Lauren Ruth - Well, Hell (Weekday Records) © Weekday Records

Lauren Ruth Ward – Well, Hell (Weekday Records)

Wer sich den aktuellen Pop genauer anhört, dem fällt darin schnell ein chronischer Mangel auf: Dringlichkeit. Es fehlt oft jener herzensgetriebene Eifer, der Musik vom Zeitvertreib und rein kommerziellem Interesse daran unterscheidet. Lauren Ruth Wards wunderbares Debütalbum Well, Hell als dringlich zu umschreiben, wäre hingegen noch stark untertrieben. Ihr Gesang durchströmt den fiebrigen Sound ihrer Platte wie heißes Wasser. Seit sie 2015 in Los Angeles heimisch wurde, hat die gelernte Friseurin aus Baltimore nach jahrelangem Schlingerkurs in Stilfragen offenbar endlich ihre Mitte gefunden – so wankelmütig die auch klingt. Begleitet von klassischer Bandbesetzung scheppert ihr Hippie-Glamrock mit in einer Inbrunst aus der Box, als ginge es um alles. Immer. Jedes Gefühl in jedem Lied. Gitarre, Bass, Schlagzeug stets am Rand der Ekstase. Die Siebziger auf Hochtouren, als hätte Janis Joplin sie noch erlebt. An das dauernde Tremolo in Wards dunklem Timbre muss man sich zwar ebenso gewöhnen wie an das gelegentliche Pathos in den neun Selbstverortungen. Wer das hinter sich gebracht hat, erlebt hier das dringlichste Debüt des Plattensommers.


Pressyes - On The Run (Ink Music) © Ink Music

Pressyes – On The Run (Ink Music)

Und als wäre Nostalgie das Postulat dieses jungen Sommers, suhlt sich auch René Mühlberger genüsslich in den Ausläufern des Flowerpower. Hatte sich der Gitarrist aus Wien mit seiner alten Band Velojet noch strikt am Sound der Sixties orientiert, reist sein Soloprojekt nun ein Jahrzehnt weiter Richtung Gegenwart und landet im teilsynthetischen Progrock der späten Siebziger. Von dort stammen schließlich auch sämtliche analogen Maschinen und Instrumente, mit denen er On The Run quasi im Alleingang eingespielt hat. Das Ergebnis ist ein fröhlich mäanderndes, lustig fiepsendes, luftig besungenes Potpourri der Gestrigkeit. Meist klingt es, als träfe Beck die Beach Boys am Düsseldorfer Rheinufer, um dort leicht bekifft in Erinnerungen zu schwelgen, wie nah sich Melancholie und Frohsinn sein können, ohne gleich selbstgefällig zu wirken. Dass die zehn Stücke dann auch noch Namen wie Summertime oder California tragen, wäre dabei ebenso unnötig gewesen wie das eine oder andere Gitarrensolo. Der Summer of Love tanzt hier auch ohne Holzpfahlwinken sehr unterhaltsam im Stroboskoplicht weiter.


Aidan Moffat & RM Hubbert - Here Lies The Body (Rock Action) © Rock Action

Aidan Moffat & RM Hubbert – Here Lies The Body (Rock Action)

Was große Erfahrung, noch größere Gelassenheit und grandiose Virtuosität auch aus Stimmen herauskitzelt, die weder singen noch rappen, sondern einfach so vor sich hin erzählen, belegt eine Band der betagteren Art: Aidan Moffat, allenfalls Nischenkundigen vom Slowcore-Duett Arab Strap bekannt, hat sich mit seinem schottischen Landsmann RM Hubbert zusammengetan, der zumindest daheim in Glasgow als einer der besten Indierock-Gitarristen unserer Zeit gilt. Gemeinsam machen die zwei Mittvierziger einen Sprechgesang, bei all seiner musikalischen Verschwiegenheit einiges zu berichten hat. Moffat brummt verschrobene Poesie von den Narben des Lebens und die Liebe als Balsam über sein meisterhaftes Picking. Wegen des Dialekts ist das so schwer zugänglich, dass man die Texte eher als Grundraunen wahrnimmt. Dank der Aura aus Geigen, Drones, Percussion und dem feenhaften Gastgesang von Siobhan Wilson wird Here Lies The Body jedoch zum Manifest der maximalen Wirkung durch minimalen Einsatz. Ein Album zum Absinken.


Sean McGowan - Son of the Smith (Xtra Mile Recordings) © Xtra Mile Recordings

Seán McGowan – Son of the Smith (Xtra Mile Recordings)

Wer es als Erfüllung eines ganz großen Traumes bezeichnet, den unverzagten Klassenkämpfer Billy Bragg auf Tour begleitet zu haben, der offenbart zwei Dinge von sich: Offenbar steht er noch am Anfang seiner Karriere. Und er trägt das Herz am linken Fleck. Die Rede ist von Seán McGowan, ein Mittzwanziger aus Southampton, der seinem bald dreimal so alten Idol in vielerlei Hinsicht ähnelt, ohne ihm zu gleichen. Schon der Titel seines Plattendebüts Son of the Smith verströmt eine proletarisch geprägte Streitlust, die anders als hierzulande eher durch galligen Folkrock Gehör verschafft als im artigen Bergmannschor. Doch wie ihr Mentor beschränkt sich Seán McGowans Band nicht darauf, parolenhaft die Verhältnisse anzuprangern. Mit Fiddel und Krach und Melancholie und, ja, gehöriger Wut macht sie daraus folkloristischen Spaßpunk, der nicht nur wegen des breiten Cockney-Slangs an Jamie T und die Levellers erinnert. Liebeskummer hat darin ebenso viel Raum wie Gerechtigkeitsfuror. Und zu beidem kann man Arm in Arm von einer besseren Welt träumen oder entfesselt durch den Club hüpfen. Billy wäre entzückt.


Arctic Monkeys - Tranquility Base Hotel & Casino (Domino) © Domino

Arctic Monkeys – Tranquility Base Hotel & Casino (Domino)

Der Ruf nach radikaler Erneuerung ist die wohl größte Bigotterie des Pop. Weder Gäste noch Käufer wollen von einer Band ja etwas anderes als das Bekannte hören. Die Arctic Monkeys waren daher gut beraten, sich auf den Nachfolgern ihres epochalen Debüts kaum zu wandeln oder wie es im PR-Deutsch heißt: erwachsen zu werden. Ihr sechstes Album jedoch offenbart einen Sinneswandel, der auch damit zu tun haben dürfte, dass es von Alex Turner, dem Kopf der Band, produziert wurde. Nicht nur atmosphärisch erinnert Tranquility Base Hotel & Casino nämlich an dessen Last Shadow Puppets. Mit großer Eleganz, aber gedrosseltem Tempo reist die Platte zurück in den Cool der frühen Sechziger, als es beim Paartanz noch um Anmut im Anzug ging. Selbst den diskoesken Bombast des Vorgängeralbums AM hat der Sänger seiner alten Band zugunsten eines Vintage-Appeals ausgetrieben, der Frank Sinatra näher ist als fünf Jahre zuvor Franz Ferdinand. Ab und an zersägen hochgestimmte, grob verzerrte Gitarren zwar noch die Cocktailbarstimmung. Darüber hinaus aber wird auf Tranquility Base Hotel & Casino nicht nur das Outfit der Ex-Garagenrocker aufgebügelt, sondern auch ihr Sound. Lässig, kreativ und energisch ist er noch immer, mitreißend nur selten.