Leon Bridges: Good Thing (Columbia) © Columbia

Leon Bridges: Good Thing (Columbia)

Seit seinem Debütalbum Coming Home, das er vor drei Jahren veröffentlichte, gilt Leon Bridges als Retro-Soul-Hoffnung mit kräftigem Blues-Einschlag. Handgemacht, ehrlich, ursprünglich: all die Klischees, mit denen man so manches Talent in die Patinaecke drängt. Einerseits. Andererseits ist seine Liebe für Stax, Americana und Chicago-Gospel ja authentisch.

Auf seinem zweiten Album wird Bridges jetzt spezifischer, beginnt mit einer Hommage an Curtis Mayfield und Sweet Soul (Streicher, Falsett) und arbeitet sich dann durch verschiedene Genres wie Roots-Soul oder Lounge-Jam, alles gekonnt, alles sogar irgendwie beseelt, alles unterhaltsam langweilig. Wenig bemerkenswert, würde Bridges nicht gelegentlich die Schraube noch weiterdrehen und sich an jüngeren Künstlern orientieren. Lions fängt den Kammersound des letzten Albums von D'Angelo ein, das eindeutige If It Feels Good (Then It Must Be) klingt sehr nach Bruno Mars. Aber, und das ist entweder der Clou oder der Albtraum, beide Künstler sind groß geworden, indem sie Sounds aus der Vergangenheit auf ihre Weise neu zusammengesetzt haben. Bridges klebt das Puzzlebild dann nur noch in einen Rahmen. So erfindet er ein neues Genre: Retro-Retro-Soul.


Kelly Willis: Back Being Blue (Premium Records) © Premium Records

Kelly Willis: Back Being Blue (Premium Records)

Vielleicht ist es an der Zeit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und sich einzugestehen, dass die legendäre Zeile "Wir spielen beides – Country und Western!" aus dem Film Blues Brothers irgendwie daneben ist. Tatsächlich gibt es mehr Country-Schattierungen, als Cowboyhüte in die Grand Ole Opry passen. Das Album Back Being Blue von Kelly Willis bringt ein paar von ihnen zusammen. Willis wuchs heran während der Alt-Country-Explosion der Achtziger und Neunziger, der Zeit von Lyle Lovett, KD Lang und Steve Earle. Auf ihrem neuen Album zollt sie dem Pop-Country der späten Sechziger und Siebziger Tribut, der teilweise sogar in Glam und Disco schlidderte.

Der Titelsong über, natürlich, ein gebrochenes Herz versteht sich als Hommage an Crystal Gayle, dazu covert sie I'm A Lover (Not A Fighter) von Skeeter Davis. Für eine Art Comeback-Album – es ist Willis' erste Solo-LP seit zehn Jahren – ist die Platte bemerkenswert bescheiden. Und leider in Teilen auch bemerkenswert beliebig. Aber trotzdem versteht es Kelly Willis, selbst ausgemachten Binsen wie "the heart doesn't know what the heart doesn't know" noch Leben einzuhauchen.


Low Cut Connie: Dirty Pictures Part 2 (Contender) © Contender

Low Cut Connie: Dirty Pictures Part 2 (Contender)

Auch die Band Low Cut Connie will unkompliziert altmodisch klingen. Schon der Name erinnert an eine Nebenfigur aus einem Springsteen-Song. Es lässt sich leicht vorstellen, dass Springsteen auf der Höhe seiner Macht die Band aus Philadelphia unter seine Fittiche genommen hätte. 2018 sind sie nicht verstaubt genug für Jack White, zu platt für Dan Auerbach und viel zu sehr Rock für Daptone Records. So bleibt ihnen nur lokaler Ruhm und Studioalben, die immer hinter den umjubelten Liveshows zurückbleiben müssen.

Dirty Pictures (Part 2) ist leider auch nicht die zweite Hälfte eines Livealbums. Vielmehr will der Frontmann Adam Weiner eine etwas andere Seite der Band zeigen: stampfend, schmutzig, schwitzend, aber auch melancholisch und nicht nur ausgelassen kaputt, sondern wirklich kaputt. Weiner trägt dabei viel Verantwortung, mit ihm steht und fällt das Album. Seine Versuche, sich zu strecken, gelingen nicht immer – den leidend-wütenden Schmachter wie auf Beverly kann er gut, den galligen Dekadenzgröler wie auf Master Tapes nicht so sehr. Seine solide Band und vor allem Saundra Williams als Backup-Sängerin können ihn dann auffangen, solange er keine Akustikexperimente wagt. Für ein Album, das nach allerlei Körpersekreten riechen will, bleibt es seltsam steril – die Schmutziger-junger-Mann-Attitüde wirkt trotzdem etwas unangenehm. Bleibt zu hoffen, dass Adam Weiner ausgerechnet in dieser Hinsicht nicht the real deal ist, sondern nur so tut.



Mark Kozelek: s/t (Caldo Verde) © Caldo Verde

Mark Kozelek: s/t (Caldo Verde)

Mark Kozelek hingegen gefällt sich in seiner Rolle als grumpeliger Mann über 50. Der Amerikaner, Gründer von Sun Kil Moon und den Red House Painters, hat sich nach Jahren als Seelenrisspoet in eigenen Bandprojekten auf subtile Weise neu erfunden: weg von autobiografischen Kurzgeschichten hin zur anscheinend reinen Memoir-Musik. Eine respektlose, aber nicht inakkurate Beschreibung wäre es, zu sagen, dass er einfach über das singt, was ihm den Tag über so passiert ist, und das ist nicht immer viel. Erzählt wird es trotzdem detailliert, und das macht die Songs oft länger als sechs Minuten. Kozelek ist zum Knausgård der Musik geworden.

Auch wenn die Mischung aus intensiver Selbstentblößung und ungefilterter Trivialität seinen Stücken immer wieder einen Anstrich von outsider art gibt – zufällig, wirklich unkontrolliert oder gar beliebig ist hier nichts. Der traurige Groove in Sublime, die Fingerschnipser in Young Riddick Bowe, die Gesangschichtung und sorgfältige Phrasierung, all das zeigt einen formbewussten Künstler, der bei jedem Wortschwall trotzdem vor allem mit den Ohren denkt.

So unangenehm Kozelek auch sein mag – eine Journalistin, die ihn an einem schlechten Tag erwischt hat, wurde von ihm später von der Bühne herab sexistisch beleidigt –, musikalisch ist er eine merkwürdig fesselnde Figur.