinen künstlerischen Ausdrucksformen verbindet. Bei ihm fallen Privat- und Rap-Inszenierung in eins.

Die linke Hip-Hop-Gruppe Antilopen Gang hat es in einem Facebook-Post auf den Punkt gebracht: Kollegah geriere sich "mittlerweile wie ein faschistischer Agitator, der auf seinem YouTube-Kanal mit enormer Reichweite den Volkszorn gegen die Mächtigen, die Medien und andere Feinde schürt", heißt es dort. Dies in Kombination mit zum Teil antisemitischen Texten machen Kollegah zu einem fragwürdigen Künstler, der nicht kommentarlos gewürdigt werden darf.

Welche Lehren kann man aus dem Echo-Desaster nun ziehen? Natürlich ist es richtig, darüber nachzudenken, die Kriterien der Preisvergabe zu reformieren, damit sich solch ein Skandal nicht wiederholt. Die Musikindustrie darf sich selbst feiern, das steht ihr zu. Nur muss sie überlegen, ob es ein Mindestmaß an moralischen Normen gibt, dessen Überschreitung – trotz des kommerziellen Interesses – einer uneingeschränkten, kommentarlosen Würdigung zuwiderläuft. Ansonsten wird der Echo-Preis nicht nur bedeutungslos sein, sondern für jede Künstlerin und jeden Künstler vor allem eins: eine große Peinlichkeit. Der Preis eben, den auch Kollegah bekam.