© Alleviated Records

Mr. Fingers: Cerebral Hemispheres (Alleviated Records)

Und ja, man mag es angesichts der Debatten dieser Tage kaum noch glauben, aber es gibt eine Popmusik, die nicht von Hass, Gewalt und Ausgrenzung kündet, sondern von Liebe und Miteinander; eine Popmusik, die nicht den "battle" sucht und die Menschen nicht gegeneinander aufhetzen will und die sich nicht, wie der deutschsprachige Hip-Hop, über den wegen Kollegah jetzt alle reden, als schnödes "Abbild" einer schlechten Realität versteht – sondern als utopischer Vorklang einer besseren Welt, in der die Menschen nicht mehr so verhetzt und borniert sein werden und in der Hass und Heuchelei nicht mehr herrschen. "You may be black, you may be white / you may be Jew or Gentile / It don't make difference in our House", hieß es in den Achtzigerjahren in einem Stück, das heute zu den berühmtesten und prägendsten Werken der Popgeschichte überhaupt zählt: Can You Feel It von Mr. Fingers, in einem Remix aus dem Jahr 1988 versetzt mit einem predigtartigen Rap von Chuck Roberts: "In the beginning, there was Jack, and Jack had a groove / And from this groove came the grooves of all grooves". In dem Haus, in dem Jack herrscht – dem Haus der House Music –, wird niemand ausgeschlossen oder diskriminiert: "once you enter my house / it then becomes our house".

Der Vocal Remix wurde bekannter als das instrumentale Original, aber schon dieses allein ist epochal: Can You Feel It ist ein Gründungsdokument des Chicago House und damit der gesamten elektronischen Klubmusik, wie wir sie heute kennen. Und Mr. Fingers – geboren 1960 unter dem Namen Larry Heard – wurde zu einem ihrer aufregendsten Virtuosen: Hinternkickende harte Percussion versöhnte er in seinen Tracks bruchlos mit herzwärmenden, romantisch erhebenden Sounds; der frühe Techno hat ihm ebenso viel zu verdanken wie die spätere Deep-House-Musik. Über 30 Jahre dauert Heards Karriere nun schon, als Produzent und DJ war er unentwegt unterwegs. Aber es hat fast ein Vierteljahrhundert gedauert, bis er nun wieder ein ganzes Album unter dem Namen Mr. Fingers herausgebracht hat. Und Cerebral Hemispheres ist weit mehr als lediglich ein Alterswerk. Es durchmisst in anderthalb Stunden die gesamte Spannbreite des Heard’schen Schaffens vom minimalistischen Techno bis zum lässig verdaddelten Klimperhouse; es gibt kosmisch glitzernde Kraut-Elektronika zu hören wie von Klaus Schulze und vor allem viele sanfte, soulartige Stücke, manchmal auch mit Blues-Gitarre und Saxofon. Anfang der Neunzigerjahre wollte Larry Heard einmal ein Album mit Sade aufnehmen, doch beider Plattenfirmen verboten das Unterfangen. Manches hier klingt, als könne es aus den Sessions zu diesem verlorenen Werk stammen, eine schöne, lässig bewegte Musik, die zum Tanzen einlädt und tröstet.



© Kompakt

Fahrland: Mixtape No. 1 (Kompakt)

Auch die elf neuen Stücke, die der DJ und Produzent Alexander Geiger jetzt unter seinem neuen Pseudonym Fahrland vorgelegt hat, üben sich an der Versöhnung von Hartem und Zartem, von allzumenschlicher Empfindsamkeit und Maschinenmusik. Es gibt schön schnarrende Roboterstimmen über zuckenden Funk-Grooves zu hören, aber auch pumpende Bässe, zu denen ein Mensch fortpflanzungsbereit hechelt. Unter dem Namen Nass gehört Geiger lange schon zu den originellsten Künstlern des Kölner Kompakt Labels. Dessen typische Synthese aus rhythmischen Minimalismus und mal dick aufgetragenem (Wolfgang Voigt), mal vorsichtig drübergetupftem (Michael Mayer) Klangornament variierte er unter anderem durch Hinzufügung von zölibatär gezupften Indierockgitarren. Sein Fahrland-Albumdebüt Mixtape No. 1 umschließt diesen Stil nun mit der Aura eines kosmischen Leuchtens und der Sehnsucht nach vergangenen Zukunftsvisionen. Wie bei Mr. Fingers, werden auch hier – etwas in dem Stück Yesterday – wohlig brummende Housebeats mit käsig gelickten Gitarrensoli aus dem Bluesbereich kombiniert – ein Trend, der sich, soweit es mich betrifft, nicht notwendig durchsetzen muss.



© Mute

Chris Carter: Chris Carter’s Chemistry Lessons Volume One (Mute)

Kosmische Klänge und vergangene Zukunftsvisionen findet man auch auf dieser Platte; manche der 25 zwei- bis dreiminütigen Miniaturen könnten einem weiteren Alterswerk von Jean-Michael Jarre entsprungen sein. Aber kein Klimperfranzose aus den Siebzigerjahren ist hier zu hören und auch kein retroseliger Klangeleve aus der globalisierten Popgegenwart, sondern Chris Carter. Mit seiner ersten Band Throbbing Gristle reüssierte er in den Siebzigerjahren als Meister der musikalischen Misanthropie, in seinem Duo Chris & Cosey wurde er in den Achtzigern zum Pionier eines kalt glitzernden Elektrofunks, der gut auch als Soundtrack für Splatter- und Schlitzerfilme taugt. Auf seinem ersten Soloalbum seit 17 Jahren verneigt er sich nun aber vor den von ihm bewunderten Klangtüftlern vom BBC Radiophonic Workshop. Kunstvoll patinierten Retrofuturismus mischt er mit unbehaglich unterwehten Naturgeräuschen und Geistergesängen, zwischen komischen und kosmischen Geräuschen gibt es dabei keinen Unterschied, und der ideale Soundtrack für die nächste Almkäsewerbung ("Cernubicua") ist auch dabei.



© Universal

Sting + Shaggy: "44/876" (Universal)

Apropos Käse. Seit Beginn seiner Solokarriere im Jahr 1983 und der endgültigen Auflösung seiner Gruppe The Police drei Jahre später hat der als Gordon Matthew Sumner geborene Bassist und Sänger Sting einige der scheußlichsten Schallplatten der Popgeschichte aufgenommen – unübertroffen in ihrer Mischung aus mittelmäßiger Musikalität und gespreiztem Hochkulturgestus, klebriger Easy-Listening-Lulligkeit und den allseits angeberisch angebrachten Symbolen besonders "anspruchsvoller" Musik; beispielsweise knödelte er auf der Platte Songs from the Labyrinth aus dem Jahr 2006 zu einem gequält wirkenden Lautenspiel Lieder des aus dem elisabethanischen Zeitalter stammenden Komponisten John Dowland. Gemessen daran handelt es sich bei seinem neuen Werk 44/876 um einen echten Fortschritt. Man kann die Platte, die er mit dem jamaikanischen Pop-Reggae-Sänger Shaggy aufgenommen hat, durchaus hören, ohne sofort depressiv oder zornig zu werden. Es herrscht eine rhythmisch verschleppte, sonnenbeschienene Schunkeligkeit vor, die an die zu Unrecht weithin vergessene Goombay Dance Band erinnert und nur gelegentlich dadurch gestört wird, dass Sting zu singen versucht. Shaggy hingegen rappt gewohnt kompetent in dem ihm eigenen, leicht grunzenden Stil. Schon vor drei Jahren hatte er ja einen interessanten Vorschlag zur Befriedigung islamischer Terroristen unterbreitet: Man sollte einfach flächendeckend Marihuana und Bob-Marley-Platten an sie verteilen, denn wer guten Reggae hört und dazu kifft, ist zu entspannt, um noch Leute zu töten oder auch nur sinnlosen Hass zu predigen. Leider hat damals niemand auf ihn gehört, aber vielleicht könnte man es mit dieser Taktik jetzt einmal bei der islamischen Rapperszene in Deutschland versuchen?