In den Siebzigern und Achtzigern schrien Rock und Punk, schrie Willy Brandt. In den Neunzigern schrien die Beastie Boys, Public Enemy und NWA wunderbar frisch und frei den Rap in die Welt, schrie Frank Castorf sein Personal an und sein Personal in die Welt. Herrlich! Und auch im Berufsleben war der Charismatische oft der Laute, schrie seine Firma oder seine Abteilung an – stolz, patriarchalisch und mit Power nach vorn.

Aus Power wurde über die Jahre Ignoranz und Besitzstandswahrung. In der populären Musik inklusive Rap, Rock und Punk sind in den Nullerjahren die Formen erstarrt, es hat sich kaum Neues entwickelt. Das Theater blieb mit wenigen tollen Ausnahmen eine Repetition des Ewiggleichen – werkgetreue Langeweile, blutleere Abstraktion oder spuckendes Gebrüll, egal ob in Berlin oder irgendwo in der Provinz. Schröder und Fischer waren in den frühen Tagen noch Rock, aber nach ein paar Jahren hatten sie selbst und ihr Publikum keinen Bock mehr. Dafür keifen seit 2015 ein paar hundert Pegida- und AfD-Freunde ihre Unfähigkeit im Umgang mit dem immerwährenden Wandel von Stadt, Land und Gesellschaft schrill über Marktplätze. 87 Prozent der Bevölkerung wollen damit nichts zu tun haben.

Wenn heute im Büro jemand seinen Kollegen anschreit, schütteln sich alle anderen entsetzt – und der kluge CEO ruft ihn in sein Büro, erklärt dort ruhig, dass wir das Jahr 2018 schreiben, und empfiehlt einen Coach oder eine Auszeit.

Schreien passt heute nicht mehr zum modernen, selbstbestimmten Leben der meisten Menschen. Fachkräftemangel ist drastische Realität, und kein fähiger junger Mitarbeiter bleibt heute freiwillig in einer Firma, einer Behörde oder in einem Kulturbetrieb, wenn er dort angeschrien wird. Selbst Jack White, einer der innovativeren Rockmusiker der vergangenen 20 Jahre, sagt im Interview: "Lange Haare haben und schreien genügt schon lange nicht mehr."  

Im Berliner Ensemble hatte kürzlich Rainald Goetz’ Krieg Premiere, einer der besten Theatertexte der letzten 40 Jahre. Nach einem furiosen Caspar-David-Friedrich-Anfangsbild begannen die eigentlich fähigen Schauspieler, den sprachlich brillanten Text weitgehend wegzuschreien und abzusabbern. Weil der Regisseur Robert Borgmann das aus unverständlichen Gründen so angeordnet hatte. Der Inszenierungsstil hätte einen alten Sack vermuten lassen – umso erstaunlicher, dass der Mann ein Kind der Achtzigerjahre ist, so wie der Musiker, um den es in diesem Artikel eigentlich gehen soll. Aber langsam. Say what? Der Saal jedenfalls leerte sich im Laufe der viereinhalbstündigen Aufführung spürbar, denn auch im Theater will der denkende Mensch heute nicht mehr angeschrien werden.

Lässig, fließend, boujee

Zu Beginn seiner Karriere im Jahr 2002 war der Südberliner Gangster-Rapper Fler einer der größten Schreihälse. In den glorreichen Hochzeiten des Labels Aggro Berlin so etwas wie Ghostwriter von Bushido und Sido, hatte er selbst einige Charterfolge, stritt sich nach und nach mit jedem und allen, inner- und außerhalb der Szene. Gipfelnd in heftigen Beefs mit dem Düsseldorfer Rapper Farid Bang – und mit dem Welt-Autor Frédéric Schwilden, inklusive scharf getwittertem Haustürbesuch, der das Feuilleton sehr empörte, erfreulicherweise aber keine realen Todesopfer forderte.

Nach diesem Zwischenfall in 2014 bewegte sich in der Welt der populären Musik plötzlich etwas, und zwar zunächst in den amerikanischen Südstaaten. So wie einst in den Fünfzigern der hektisch-animalische schwarze Bebop vom langsameren, souveränen schwarzen Cool Jazz mit seinen eigenartig schwebenden, dunklen Sounds abgelöst wurde, entwickelt sich seither rund um Atlanta aus dem klassisch shoutenden Gangster-Rap etwas Aufregendes, ebenfalls schwebendes Neues.

Es heißt Trap – und es handelt sich rein formell um Sprechgesang zu den Themen Geld, Sex und Drogen. Selbst der unerfahrene Hörer merkt nach wenigen Takten, dass hier etwas anders ist: Die Akteure sind, frei nach dem Titel der Trap-Hymne der Band Migos, bad and boujee geworden. So ist der Sound deutlich vielschichtiger und damit bourgeoiser (also boujee), das Tempo ist von über 100 BPM auf unter 80 gesunken, die Beats sind plötzlich nicht mehr angestrengt, sondern lässig und fließend – und die Rapper schreien nicht mehr, sondern sie erzählen, murmeln, singen völlig entspannt und setzen mit der Beschreibung von bourgeoisen Luxusprodukten einen neuen inhaltlichen Schwerpunkt.

Vom amerikanischen Trap inspiriert hat ausgerechnet der früher musikalisch so grobe Fler nun das musikalisch bislang überzeugendste Album in der eher durchwachsenen Geschichte des deutschen Rap herausgebracht: Es heißt Flizzy.

Den Track Big Dreams zum Beispiel eröffnet Fler nicht etwa mit hartem Rap, sondern er singt (!) mit sanft-souveräner Stimme über eine Pistole – bevor helle Hi-Hats einsetzen und die US-Rap-Legende Rick Ross das Tempo anzieht. Fler setzt am Schluss mit der Schlüsselzeile "Ich ess' vom Teller, den ich früher mal gewaschen hab" das inhaltliche Hauptthema des Albums, nämlich seinen erstaunlichen Fortschritt auf dem Weg vom Heimkind zum lässig-neobourgeoisen Künstler.