Wie alle deprimierten, verzagten und sonst wie normalen Menschen hat auch Courtney Barnett verstanden: Das Schlimmste am Tag ist das Aufstehen. Alles, was danach kommt, lässt sich während des langsamen Zurückgleitens in die bevorzugte Schlafposition erledigen. Barnett gilt als Spezialistin der ruhigen Kugel, als Faulpelz mit Out-of-bed-Frisur und altmodischen Gitarrenideen. In einer weniger sorgenvollen Epoche der Weltgeschichte hätte man ihr zweites Album Tell Me How You Really Feel als Instantklassiker der rockmusikalischen Arbeitsverweigerung durchgewunken. Zu den Begebenheiten im Jahr 2018 wollte sich Barnett jedoch etwas mehr einfallen lassen.

Zwei Lieder im Programm der Songwriterin aus Melbourne handeln von der Unmöglichkeit des Aufstehens. Das erste hieß Avant Gardener und brachte ihr vor fünf Jahren den Durchbruch: Minutiös und scheinbar ungerührt vom eigenen Zustand beschrieb Barnett darin Episoden ihres Alltags aus dem kleinen Zeitfenster zwischen Aufwachphase und erster Panikattacke am Morgen. Es ging um das Wetter im australischen Sommer, um Tomaten, Maiskolben und Inhalatoren. Es war sehr traurig, aber auch ein bisschen lustig.

Auf dem neuen Album Tell Me How You Really Feel führt der Song City Looks Pretty die Tradition von Barnetts Aufstehliedern fort. Er beginnt mit der Vorahnung eines Gitarrensolos, das aufmerksame Zuhörer bereits aus Avant Gardener kennen. Die Lage hat sich jedoch noch einmal an allen Fronten verschlechtert: Es geht um das Wetter im australischen Winter, um Tage ohne Tageslicht und die Suche nach irgendetwas, wofür man dankbar sein könnte. "Sometimes I get sad/It's not all that bad", lügt sich Barnetts Protagonistin in die eigene Tasche. Mit einem Classic-Rock-Outro dreht City Looks Pretty die Stimmung auf Erhabenheit.

Dieses Outro ist so ausführlich wie staatstragend: In 120 Sekunden illustriert es den Unterschied zwischen Barnett im Jahr 2013 und 2018. Waren es zu Beginn ihrer Karriere noch die Banalitäten des brotlosen Künstlerinnendaseins, an denen sie mit stilvoller Schludrigkeit verzweifelte, bringt Barnett ihre Riffs und konkurrenzlosen Kurzsoli heute mit den großen Themen aus jeder zweiten Junge-Leute-Timeline in Einklang. Tell Me How You Really Feel handelt von der Suche nach vernunftfähigem Leben in einer verrückt gewordenen Welt. Früher hätte Barnett für einen kollektiven Mental Health Day plädiert und sich wieder ihrer Bong gewidmet. Diesmal übernimmt sie die Rolle der Anklägerin.

Völlig unvermittelt kommt dieser Sinneswandel nicht. Schon vor drei Jahren hatte Barnett ihr Talent für poetisch verdichtete Wortmeldungen zum Zeitgeschehen bewiesen. Ihr Song Depreston begann als Abschiedslied an die Innenstadt von Melbourne, unterwanderte seine müde Hipster- und Gentrifizierungskritik jedoch ab der zweiten Strophe mit zunehmend erwachsenen Gedanken zu Bindungs- und Todesangst. Erstmals erschien die Stimme von Courtney Barnett voll geformt. Endlich gab es eine Songwriterin, die den Zusammenhang von eskalierenden Flat-White-Preisen und alles verschlingendem Weltschmerz auf den Punkt bringen konnte.