Jura studieren? Bringt doch nichts. Harte Arbeit, Fleiß, Talent? Vergessen Sie's! Wenn man wirklich ganz nach oben kommen will, wenn man ein echtes Vermögen aufbauen möchte, so sagt der Verbrecher Vautrin seinem Freund, dann muss man eine richtig, richtig reiche Frau heiraten. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat diese Passage aus Balzacs Roman Vater Goriot zitiert, als er zeigen wollte: Aufstieg durch Leistung war in Balzacs Frankreich nicht vorgesehen; man wurde in eine Dynastie geboren oder heiratete sich in eine hinein. Wem das nicht gelang, der blieb, was er war – arm zum Beispiel. Egal, was er in seinem Leben geleistet hatte.

Vielleicht hat Beyoncé Knowles-Carter, Queen Bey, Überstar, amtierende Königin der Popmusik, sich für ihren letzten Urlaub ja tatsächlich Pikettys Wälzer Das Kapital im 21. Jahrhundert eingepackt, und dann an einem Strand irgendwo zwischen Martha’s Vineyard und den Bahamas jene Stelle mit Vautrin fett unterstrichen. Und jene Stellen noch fetter, an denen Piketty schreibt, dass sich in unserem 21. Jahrhundert ähnlich dynastische Verhältnisse herausbilden wie 200 Jahre zuvor. Denn das passiert eben, solange der return on capital (r) größer ist als der economic growth (g), also r>g, wie Pikettys berühmte Formel lautet.

r>g. Kann man daraus Popmusik machen?

Möglicherweise hat Beyoncé ja von all dem ihrem Mann erzählt, dem Rapper Jay-Z alias Shawn Carter, der sich selbst völlig zu Recht "CEO of Hip-Hop" nennt, den Vorstandsvorsitzenden der Hip-Hop AG. Er stellt, um dieser Rolle gerecht zu werden, hin und wieder volkswirtschaftliche Überlegungen an, zur Prosperität Amerikas, zur Prosperität seiner schwarzen Brüder und Schwester, aber vor allem zur Prosperität seiner eigenen Familie. Und dann haben seine Frau und er zusammen ein Album aufgenommen, das prominenteste Promi-Ehepaar der Welt, die Carters: Everything is Love. Es gab keine Vorwarnung, keine Ankündigung, Samstagnacht war es einfach da.

Die schwüle Luft jenes Sommertags, an dem Beyoncé das Piketty-Buch zugeklappt haben muss, sie umweht die neun Songs, in denen ihr Mann eher als Gast denn als Kollaborationspartner erscheint: ein Beyoncé-Album, an dem ihr Göga auch ein bisschen mitwerkeln durfte in der Garage. Die schwüle Luft wabert wie Strandhitze, in der ein Liebespaar sich verliert (Summer); die schwüle Luft wird zusammengepresst im Dampfstrahler der Gegenwart und als Atlanta-Trap-Scurr-Scurr-Echo-(Echo!)-Hymne Apeshit herausgeblasen – der kalkulierte YouTube-Hit, den die Carters zusammen mit zwei Dritteln der Rap-Crew Migos entwickelt haben, an denen zur Zeit nicht einmal sie vorbeikommen. Die schwüle Luft umweht Beyoncé, als sie gerade auf ihrem alten BMX-Fahrrad lächelnd die Straße runterwedelt und "No need to ask, you heard about us" singt, als wäre sie eine verlorene Schwester der Haim-Familie. Falls das die Hoffnung gewesen war: Nein, kein Song auf Everything is Love hält den direkten Vergleich stand zu jenem berühmtesten Werk, das die Carters der Popwelt geschenkt haben, ihr Crazy in Love aus dem Sommer 2003, dessen Bläsersätze eine Schneise durch die Popkultur geschlagen haben, die bis in die Gegenwart reicht. Auch wenn das letzte Lied, Lovehappy, der bezaubernde Versuch ist, nach zehn Jahren Ehe und 18 Jahren Beziehung und einer Fast-Scheidung und drei Kindern die Crazyness von damals noch einmal kurz in Erinnerung zu rufen. Sie bleiben aber vor allem das: eine Erinnerung.

Soundtechnisch sind die beiden auf der Höhe der Zeit, des Weiteren leider nicht. Finanztechnisch aber – oh boy! Im dritten Track, Boss, singt, rappt, knallt Beyoncé uns (und ihrem Mann!) zwei Zeilen um die Ohren, die langfristig ändern werden, wie die neoliberalen Popkulturen Hip-Hop und R'n'B mit dem Reizthema Vermögensverwaltung umgehen: "My great-great-grandchildren already rich / That's a lot of brown children on your Forbes list." Ihre Ur-Urenkel sind jetzt schon reich, und das sind eine Menge braune Kinder auf der vom Forbes-Magazin veröffentlichten, traditionell eher einfarbig-weißen Liste der reichsten Menschen der Welt. Das ist nicht die übliche Prahlerei mit Lambos, Pateks und Kontostand. Nein, hier beginnt eine neue Zeit. Eine neue, alte Zeit. Die der Dynastien. Piketty wird Pop.