Der Unmögliche – Seite 1

Der Großmeister der Überraschung hat ein weiteres Mal ausgeholt. Die merkwürdigen Nachrichten über Kanye West – Rapper, Produzent und Designer – reißen nicht ab. Zuletzt äußerte sich der 40-Jährige in einem spontanen Interview mit dem US-amerikanischen Boulevardmagazin TMZ zweifelhaft über die Geschichte der Sklaverei. "Wenn man von mehr als 400 Jahren Sklaverei hört – 400 Jahre? Das klingt wie eine Wahl", plapperte er. Später versuchte der 21-fache Grammy-Preisträger, über Twitter zu retten, was zu retten war.

Bereits ein paar Tage zuvor hatte er große Verwirrung gestiftet: Nach langer Absenz kehrte er zu Twitter zurück und nutzte die Aufmerksamkeit, um Lobeshymnen auf US-Präsident Donald Trump zu singen. Alles bloß Ironie? West gab zumindest ganz ernsthaft vor, Trump zu "lieben". Der 45. US-Präsident reagierte mit Freude auf die Geste. Bereits im Dezember 2016, kurz nach der Präsidentschaftswahl, hatte West ihn im Trump Tower in New York besucht. Auch damals zeigten sich Wests Anhänger empört.

Der Sohn einer Professorin und eines Black-Panther-Aktivisten galt bislang als tendenziell politisch liberal. Im Jahr 2005 sorgte er sogar für einen landesweiten Schock, als er in einer Livesendung den damaligen US-Präsidenten George W. Bush wegen dessen Haltung gegenüber Afroamerikanern kritisierte. Heute jedoch scheint Kanye West schwer zu fassen zu sein. Nicht nur, weil es quasi allen soziokulturellen Inhalten seiner Musik widerspräche, wenn er tatsächlich ein Trump-Anhänger wäre. Sondern auch, weil West so schnell die Richtung des Diskurses wechselt, dass kaum einer Schritt halten kann. Ist das alles nur skandalträchtiges Guerilla-Marketing, oder steht er nun politisch rechts?

Keine Grenzen für West

Zwar hat Kanye West für Juni gleich zwei Alben angekündigt (eines wäre ja nicht genug), was somit das Marketing-Argument stützt. Allerdings hat sich in der vergangenen Woche eine ganze Reihe von Künstlern und Kollegen öffentlich von ihm distanziert. Darunter auch seine Ehefrau Kim Kardashian, mit der er mittlerweile drei Kinder hat. Kardashian, deren Familie sich vor der Präsidentschaftswahl öffentlich zur demokratischen Kandidatin Hillary Clinton bekannt hatte, betonte zudem, ihr Ehemann vertrete nicht Trumps politische Konzepte. Ihm gehe es darum, veraltete Denkstrukturen aufzubrechen.

Er selbst nennt den Vorgang "freies Denken". Und tatsächlich ist das, was er damit kritisiert, nicht weit entfernt von dem vermeintlichen linksliberalen Gesinnungskorridor, den der deutsche Schriftsteller Uwe Tellkamp beklagt. Von Afroamerikanern, so West, verlange man Trump-Feindschaft, und "jeder, der unbequeme Fragen stellt, wird verteufelt". Er glaubt, die soziale Realität mitsamt der Standards, auf die sich die Gesellschaft geeinigt habe, "wurde uns aufgezwungen".

Um nachzuvollziehen, was Kanye West am Phänomen Donald Trump für ein Symbol geistiger Freiheit halten könnte, lohnt es sich, einen Blick auf den bisherigen Lebenslauf des Rappers zu werfen. West ist besessen von der Maxime, das Unmögliche möglich zu machen: Begonnen hat seine Karriere als Musikproduzent, unter anderem an der Seite von Jay-Z, der ihm davon abriet, selbst eine Karriere als Rapper zu starten. West tat es dennoch, veröffentlichte zwischen 2004 und 2007 drei überaus erfolgreiche Alben, bevor er mit Gesang und Liebeskummer auf 808s & Heartbreak einen Paradigmenwechsel im bis dahin gefühlsscheuen und krampfhaft maskulinen Hip-Hop vorantrieb. Seine Alben lesen sich wie ein Seismograf des westlichen Pop-Zeitgeistes. Er gilt als eines der größten Genies des jungen Jahrhunderts. Von Adele bis Kendrick Lamar äußern sich die musikalischen Taktgeber stets in höchsten Tönen über ihn.

Wie sieht seine Version von Trump aus?

Zeitgleich forcierte West, der einst als Stipendiat an der Chicagoer Academy of Art sein Studium abbrach, eine Karriere als Modedesigner. Kooperationen mit Louis Vuitton und Nike trugen keine Früchte und frustrierten ihn, der seine Ablehnung in der Modewelt mitunter auf Rassismus zurückführte. Dann unterschrieb er einen millionen-, möglicherweise millardenschweren Vertrag mit dem deutschen Modeartikelhersteller Adidas: Vor zwei Jahren präsentierte er seine neue Kollektion mitsamt neuem Album im Madison Square Garden während der New York Fashion Week und sorgte bei Experten beider Lager für Erstaunen.

Kanye West sieht sich durch Trumps Präsidentschaft in der Annahme bestätigt, alles sei möglich. "Es gefällt mir, wenn Außenseiter erfolgreich in ein unbekanntes Gebiet eindringen. Ich bin Nonkonformist, ich mag die unkonventionelle Natur dieser Präsidentschaft", sagt West. Trump und er gingen beide als sichere Verlierer an den Start, bevor sie dann doch obsiegten.

Hat er noch die Kontrolle?

Allerdings zeigt sich schnell, dass Kanye West lediglich in dieses uramerikanische Selfmade-Märchen verliebt ist und seine Idee von Unkonventionalität und Freiheit keine politische Dimension hat. Bei aller Bewunderung interessiert er sich nicht für Trumps Agenda. "Er hat keine Ahnung. Vom Einreiseverbot für sieben muslimische Länder wusste er beispielsweise nichts", berichtet sein Rapkollege T.I. aus privaten Gesprächen. Kanye West scheint in einer künstlichen und künstlerischen Blase zu leben. Im kalifornischen Calabasas hat er sich ein 120-Hektar-Grundstück zugelegt, auf dem er sich nun als Architekt austoben möchte – das nächste vermeintlich unmögliche Vorhaben. Sein erstes Haus sieht asketisch karg aus. Lange Flure, keine Türen, keine Dekoration, kaum Möbel. Sehr viel Konzept, sehr wenig Lebenswirklichkeit. Ein bisschen wie Wests Gedankengebäude, das in seinem Kopf sinnvoll erscheint, tatsächlich aber vor lauter Lücken zusammenbricht.

Seit dem Tod seiner Mutter im Jahr 2007 kämpft Kanye West gegen Depressionen. 2016 erlitt er einen Nervenzusammenbruch, musste ins Krankenhaus und danach sein Leben neu sortieren. Es steht infrage, ob er jederzeit die Kontrolle über sein Handeln hat. Gerade angesichts seiner widersprüchlichen Aussagen in den vergangenen Wochen.

Was es heißt, wenn einer wie er Donald Trump unterstützt, scheint er nicht zu verstehen. Es gibt bedeutendere Dinge als die Erfindung eines progressiven Sounds oder die erfolgreiche Vermarktung von Turnschuhen, bedeutender als Swag und Style. Dass Trumps Vorhaben, junge illegale Einwanderer abzuschieben und Obamacare zu widerrufen, Schicksale und Menschenleben betrifft, nimmt der Konzeptionist Kanye West billigend in Kauf.

Er ist ein Extremist im akkuratesten Sinne des Wortes. Seine Musik ist bisweilen beängstigend minimalistisch, dann wieder werden seine Songs dermaßen von Referenzen und Samples überflutet, dass man den Überblick verliert. Die gesunde Mitte, dafür hat West keine Zeit, denn Mitte bedeutet für ihn Stillstand. Bewegung in die eine oder andere Richtung passiert lediglich am äußersten Rand. Und da will West hin: "Als Allererstes war ich Produzent. Das entspricht meiner Natur, bei allem, was ich mache. Ich nehme Dinge, zerhacke sie und baue daraus etwas Neues. Wie sieht meine Version von Trump aus?" Möglicherweise geben seine neuen Alben im Juni die Antwort.