Es gibt in der gegenwärtigen kulturellen und politischen Weltlage ja nicht viele Lichtblicke; aber das war wenigstens mal einer. Die israelische Sängerin Netta Barzilai hat den Eurovision Song Contest 2018 gewonnen. Sie siegte am Samstagabend in Lissabon mit ihrem Lied Toy, einer gleichsam schrill albernen wie kraftvoll ernsten Hymne auf das Anderssein und das Recht auf Individualität. Zu einer flott eklektischen Mischung aus westlichen und arabischen Klängen und Beats und asiatischer J- und K-Pop-Ästhetik sang Barzilai, die sich selbst als "fettes Mädchen" bezeichnet, von der Schönheit ihres Körpers und davon, dass sie sich von niemandem als Spielzeug betrachten lässt, schon gar nicht von irgendwelchen stupiden Männern, die glauben, dass ihnen die Welt gehört. Dabei war ihr Vortrag von gelegentlichen Gackergeräuschen durchsetzt, die wiederum mit dem Wort "baka" spielten, dem japanischen Ausdruck für "doof".

Nach der Auszählung der Jury-Abstimmungen stand Netta Barzilai auf Platz drei. Erst das ergänzende Publikumsvotum hievte sie danach auf die Spitze, was umso erfreulicher ist, als die Kampagne, die die antisemitische und homophobe BDS-Organisation in den vergangenen Tagen gegen sie entfacht hatte ("zero points for Israel"), somit keine messbare Wirkung zeigte. "Ich bin sehr glücklich", sagte sie in ihrer sehr kurzen Dankesrede, "danke, dass ihr den Unterschied gewählt habt; danke, dass ihr die Verschiedenheit feiert."

Und auch Deutschland braucht dieses Jahr nicht traurig zu sein, zum ersten Mal seit dem Sieg von Lena Meyer-Landrut 2010 kam wieder ein deutscher Wettbewerbsbeitrag auf einen der vorderen Plätze: Michael Schulte aus Buxtehude wurde mit seinem Lied You Let Me Walk Alone Vierter. Nach den Schlappen der vergangenen Jahre hat es sich also ausgezahlt, einen zartfühlenden Mann mit mäßiger Bühnenausstrahlung, aber irgendwie authentischer Aura ins Rennen zu schicken. Männer, die bei breiten – insbesondere weiblichen – Publikumskreisen den Eindruck erwecken, dass sie Hilfe und Zuneigung brauchen und am liebsten einfach mal in den Arm genommen werden möchten, um ihre gekränkten Gefühle und Traumata zu gestehen, erfreuen sich ja auch in den internationalen Hitparaden derzeit erheblicher Beliebtheit (das sogenannte Ed-Sheeran-Modell). Schulte, der ohne Begleitmusiker auf der sehr großen ESC-Bühne noch einmal besonders verloren, vereinsamt und hilfsbedürftig wirkte, erhielt dafür jeweils zwölf Jury-Punkte aus Dänemark und den Niederlanden, aus Norwegen, Australien und der Schweiz, und sogar aus Österreich gab es für ihn zehn Punkte.

Die bemitleidenswerten Männer

Auch auf den hinteren Plätzen waren in diesem Jahr zahlreiche hilfsbedürftige Männer anzutreffen. Bemerkenswert unbefangen ging beispielsweise der tschechische Sänger Mikolas Josef mit seinen Inkontinenzproblemen um: Wenn er einer begehrten Frau bei aufregenden Bewegungen zusieht, muss er sich nämlich sofort einnässen, wurden wir in seinem Lied Lie to Me informiert. Leider haben sich daraus wohl auch dauerhafte Erektionsprobleme ergeben: Jedenfalls zieht die begehrte Frau inzwischen den "wood bamboo" eines anderen Mannes vor, um "bop-whop-a-lu-bop" mit diesem zu machen. Der ukrainische Sänger Mélovin eröffnete den Abend als Vampir: Er stieg aus einem zum Sarg umgebauten Konzertflügel hervor, auf dem er später auch spielte, während es um ihn herum brannte. Sein Song Under the Ladder handelte davon, dass er gern unter Leitern tanzt, egal woher der Wind weht und wie das Wetter gerade ist.

Wind und Wetter spielten auch bei der dänischen Wikingergruppe Rasmussen eine Rolle: Während des Auftritts brach plötzlich ein widriger Schneesturm auf sie hernieder und zerzauste ihnen die langen Bärte und Haare; beim Beitrag des irischen Kandidaten Ryan O'Shaughnessy kam es zu einem immerhin nur leichten Graupelschauer.