Der erste Schuss fällt nach 52 Sekunden. Eben noch hatte sich ein Gospelchor warm gesungen, eine Akustikgitarre um Harmonie bemüht – doch dann tanzt Donald Glover an. Der Oberkörper frei, das Becken flexibel, die Augen erst verträumt und plötzlich weit aufgerissen. Er erschießt erst einen Mann mit Sack über dem Kopf und später den ganzen Gospelchor. Polizeiautos brennen, Menschen geraten in Panik, rennen ziellos umher und stürzen in den Tod. Dazwischen immer wieder: Party, Tanz und sorgenfreie Schulkinder. Am Ende versucht Glover selbst, aus den Kulissen des neuen Videos seiner Rap-Persona Childish Gambino zu entkommen. Der Song dazu heißt This Is America und hat einen kleinen Sturm ausgelöst.

Glover hat den Clip am vergangenen Wochenende veröffentlicht und zeitgleich eine Galavorstellung als Gastgeber der Sketchshow Saturday Night Live gegeben. Trotz des Pulitzerpreises für Kendrick Lamar, der Haftentlassung von Meek Mill und allem, was Kanye West so treibt, ist er der Rapper, über den die USA gerade sprechen. Das ist erstaunlich, denn eigentlich hatte man Glover längst abgespeichert als größten Langweiler, den der amerikanische Hip-Hop hergibt.

Was nach einem vernichtenden Urteil klingt, ist schlicht das Geschäftsmodell des Rappers, Schauspielers, Regisseurs und Drehbuchautors aus Atlanta. Seit Glover nicht mehr cool sein will, läuft es wie am Schnürchen für ihn. Niemand erinnert sich heute noch an seine musikalischen Anfänge mit angestrengtem Nerd-Rap, der sich vor allem um die Bepinselung des eigenen Wohlstandsbäuchleins drehte. Inzwischen kennt und verehrt man Glover als Schöpfer der Sitcom Atlanta, die den deprimierenden Alltag eines durchschnittlich begabten Rappers und Drogendealers zeigt.

Glover hat der Versuchung widerstanden, diesen Rapper selbst zu spielen. Stattdessen sieht man ihn als dessen Sidekick und Manager durch die Serie schlafwandeln. Für den Mann, der immer schon aussah, als bliebe er am Wochenende nüchtern, um seine cooleren Freunde von Party zu Party zu chauffieren, ist das die Rolle seines Lebens: Sie bescherte ihm einen Golden Globe und öffnete viele Karrieretüren. Ende des Monats ist Glover in Solo – A Star Wars Story zu sehen. Man kann ihn jetzt als Lego-Figur kaufen.

Und nun wollte er auch mal einen raushauen. This Is America bricht nicht nur mit den Funk-Versuchen des letzten Childish-Gambino-Albums, sondern auch mit der Atlanta-Ästhetik. Die Serie lebt von Stilsicherheit und Kenntnisreichtum: Virtuos wandelt sie zwischen Hyper- und Surrealismus und porträtiert noch die sonderbarsten Schrullen der stadteigenen Rapszene mit liebevoller Genauigkeit. This Is America präsentiert sich dagegen als flüchtig zusammengeheftete Zitatsammlung aus 60 Jahren schwarzer Popkultur – durchkreuzt immer wieder von plötzlichen Gewaltentladungen. Die vollständige Motivanalyse wird wohl Stoff für Universitätsseminare sein.

Passend zur Hauptversammlung der NRA

Glovers kruder Gospel-Trap-Rap und das zugehörige Video von Hiro Murai (verantwortlich auch für die meisten Atlanta-Folgen) haben diesmal wenig Zeit für Feinheiten. Verweise auf James Brown, Beyoncé, Michael Jackson, den Horrorfilm Get Out und aktuell angesagte Tanzmoves stehen neben Klischee-Insignien des afroamerikanischen Alltags und Kulturbetriebs. Erst singt Glover honigsüß, dann imitiert er den Stotter-Flow seiner Lieblingsband Migos. Eine Reihe hoch dekorierter Gastmusiker aus Atlanta zerrt an den losen Enden des Songs: Sogar die coolen Rapper der Stadt scheinen sich inzwischen für Childish Gambino zu interessieren.

Dabei ist This Is America ein Song, der sich auch an sie richtet: Eine Satire auf schnell verdientes und wieder verprasstes Geld sowie die Freuden von Materialismus, Waffenpflege und Inhaltsleere, in denen viele Beobachter noch immer die Kernkompetenzen der Rapmusik zu erkennen glauben. Glover fährt seinen Kollegen damit in die Parade, begibt sich jedoch nicht auf das dünne Eis jener respectability politics, die Rassismus und Ungleichheit in den USA durch Fehlverhalten und Versäumnisse der afroamerikanischen Bevölkerung relativieren wollen.

Stattdessen eröffnet das Video zu This Is America einen weiteren Kontext. Glover wird es nicht zufällig zur Jahreshauptversammlung der National Rifle Associaton in Dallas veröffentlicht haben: Während sich deren Mitglieder auf eine Blutfehde mit sozialistischen Plastikgabelnutzern einschwören, zeigt der Rapper sein Heimatland als vollbesetztes Irrenhaus. In schrillen Bildern beschwört der Clip einen Tanztee mit Sturmgewehr herauf – und illustriert, etwa durch Bezüge auf den drei Jahre zurückliegenden Amoklauf in einer afroamerikanischen Kirche in South Carolina, wer bei solchen Veranstaltungen für gewöhnlich als erstes in den Kugelhagel gerät.

This Is America reiht Schockeffekte und unbekümmerte Szenen in kurzatmiger Abfolge aneinander, verweist damit jedoch nicht nur auf die schrumpfende Aufmerksamkeitsspanne und wachsende Abstumpfung seiner Zielgruppe. Glovers Botschaft ist belehrend, sie kann aber auch als belebend verstanden werden: Im Angesicht der permanent drohenden Auslöschung afroamerikanischen Lebens erklärt er die Ablenkung zur Überlebensstrategie und das Weitertanzen zur obersten Bürgerpflicht. Ist der Posten des großen amerikanischen Rapaufrüttlers damit neu besetzt?  Na, schauen wir mal, was Kanye in den letzten fünf Minuten getwittert hat.

"This Is America" von Childish Gambino ist erschienen bei RCA/Sony.