Igor Levit ist einer der bekanntesten Pianisten der Welt. Der 31-jährige wurde 2014 mit dem Klassik-Echo ausgezeichnet, aus Protest gab er den Preis nun zurück. Gerade bereitet er sich in Amsterdam auf ein Konzert mit dem Royal Concertgebouw Orchestra vor.

ZEIT ONLINE: Herr Levit, wie einige andere Musiker haben Sie Ihren Echo dem Bundesverband Musikindustrie zurückgegeben. In ihrer Begründung schreiben Sie, die Vergabe des Echos an Kollegah und Farid Bang sei ein "vollkommen verantwortlungsloser, unfassbarer Fehltritt der Echo-Jury und gleichzeitig auch Ausdruck für den derzeitigen Zustand unserer Gesellschaft". Welchen Zustand haben Sie im Sinn?

Igor Levit: Ich meine die Konsensverschiebung, die seit einigen Jahren in der deutschen Gesellschaft stattfindet. Dinge, die gesellschaftlich völlig inakzeptabel waren und auch nicht unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit toleriert wurden, sind plötzlich wieder Konsens. Die Verschiebung findet laut und leise statt, in den Medien und in der Politik. Darin liegt das wirkliche Problem.

ZEIT ONLINE: Die Texte von Kollegah und Farid Bang enthalten geschmacklose Kommentare zu Auschwitz-Häftlingen und spielen mit antisemitischen Verschwörungstheorien. Würden Sie wirklich sagen, dass solche Inhalte inzwischen Konsens sind?

Levit: Das hoffentlich nicht. Aber durch die Vergabe des Echo wurden sie auf unerträgliche Weise legitimiert. Natürlich muss man sich fragen, was in den Köpfen der Leute vorgeht, die Musik mit solchen Texten nicht nur kaufen, sondern diese glorifizieren und sich selbst damit identifizieren. Erschreckend ist aber zunächst, dass die Verantwortlichen des Echo offenbar nicht Willens waren, diese Preisvergabe zu verhindern.

ZEIT ONLINE: Schon die Nominierung von Kollegah und Farid Bang war heftig kritisiert worden. Die Organisatoren des Echo ließen sie daraufhin von einem Ethikbeirat prüfen. Geschäftsführerin Heinz sagte, die Sprache des Battle-Rap sei "hart und verbale Provokationen (…) ein typisches Stilmittel". Sie verwies auf die Kunstfreiheit und darauf, dass sich das Album Jung, brutal, gutaussehend 3 mehr als 200.000 Mal verkauft hat. 

Levit: Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis. Für die Kunstfreiheit zu leben und zu kämpfen ist eine Sache. Freiheit von Zensur ist sehr wichtig. Aber es gibt auch eine Freiheit zu etwas. Jeder trägt Verantwortung. Worte sind Macht, Worte machen Klima. Wir müssen schon definieren: Was ist Kunstfreiheit, was ist Meinungsfreiheit und was ist gesellschaftliches Gift? Imaginäre Auschwitz-Insassen mit Füßen zu treten ist gesellschaftliches Gift! Von mir aus soll Kollegah seine Alben machen dürfen. Aber ich werde mit allem, was ich habe, dagegen kämpfen.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Sie würden sagen, solch ein Album sollte zwar nicht verboten werden, hätte aber auf keinen Fall mit einem Preis gewürdigt werden sollen?

Levit: Richtig. Ich bestimme nicht darüber, was auf den Index kommt. Aber wenn ich mit solchen Texten konfrontiert werde, dann muss der Mensch, der sie fabriziert hat, damit rechnen, dass er die volle Breitseite zurückbekommt. Wenn man den Hergang sieht, darf man sich fragen: Was macht der Ethikbeirat des Echo eigentlich beruflich?