Ob Heavy Metal in Finnland wohl bald zur Staatsräson wird? Jedenfalls hat das Land eine besondere Beziehung zu diesem Musikgenre. Es waren die Finnen, die vor zweieinhalb Jahren das weltweit erste Headbanger-Emoticon erfanden: einen langhaarigen Metal-Fan mit Nietenarmbändern an beiden Armgelenken, die Hände zum sogenannten Metal-Gruß erhoben.

So gesehen ist es eigentlich nichts Neues, dass man sich in Finnland im Tourismusmarketing auf Metal besinnt. Nun aber soll im Land auch noch ein Capital Of Metal, also eine Metalhauptstadt, gekürt werden. Das Land mit der hohen Dichte an Seen und Saunen gilt auch als das Land, das – weitaus bedeutender – über die größte Metalbanddichte verfügt.

Eine Initiative des Gitarristen der Thrash-Metal-Band Mokoma, Tuomo Saikkonen, ermittelt derzeit auf einer Website, in welchem Ort des Landes es die meisten Metalgruppen pro Einwohner gibt. Dort können sich Bands bis zum 20. Juni eintragen, dann wird ein Gewinnerort ermittelt. Mehr als 800 Bands sind bereits registriert.

Die Idee kam Saikkonen gemeinsam mit Tomi Saarinen, Marketingchef von Sony Finland, und Eeka Mäkynen, dem Ausrichter des finnischen Metal-Festivals Tuska: "Wir saßen zusammen und stellten fest, dass es gerade gut läuft für finnisches Metal. Die Bands sind international gefragt. Wir dachten, wir sollten die Welt wissen lassen, dass wir in Sachen Metal so gut unterwegs sind", sagt Saikkonen am Telefon.

Andere Länder sind innovativer

Aber stimmt der finnische Mythos mit der größten Metalbanddichte überhaupt? Die Website Encyclopaedia Metallum, auf der Bands des Genres aus allen Erdteilen gelistet sind, legt dies zumindest nahe. Dort kommt Finnland auf 1.999 aktive Metalgruppen, das wären bei einer Bevölkerung von gut 5,5 Millionen Menschen 36 Bands pro 100.000 Einwohner.

Damit verweise man die ebenfalls traditionell starken anderen skandinavischen Länder Norwegen (15/100.000) und Schweden (19/100.000) auf die Plätze; auch Japan lassen die Finnen weit hinter sich. Barack Obama hätte demnach recht: Während eines Treffens mit skandinavischen Staatsoberhäuptern hatte er Finnland 2016 bereits diesen inoffiziellen Titel zugesprochen.

Über die Güteklasse der finnischen Bands sagt das erst mal noch nichts. Die bekanntesten Exporte sind wohl die Classic-meets-Metal-Band Apocalyptica, die Alternative-Rock-/Metal-Combo Him (2017 aufgelöst) sowie Lordi, Eurovision-Song-Contest-Gewinner von 2006. Seit vielen Jahren sind international auch die kitschnahen Symphonic-Metaller von Nightwish und die weitaus interessanteren Children Of Bodom gefragt. Neue, frische Impulse kamen in den vergangenen Jahren aber eher aus anderen Ländern.

Die Skandale sind woanders

Es ist nicht so überraschend, dass nun ein Musikstil, der einst von braven Bürgern als musikalische Brut des Teufels galt, herhalten muss, um ein positives Image zu transportieren. Die großen Skandale im Metal liegen lange zurück. Sicher gibt es zum Beispiel immer noch Nazis im Black Metal, aber die Rechten sind in der Szene nicht annähernd so stark wie noch in den Neunzigern (vor allem in Norwegen). Zum rechten politischen Flügel sieht der Capital of Metal-Initiator Saikkonen ohnehin keine Berührungspunkte: "Der Mainstream hat mit dem rechten Zeug nichts zu tun. Aber natürlich gibt es immer noch Subgenres, wo auch Rechte unterwegs sind." Vergleicht man Metal mit anderen Szenen wie zum Beispiel Hip-Hop, so ist das Skandalpotenzial – nicht nur hierzulande – anderswo inzwischen größer.

Insgesamt gilt der Metaljünger heute als entspannte Spezies, Wacken ist das neue Woodstock. "Die Metalszene ist friedlich und friedliebend", sagt auch Saikkonen. Er verweist darauf, dass das finnische Tuska-Festival zuletzt immer ohne Zwischenfälle abgelaufen sei. Und auch die Wissenschaftler springen den Metallern bei: Laut einigen jüngeren Studien ist, wenig überraschend, ausgeglichener, wer harte Rockmusik hört oder in seiner Jugend gehört hat.

Bliebe nur noch die Frage, ob sich nun in Finnland jede Menge neue Bands gründen, um ihre Stadt zur Metalhauptstadt zu machen. Saikkonen sagt, man prüfe die Eintragungen natürlich. Allerdings werde man nicht jede einzelne Band stilistisch daraufhin untersuchen, ob sie nun eher handelsüblichen Rock oder doch eher Metal spiele: "Wenn sie sich als Metaller fühlen, sollen sie mitmachen. Es geht nur um die Liebe zum Metal."