Entweder Hornbrillen oder Hohlbirnen?

Justin Vernon wäre gern Mouse on Mars. Das letzte Album seiner Band Bon Iver ließ daran keine Zweifel gelten: Auf 22, A Million erklang kaum noch jener Welterweichungsfolk, der Vernon zum Trostspender aller Norwegerpullis und rückläufigen Haaransätze gemacht hatte. Stattdessen hörte man ein Hupkonzert aus Störgeräuschen, Stimmmanipulationen und anderen Sounddefekten, aufgebrochene oder vollständig aufgegebene Songstrukturen, viel Kronk und auch etwas Krach. Also mit anderen Worten: Dinge, die Mouse on Mars seit mittlerweile 25 Jahren erkunden.

Die Sehnsucht des Popstars nach dem Kultstatus des nächstkleineren Nischenstars ist kein neues Phänomen. In den Neunzigern wollte Kurt Cobain sein wie der kindlich-abgründige Liedermacher Daniel Johnston. Um die Jahrtausendwende malte sich Thom Yorke, damals universell umjubelter Radiohead-Kopf, ein Leben als Aphex Twin der großen Festivalbühnen aus. Vergleichsweise neu ist allerdings der Umkehreffekt: Auf ihrem elften Album Dimensional People wären Mouse on Mars nämlich gern wie Justin Vernon. Oder zumindest so etwas Ähnliches.

Der Songwriter aus Wisconsin und die Klangforscher aus Wahlberlin trafen vor anderthalb Jahren aufeinander. Damals gehörten sie zum Line-up eines Festivals im Berliner Funkhaus, der ehemaligen Kommandozentrale des DDR-Rundfunks, die inzwischen als Edel-Konzertlocation mit angeschlossener Trambahn und Pizzeria in den Kulturbetrieb der Hauptstadt eingepflegt wurde. Während mehr als 100 Musikerinnen und Musiker das Programm der Veranstaltung in Spontansessions ertüftelten, verkroch sich Vernon mit Mouse on Mars hinter verschlossenen Türen. Eine Vertiefung der Zusammenarbeit erfolgte später in Wisconsin. Mit Dimensional People präsentieren Mouse on Mars die Ergebnisse dieser Begegnungen.

Konkret betrifft das die Tracks Dimensional People Part II und III, in denen sich Vernons teils zerstückeltes, teils urquellklares Falsett über eine Musik erhebt, die Maschinengeflacker sowie Holz- und Blechbläser zu einer Art Ambient-Jazz verbindet. Tatsächlich greift die Kollaboration jedoch viel tiefer und prägt auch jene Stücke des Albums, an denen Vernon gar nicht beteiligt war. Nie zuvor klangen Mouse on Mars so warm, einladend und sogar folkig wie hier: Zwischen westafrikanischem Funk, Froschteich-Samples und hitzigem Gefiedel darf in Foul Mouth auch eine astreine Bon-Iver-Gitarre aufspielen. Wenigstens ein paar Akkorde lang.

Privatbereich im Funkhaus

In einer an Schlenkern nicht armen Karriere markiert diese jüngste Neuerfindung von Mouse on Mars einen besonders willkommenen Einschnitt. Seit Andi Toma und Jan St. Werner von Düsseldorf nach Berlin gekommen sind, wo sie mittlerweile einen kleinen Privatbereich im Funkhaus beackern, bringen sie nicht nur weniger, sondern auch zunehmend komplexe Musik heraus. Man kann sich natürlich schön einrichten zwischen Mischpult, Bildschirmen, Synthesizern und ewigem Kabelsalat. Man kann sich aber ebenso schön um den Verstand frickeln – gerade wenn es keine Deadlines mehr gibt, die für Existenz- und Versagensangst sowie sonstige Treibstoffe menschlichen Handelns sorgen.

Leider ist es so: Wer sich einen Zahnarztstuhl ins Wohnzimmer stellt, hat nicht automatisch bessere Zähne. Und wer aus jeder Maschine der Welt jedes noch so abgefahrene Geräusch herausholen kann, macht nicht automatisch bessere Musik. Studioalben von Mouse on Mars erschienen zuletzt nur noch im Sechs-Jahres-Takt. Sie wurden freiförmiger, verbissener und mit viel Aufwand um elektroakustische Elemente erweitert. Das Putzige ihrer früheren Genre-Experimente zwischen Techno, Dub und Krautrock wich immer häufiger einer kaum verhohlenen Protzigkeit. Mouse on Mars bewiesen, dass man für Muckertum weder Gitarre noch Schlagzeug oder Lederweste braucht. Manchmal reicht schon ein Laptop.

Stockhausens Nährlösung

Mit der von vielen Gastmusikern geprägten Compilation 21 Again inszenierten Toma und St. Werner vor vier Jahren ihren unrunden Bandgeburtstag als absolute Leistungsschau. Man hätte das verdienstvolle, um die Jahrtausendwende wegweisende Projekt eigentlich anschließend beerdigen können. Stattdessen verfeinert Dimensional People jetzt den kollaborativen Ansatz von 21 Again und erweist sich damit als wahres Jubiläumsalbum von Mouse on Mars. Das Duo findet zu jener Leichtigkeit zurück, die seine ersten Platten geprägt hatte – und schwingt sich nebenbei zu einer Neuauslegung der Geschichte von experimenteller Musik aus Köln und Düsseldorf auf.

Im "Studio für elektronische Musik", das der damalige Nordwestdeutsche Rundfunk Anfang der Fünfzigerjahre eröffnete, braute Karlheinz Stockhausen die Nährlösung Muttermilch für Mouse on Mars und viele artverwandte Projekte zusammen. Heutige Weltkulturerbe-Kandidaten wie Can (mit den Stockhausen-Schülern Irmin Schmidt und Holger Czukay) übertrugen dessen Errungenschaften auf neuartige Bandkonzepte und erfanden, damals noch in weitgehender Obskurität, den Krautrock. In Düsseldorf verabschiedeten sich Kraftwerk Mitte der Siebzigerjahre von den Charakteristika dieser jam- und improvisationslastigen Musik – irgendjemand musste schließlich Elektro-, Synth- und Art-Pop erfinden.

Alberne Glaubenskämpfe

Das Tolle an all diesen Künstlern ist noch heute, dass sie experimentell, kunstbeflissen und herausfordernd waren, aber nur selten akademisch klangen. Mouse on Mars atmen auf Dimensional People ganz ähnliche Luft: Selbst Stücke, die sich mehr für Geräusche als Rhythmen interessieren, bleiben körperbetont – man soll dieses Album gleichzeitig zerdenken und zu ihm tanzen können, über seine Finten, seine Gästeliste aus Techno-, Rock- und Soul-Prominenz oder den Erfindungsreichtum seiner Sounds staunen. Man soll es aber auch einfach geil finden können.

Selbst damit demonstriert Dimensional People seine Begeisterung für die jüngere Klangforschungsgeschichte des Rheinlands. Mitte der Neunzigerjahre gehörte Köln zu den weltweit wichtigsten Stützpunkten einer elektronischen Musik, die sich in zunehmend unübersichtliche Mikrogenres und Verästelungen aufspaltete. Dabei besonders umstritten: eine Abgrenzung der sogenannten Intelligent Dance Music von scheinbar weniger schlauer Clubmusik, die unterstellte, dass Techno entweder für Hornbrillen oder für Hohlbirnen gemacht werden muss. Plattenfirmen und Musikpresse interessieren sich seit jeher mehr für diese Unterscheidung als die von ihr betroffenen Künstler. Gebräuchlich ist sie trotzdem bis heute.

Dimensional People fällt ein Urteil in letzter Distanz zu diesem Streitpunkt. Alle Glaubenskämpfe, in die man sich wegen ein paar Computern und Synthesizern hineinsteigern könnte, erscheinen plötzlich albern in Gegenwart von Musik, die sich ohne erkennbare Anstrengung über vermeintliche Genregrenzen und Trennlinien zwischen Hoch- und Ramschkultur hinwegsetzt. Mouse on Mars agieren auf Dimensional People mit der Erfahrung eines Vierteljahrhunderts und der Neugier eines ersten Dates. Keine Ahnung, wie sie das machen. Und kein Wunder, dass Justin Vernon gern wie sie wäre.

"Dimensional People" von Mouse on Mars ist erschienen bei Thrill Jockey/Rough Trade.