© BB*Island

Gris-de-Lin – Sprung (BB*Island)

Kontrollsucht ist nicht gerade die sympathischste Eigenschaft, künstlerisch betrachtet aber vielfach ertragreich. Die Bandmusiker von  Zappa, Bowie oder Prince litten doch ganz erstaunlich unter den Geniestreichen ihrer Chefs. Die Sängerin Gris-de-Lin aus dem englischen Dorset kontrolliert alles, aber belästigt damit niemanden: Ihr Debütalbum Sprung hat sie praktisch allein aufgenommen. Sie schreibt melancholisch trotzige Texte über ihr Gefühlsleben, unterlegt sie mit ausgefuchsten Postrockstrukturen und spielt auch noch die meisten der Instrumente ein, darunter Saxofon, Klavier, Drums, Gitarre und Synthesizer. In lauteren Sequenzen erinnern die elf Resultate an den rohen Hardcore von Shellac, in den leiseren an Björks süßen Feenfolk, dazwischen findet sich hier und da ein Körnchen The Notwist. Am ehesten wäre dieser (angeblich im Kindergarten aufgenommene) Alleingang daher wohl mit einer Art New Prog beschrieben. Vom experimentellen Artrock bis zur lieblichen Popballade sind außer Hip-Hop viele Genres dabei. Und auf der Bühne, heißt es, sogar andere Musiker.



© Beyond The Groove

Tom Misch – Geography (Beyond The Groove)

Und gleich noch so ein Alleskönner/Allesmacher/Alleswoller,  der schon als Teenager diverse Klangkosmen abgegrast hat: Tom Misch. Mit 22 Jahren veröffentlicht der Gitarrist und Geiger, Produzent und DJ, Sänger und Komponist aus London nun sein Debütalbum und gewinnt dem funkigem Nu Soul sogar noch ein paar besondere Seiten ab. Gleich im Eröffnungsstück Before Paris zittert sich eine Violine durch ein Kneipengespräch über Künstlersein und -werden, bevor ein paar leger gezupfte Jazz-Riffs den Tonfall von Geography festlegen: traumwandlerisch versiert und überaus lässig. "You have to love it / you have to breeze it", heißt es im Stimmgewirr weiter, "it’s your morning coffee / your food". Und beides wird noch delikater, weil danach zwölf Stücke lang digital aufgebrezelter Future Funk durch die Siebzigerdisco wabert, als würde er Bruno Mars mit Earth, Wind & Fire versöhnen. Wenn sich die Gaststars von De La Soul dann auch noch aus dem Hintergrund ins Rampenlicht von It Runs Through Me rappen und später Steve Wonder gecovert wird, ist das Wintereis endgültig gebrochen.



© Fressmann

Wolfgang Müller – Die sicherste Art zu reisen (Fressmann)

Im Alter – Jugendlichen erscheint das meist rätselhaft – sehnt sich der (deutsche) Mensch nach Obhut, Frieden, etwas Ruhe. "In einem Meer aus Hass / wo sich die Wellen verbeißen", singt Wolfgang Müller ein paar Jahre jenseits der 40 auf seinem neuen Album, fragt, "sag was ist da / die sicherste Art zu reisen?" und beantwortet es flugs selbst. Musikalisch gewärmt von einem Heizkissen aus Gitarren, Streichern und Querflöte steckt er sich lieber Blumen ins Haar, als Trolle zu füttern und ist "endlich nicht mehr dagegen / ich bin nur noch dafür". Als Reaktion eines multimedienmüden Fortysomethings auf das Hamsterrad unserer Zeit klingt das seltsam artig, sittsam, fast brav. Es könnte rückwärtsgewandt wirken, nahezu welk, wenn sich Müller mit seiner leicht kratzigen, aber erstaunlich jungen Stimme durch die Lebensbrüche seiner Alterskohorte reimt. Doch atmosphärisch zwischen Moritz Krämer und Tom Liwa schrammt seine Alltagslyrik oft elegant und lebensklug am Kitsch vorbei. Die sicherste Art zu reisen ist daher gewiss nicht die aufregendste, aber kultivierteste des erwachenden Frühlings.



© Rocket Recordings

Mien – Mien (Rocket Recordings)

Indierock hat sicherlich schon lange nichts mehr mit Independenz zu tun. Wer sich Mien anhört, könnte auf die Idee kommen, das Genre fortan indisch zu definieren. Der Sänger und Gitarrist Alex Maas, nebenbei Frontmann der texanischen Psycho-Band The Black Angels, hat eine Supergroup gegründet. Das selbstbetitelte Debütalbum garnieren Mien so konsequent mit der Sitar von Rishi Dhir (Elephant Stone), dass daraus eine Art amerikanisch geprägter Krautrock im östlichen Gewand wird. Tom Furse von The Horrors unterhöhlt das Ganze mit seinem monochromen Bass, und John-Mark Lapham (The Earlies) programmiert dazu eine halluzinogene Struktur, mit der bekiffte Stonerfans bekanntlich grundversorgt werden wollen. Die flächigen, nie breiigen Arrangements von Alex Maas verleihen den zehn Tracks zwar eine Bodenhaftung, mit der man auch nüchtern gut unterhalten wird. Doch wer beim Wiesentanz ins Morgenrot Farbe hören und Töne sehen möchte, verändert sein Bewusstsein wohl trotzdem lieber stofflich. Dass beides gleichermaßen funktioniert, spricht unbedingt für Mien von Mien.



© MPS/Music Produktion Schwarzwald

Malakoff Kowalski – My First Piano (MPS/Music Produktion Schwarzwald)

Ach, was ist die Moderne doch laut und hektisch. Überall Sound, nirgendwo Pausen, dauernd dieses Grundrauschen, als sei der Platz für Stille belegt. Ungefähr so muss sich Malakoff Kowalski gefühlt haben, als er sein viertes Album in Angriff nahm, der eigentlich eher ein Rückzug ist. Reduzierter noch als beim wunderbaren Vorgänger I Love You, auf dem der Hamburger mit Wohnsitz Berlin vor gut drei Jahren Richtung Nostalgie abdrehte, löst sich My First Piano nun förmlich in Luft auf. Besser: einen Windhauch. Weitestgehend allein mit sich und seinem Klavier pustet Aram Pirmoradi, wie ihn seine persischen Eltern 1979 in Boston genannt haben, Klangtupfer in den Himmel, als sei der eine Leinwand und die Erde der Kinosaal. Struktur zu erkennen wäre da die Sache fachkundiger Klassikhörer. Uns Laien mit Popappeal bleibt dagegen das Gefühl, man lausche dem Soundtrack eines Roadmovies in Zeitlupe, dessen Protagonist mal – wie im Titeltrack – melodramatischer Stimmung ist, mal – wie im anschließenden Is It Spring – den Aufbruch wagt, aber stets tief in sich ruht. Ein Album für die Leerstellen des Lebens selbst dort, wo längst schon keine mehr sind. Die Platte zum Runterkommen.