Zu den großen Rätseln der Menschheitsgeschichte zählt immer noch die Frage, warum weite Teile der Weltbevölkerung es nicht ertragen können, dass manche Männer Männer lieben und manche Frauen Frauen. Die Realität der Homophobie wird uns täglich vor Augen geführt; aber das ändert nichts daran, dass sie unerträglich und stets zu bekämpfen bleibt, egal mit welcher politischen Ideologie sie sich tarnt.

Nun findet in Lissabon das Finale des diesjährigen Eurovision Song Contest statt. Zu den Teilnehmern des Wettbewerbs gehört der irische Songwriter Ryan O’Shaughnessy, der sich in seinem Beitrag Together mit weinerlichem Falsett einer scheiternden Liebe zwischen zwei Menschen widmet, die "wie Eisberge auf dem Ozean voneinander fort treiben". Während der Darbietung seines Liedes beim ersten Halbfinale am Dienstag liefen zur visuellen Verdeutlichung dieser Botschaft zwei Männer über eine Brücke und hielten sich dabei an den Händen – ein Anblick, der offensichtlich derart frappant gegen die Moralvorstellungen in China verstößt, dass er aus der Übertragung der Show im dortigen staatlichen Streamingdienst Mango TV herausgeschnitten wurde. Komplett zensiert wurde der Beitrag des albanischen Sängers Eugent Bushpepa – dieser ist nämlich, ebenso wie seine Mitmusiker, tätowiert. Und Tätowierungen gelten in China neuerdings als Symbole der subkulturellen Abweichung von der gesellschaftlichen Norm und dürfen deswegen im Fernsehen ebenso wenig gezeigt werden wie händchenhaltende Männer. Die European Broadcasting Union hat als Reaktion auf die Zensur die Zusammenarbeit mit Mango TV beendet, das Finale des Wettbewerbs wird in China nun gar nicht ausgestrahlt.

Was entgeht den Chinesen? 26 Künstlerinnen und Künstler treten am Samstagabend in Lissabon auf einer nach Auskunft der Organisatoren "maritim" gestalteten Bühne gegeneinander an. Unter den Kandidaten findet sich eine grimmige Wikingertruppe aus Dänemark ebenso wie eine estnische Walkürensopranistin mit einem kilimandscharogroßen Kleid und eine zypriotische Halbnackttänzerin mit viel Autotune auf der R'n'B-Stimme. Ausgesprochen ungewöhnlich ist der Umstand, dass die internationalen Buchmacher den deutschen Kandidaten Michael Schulte am Tag vor dem Wettbewerb in den Top 10 sahen. In den vergangenen Jahren rangierten die deutschen Beiträge durchgehend zu Recht auf den hintersten Plätzen.

Was hat Michael Schulte, das die letzten deutschen ESC-Beiträge nicht hatten? Von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Finales hat er jedenfalls die bizarrste Frisur, eine Art unkontrolliert ausgewachsene Miniplimatte, die beim Vortrag seines traurigen Liedes über den Tod seines Vaters in ebenfalls trauriger Weise rhythmisch wippt. Damit und mit seiner schlicht gestrickten Ballade verkörpert Schulte in gewisser Weise denselben Männertypus wie der ESC-Gewinner des vorigen Jahres, der Portugiese Salvador Sobral: den Typus des gefühlvollen, nicht aufdringlichen, leicht ungepflegt wirkenden jungen Mannes, wie man ihn in der Welt der neuen Patriarchen und Machos gelegentlich ganz gern wiedersieht. Mag sein, dass diese Ähnlichkeit im Authentizismus ihn tatsächlich auf einen der vorderen Plätze bringt.

Die klare Favoritin der vergangenen Tage war jedenfalls die israelische Sängerin Netta Barzilai, die sich selbst als "fettes Mädchen" bezeichnet. Man könnte auch sagen: Sie sieht aus wie Beth Ditto in den Klamotten von Björk, und im Verlauf ihres Lieds Toy gackert sie in wiederholter Weise so kompetent, dass man sogleich an die singenden Hühner aus der Muppet Show denken muss. Deren musikalische Darbietung wurde ja oft dadurch untermalt, dass sich ihr Bandleader Gonzo als lebende Kanonenkugel durch die Manege schießen ließ. Auf die Show von Netta Barzilai darf man also gespannt sein – auch ihr wurde im Vorfeld freilich schon etwas verboten, wenn auch nicht die Verbreitung einer Botschaft, sondern der Gebrauch eines Geräts. Üblicherweise singt sie bei ihren Auftritten in eine Loop Station hinein, mit der sich die eigene Stimme digital zu Schlaufen verflechten und dann als begleitender Chor nutzen lässt. Beim Eurovision Song Contest sind Live-Instrumente aber grundsätzlich untersagt, und auch das von Netta Barzilai vorgebrachte Argument, dass es sich bei einer Loop Station nicht um ein Live-Instrument handelt, sondern bloß um irgend so ein elektronisches Dingens, wurde nicht akzeptiert. 

Toy changiert jedenfalls in weitgehend erfreulicher Weise zwischen Irrsinn und Ernst und den unterschiedlichsten musikalischen Genres. Es gibt risikolos synkopierte R'n'B-Passagen ebenso zu hören wie einen kaugummifarben überpinselten K-Pop-Refrain. Das rhythmische und klangliche Fundament aber bildet die Mizrahi-Musik, in der sich westliche und arabische Motive miteinander verbinden. "Look at me / I'm a beautiful creature", fordert die gackernde und im Video auch noch mimisch flott zuckende Netta Barzilai ihr Publikum dazu auf, und weiter: "I'm not your toy / you stupid boy", was man als einen Kommentar zur #MeToo-Debatte verstehen kann. Doch gehe es ihr nicht "nur" um die Emanzipation der Frauen, sagt sie in Interviews – sondern um die Gleichberechtigung aller Menschen, egal, wie sie aussehen und welcher sexuellen Orientierung sie sind; egal, welchen Körperumfang sie besitzen und wie sie sich kleiden.

Eine Jüdin singt über die Gleichheit der Menschen – Skandal?

Zu den Komponisten des Songs gehört Doron Medalie, einer der erfolgreichsten israelischen Hitschreiber. Er hat schon zwei ESC-Beiträge zuvor komponiert, Golden Boy von Nadav Guedj (2015, Platz 9) und Made of Stars von Hovi Star (2016, Platz 14). Sein bekanntestes Stück ist aber wohl Tel Aviv, Ya Habibi, Tel Aviv aus dem Jahr 2013: Ursprünglich als Hymne für die Gay Parade jenes Jahres komponiert, dient es seither als Erkennungsmelodie der queeren Community in der Stadt. Gesungen wurde das Stück von Omer Adam und dem Trio Arisa, das wiederum im Tel Aviver Szenebezirk Florentin die größten queeren Partys des Landes veranstaltet. In den Arisa-Nächten tanzen konservative Schwule und junge queere Hipster, jüdische und palästinensische Israelis miteinander.

Kann man dagegen etwas haben? Nun, ganz bestimmt, wenn man zu den Unterstützern der BDS-Organisation (Boycott, Divestment, Sanctions) gehört, die immer zur Stelle ist, wenn es irgendetwas Israelisches zu verhindern gibt. Wir erinnern uns: Im vergangenen Jahr hatte BDS in Berlin zum Boykott des Pop-Kultur-Festivals aufgerufen, weil dort eine israelische Künstlerin auftreten und von der Botschaft ihres Landes mit einem kleinen Reisekostenzuschuss bedacht werden sollte. Nachdem die Veranstalter sich davon unbeeindruckt zeigten und auch in diesem Jahr wieder mit der israelischen Botschaft kooperieren, hetzen die BDS-Verantwortlichen jetzt erneut gegen das Festival, etwa indem sie sein Logo auf ihrer Webseite in eine kriegszerbombte Ruinenlandschaft montieren. Mit ähnlichen Methoden agitierte im vergangenen Herbst auch der prominente BDS-Unterstützer Roger Waters gegen Nick Cave, als dieser es wagte, ein Konzert in Tel Aviv zu geben. In dieser Woche hat die Kampagne nun zum Kampf gegen den ESC-Beitrag von Netta Barzilai aufgerufen: So viele Menschen wie möglich sollten ihr beim Publikumsvoting null Punkte geben.

Denn BDS sieht Netta Barzilai nicht als individuelle Künstlerin oder als Mensch, sondern lediglich als Repräsentantin des von BDS verhassten israelischen Staates. Barzilais Verbindung zur queeren Subkultur kommt dabei noch erschwerend hinzu: Denn dass Israel – anders als alle anderen Staaten im Nahen Osten – seine LGBTQI-Menschen nicht unterdrückt, sondern als selbstverständlichen Bestandteil der Gesellschaft und der Kultur akzeptiert und feiert, wird von den BDS-Ideologen als Strategie des "Pinkwashing" verstanden: Mit dieser Art der Liberalität solle lediglich der brutale Charakter der israelischen Siedlungspolitik überspielt werden, darum sei sie generell zu bekämpfen. Keinerlei Probleme scheint BDS hingegen mit der homophoben, frauenfeindlichen, patriarchalen Politik der von ihr unterstützten Palästinenser zu haben; im von der Hamas regierten Gaza-Streifen wird homosexueller Geschlechtsverkehr mit zehn Jahren Gefängnis bestraft.

So ist der Eurovision Song Contest auch in diesem Jahr wieder eine politische Veranstaltung. Aber in einer Welt, die immer noch von Homophobie und Antisemitismus beherrscht wird und in der eine Jüdin schon deswegen zum Ziel einer Kampagne wird, weil sie ein Lied über die Gleichheit der Menschen singt – in einer solchen Welt gibt es nichts mehr, was nicht politisch ist. Nicht einmal dort, wo man sich dereinst im Gehege der reinen, zweck- und sinnfreien Unterhaltung wähnte.