DJ Koze war mal ein Rätsel, aber damit ist es vorbei. Zugegeben: Der Hamburger Produzent, Labelbetreiber und professionelle Jetsetter pflegt einen ungebrochen unerklärlichen Kleidungsstil, angesiedelt zwischen Lawrence von Arabien und Boxer im Aufbautraining. Außerdem ersetzen seine Interviews die üblichen Gesprächssituationen in Büroräumen und Hotelzimmern häufig durch extravagante Rahmenbedingungen. Einmal lädt Koze zum Saunaaufguss ins Berliner Luxus-Spa. Ein anderes Mal chauffiert er seinen Fragesteller auf dem Moped durch katalanische Felslandschaften. Was der DJ nebenbei erzählt, verrät jedoch zunehmend Erhellendes über seine Vorlieben, Antriebe und Ambitionen.

Koze heißt eigentlich Stefan Kozalla, er mag selbst gemachten Brotaufstrich und Kardamom im Tee. Mit brasilianischem Kampfsport hält er sich fit, ein bisschen sieht er auch nach Yoga aus. Sein Lieblingsschimpfwort ist Instagram. Je älter er wird, desto strenger bucht Kozalla seine DJ-Gigs. Und freilich kann er sich das erlauben, gilt er doch als einer der Besten. Aktuelle Musik lässt ihn weitgehend kalt, Langeweile ist der wichtigste Motor seiner Inspiration. Auch die Erkundung neuer Technologien und Produktionsweisen überlässt er inzwischen den Nachtschattengewächsen im Berghain und anderen Discoverliesen. Mit seinem neuen Soloalbum Knock Knock geht es DJ Koze um etwas anderes: eine Form von Nostalgie, die nicht dröge ist.

Vermutlich zieht es den Mittvierziger gerade in diese Richtung, weil er überall anders schon war. Einen Großteil der Neunzigerjahre verbrachte Kozalla als Teil der Gruppe Fischmob, die sich abseits aller damals gängigen Hip-Hop-Entwürfe aus Deutschland positionierte. Kein Fanta-4-Spaßrap, keine Rödelheim-Gangsta-Posen, noch nicht einmal studentische Weltverbesserungsfantasien. Auf zwei Alben reichte Fischmobs Spannweite vom Sauflied bis zur Gesellschaftskritik, von absurdem Humor bis ins dadaistische Grenzgebiet. Viel Stoff für ein Deutschrapprojekt. Im Rückblick findet Kozalla es eher peinlich.

Lieber schlug er um die Jahrtausendwende einen Karriereweg ein, der zu sagen schien: Deutschrap ist schon okay, solange man die deutschen Rapper weglässt. Mit dem Trio International Pony entwarf Kozalla eine genrelose Clubmusik, die zeitweise für ihre Fahrstuhl-, Lounge- und Pool-Party-Tendenzen belächelt wurde, aus heutiger Sicht jedoch topaktuell klingt. Wieder folgte nach zwei Alben die Auflösung. Unter den Namen Adolf Noise und Monaco Schranze betreibt Kozalla außerdem Projekte für abseitigere Hip-Hop- und Techno-Ideen. Als DJ bespaßt er die Discos von Ibiza bis ins kalifornische Wüstenstädtchen.

Auf den Studioalben von DJ Koze laufen all diese Fäden im Fünf- bis Achtjahrestakt zusammen. Knock Knock ist erst die dritte Platte von Kozalla und unter dem Eindruck einer Epiphanie entstanden, die den Musiker beim Auflegen heimsuchte. Seine Arbeit als wohlüberlegt kuratierender DJ, bemerkte er, unterscheidet sich nicht wesentlich vom Job eines Schaumparty-Animateurs in der Autobahndisco bei Darmstadt-Wixhausen. Letztlich zählt nur, dass die Leute tanzen. Wie man sie dazu bringt – da gibt es kein Richtig und kein Falsch.