© Columbia/Sony

Die Fantastischen Vier – Captain Fantastic (Columbia/Sony)

Statistische Erhebungen haben ergeben: Eine erfolgreiche Sitcom braucht sechs Pointen pro Sendeminute. Das neue Album der Fantastischen Vier ist aber auch nicht schlecht: Einige der Stücke kommen auf mindestens sechs Peinlichkeiten pro Songminute. Das kann losgehen mit einer notdürftig zurechtgebogenen Wortspielspirale, aus der die Band nicht mehr herausfindet, kann zu Selbstbetitelungen wie "Smudo Lindenberg" und "Thomas D. Niro" führen oder in bollerigen Crossover-Liedern wie Endzeitstimmung gipfeln. Zusammen sind die Fantastischen Vier jetzt 199 Jahre alt, und im Refrain dieses Songs singen sie: "Na na na na na na na na na".

Geht es also darum, noch einmal richtig abzuhorsten, sind der Fantasie von Captain Fantastic keine Grenzen gesetzt. Schade eigentlich, denn die Platte hat auch Momente, in denen sie soliden Pop-Rap mit einer Haltung zu Deutschland im Frühjahr 2018 paart. Etwas zu floskelhaft, aber schön unzweideutig suchen die Fantastischen Vier nach Positionen gegen Gleichgültigkeit und gesellschaftliches Abdriften. Captain Fantastic ist keine Platte, die sich um potenziell verschreckte Fans am rechten Rand der Fankurve sorgt.

Für eine Band, die schon seit Jahren nur noch in dubiosen Fernsehshows und als Kosten-Nutzen-Kalkulation auf dem Blackberry ihres Managers zu existieren schien, ist das ein willkommener, wenn auch taumeliger Schritt zurück in Richtung Relevanz. In der Bereitschaft der Fantastischen Vier, nahezu jede Stolperfalle mitzunehmen, in die man als mittelalte Rap-Crew treten könnte, steckt durchaus etwas Befreiendes. Dann aber rappt Thomas D.: "Can I kick it? / Yes, Van Damme" – und man wünscht sich den Sorgenfalten-Pop von Kettcar herbei. 



© Frenchkiss/Membran

Eleanor Friedberger – Rebound (Frenchkiss/Membran)

Die Karriere von Eleanor Friedberger ist ein ewiges Weitermachen wider besseres Wissen. Einen Großteil der Nullerjahre verbrachte die Songwriterin aus Illinois als Sidekick ihres Bruders Matthew in der Band The Fiery Furnaces. Diese gehörte zu den besten Vertretern des Retro-Rock-Booms um die Strokes und White Stripes, verabschiedete sich aber schon mit ihrer zweiten Platte Blueberry Boat, einem heimlichen Klassiker des Rockopern-Genres, von konventioneller Gitarrenmusik und nennenswertem Publikumsinteresse. Seit 2011 ruht die Band. Eleanor spielt unter eigenem Namen hervorragenden, kaum beachteten Altherrenrock.

Rebound beendet zumindest das Altherren-Ding. Mit ihrem vierten Soloalbum erfindet sich Friedberger als Akrobatin auf fliegenden Synthie-Teppichen neu. Der Sound ist federleicht und seidentuchdünn, Gitarren verzieren nur noch die Ränder der Songs. Auch ihre wortreichen, immer wieder klug mit Sprach- und Stilfiguren beladenen Texte hat Friedberger überholt. Dieses Mal erzählt sie von einem längeren Aufenthalt in Griechenland, der sich vor allem um die Rückverfolgung ihrer Familienwurzeln drehte. Eine mutige, doch leider nicht vollends überzeugende Umorientierung: Bei der Suche nach neuen Sounds und Geschichten bleiben zu viele von Friedbergers Stärken und Marotten auf der Strecke.

 


© Matador/Beggars/Indigo

Iceage – Beyondless (Matador/Beggars/Indigo)

Die Rockmusik braucht ihre Pappnasen, und niemand weiß das gerade besser als Elias Bender Rønnenfelt. Der 26-Jährige ist Sänger der Band Iceage aus Kopenhagen, scheint sich aber für ein Update des Westberliner Nick Cave zu halten. Im bodenlangen Trenchcoat torkelt Rønnenfelt bei Konzerten über die Bühne, links in der Tasche ein zerfleddertes Paperback, rechts eine Rotweinflasche. Mit dänischer Wohlstandsdisziplin hat er sich einen Blick antrainiert, aus dem Verachtung und Schlafzimmer zugleich sprechen. Interviews mit Rønnenfelt verlaufen tendenziell kotzbrockig.

Ein Spitzentyp also, der auch auf dem vierten Iceage-Album Beyondless wieder im Mittelpunkt des Geschehens steht. Seine noch immer blutjunge Band hat sich hochgearbeitet von Musikverweigerungen zwischen Post-Punk und No Wave zu einer stampfenden, schnaufenden Rockmusik, die mit Streichern, Bläsern und Klavier ebenso erfolgreich hantiert wie mit einem überraschenden Country-Twang, der einige Stücke auf Beyondless unterwandert. Rønnenfelt kokettiert neuerdings auch mit unzynischen Liebesliedern, landet meistens aber doch wieder bei Tod und Selbstzerstörung, wenn er sich auf zwischenmenschliche Themen einlässt. Man hat schließlich einen Ruf zu verlieren.

 


© Black Code / SPV

Akua Naru ­– The Blackest Joy (Black Code / SPV)

Mit Neunzigerjahre-Rap hat diese Kolumne begonnen, bei Neunzigerjahre-Rap endet sie auch. Das dritte Album von Akua Naru aus Köln beamt sich zurück in eine Zeit, als Hip-Hop-Beats noch warm und jazzig waren, kläffende Stakkato-Rapper als Ausnahmeerscheinung galten und Texterinnen mit jugendfreien Ideen unter "Conscious-Rap" liefen. Bis heute kann niemand sagen, welche Art von Abgrenzung diese Hip-Hop-Richtung bezwecken sollte. Conscious ­– das waren (meist aus weißer Sicht) die guten Rapper, die ohne Goldschmuck und Gewaltgeschichten, die Mitdenkenden und die Konstruktiven.

Der rassistische Unterton dieser Kategorisierung ist nicht nur Rap-Stars wie Vince Staples aufgefallen, der sich vorbehält, Politik und Party im selben Song abzuhandeln. Auch Naru positioniert sich gegen die besondere Hervorhebung ihrer Inhalte. Der durchweg optimistische Blickwinkel, den sie auf afroamerikanische Idole, den Kampf gegen weiße Vorherrschaft und die Kraft eines fest verwurzelten Stammbaums wählt, ist für The Blackest Joy schlicht selbstverständlich. Er gehört zum Leben wie Musik und Zähne putzen. In ihrer Deutlichkeit und unbedingten Lebensbejahung macht das die Platte schon zu einer ziemlichen Neunzigerjahre-Kiste. Aber nicht weniger relevant.