Ins Fußballstadion gehen die Leute, weil sie glauben: Gemeinsam sind wir stark. Das mag stimmen, ist aber auch egal. Denn Beyoncé ist stärker. Als sie am Donnerstagabend eine hufeisenförmige Riesenbühne betritt, die zahllose Untertanen im Berliner Olympiastadion für sie errichtet haben, ist das ein echter Moment, die Mondlandung der Millennials. Der größte Popstar der Welt ist da, unumstritten wie nie, Ehemann Jay-Z im Schlepptau. Das Stadion kreischt, Beyoncé singt, das Stadion kreischt nicht mehr. Vorrundenaus, Regierungskrise, Beziehungsende – alles deutet hin auf einen Abend, an dem jeder im Publikum die Wunden seiner Wahl lecken kann.

Beyoncé Knowles und Shawn "Jay-Z" Carter haben vor Kurzem ihren zehnten Hochzeitstag gefeiert. Auch das war natürlich ein echter Moment, nicht nur für das Paar, sondern für die Liebe überhaupt. Es hatte zwischenzeitlich nicht mehr gut ausgesehen: Im Mai 2014 war es zu Handgreiflichkeiten zwischen Jay-Z und Beyoncés Schwester Solange gekommen. Die Überwachungskamera eines Fahrstuhls hielt den Vorfall fest, danach ging es in Ehe und Musik der Carter-Knowles-Familie vor allem um die Arbeit, die man mit der Liebe hat, wenn einer die andere betrügt.

Beyoncé nahm das Vergeltungs- und Vergebungsalbum Lemonade auf, Jay-Z legte mit dem Entschuldigungsalbum 4:44 nach. Vor 14 Tagen erschien dann Everything Is Love, die gemeinsame Läuft-wieder-Platte der beiden, ein Hochgesang auf den eigenen Reichtum, aber auch auf die gegenseitige Liebe, die allen Widrigkeiten der vergangenen Jahre standgehalten hat. Größer kann der Pinsel nicht sein, mit dem man in der Popmusik malt, dickflüssiger triefen kann es auch nicht. Wenn Beyoncé und Jay-Z nun mit neuem Elan durch die Stadien der Welt touren, ist das eine symbolträchtige Ehrenrunde, ein Sonderangebot an Großmütigkeit, das zu sagen scheint: Gebt uns euren Schmerz. Wir kümmern uns.

In Berlin geht diese Rechnung nur halbwegs auf. Der Blick auf die Bühne mit all ihren dreh-, verschieb-, versenk- und hochfahrbaren Elementen verspricht ein hydraulisches Freudenfest. Der Blick ins Rund verrät aber auch: Viele Plätze sind leer geblieben, vor allem dort, wo die Tickets am teuersten sind und die Distanz zu den Stars am geringsten ist. Entweder beweist Deutschland einmal mehr seine Unrockbarkeit oder der Liebes- und Therapiebedarf ist unter hiesigen Fans einfach nicht so groß, wie Beyoncé und Jay-Z gedacht hatten. Die Anfangseuphorie verflacht denn auch schnell: Der Bass ist zu bollerig, die Band, die meistens vom Band kommt, bleibt zu leise. Der Wind weht die Feinheiten aus dem Stadion. 

Fast zu gut

Wegen der Feinheiten ist man aber auch nicht gekommen. Man ist gekommen, um geplättet zu werden, und da macht Beyoncé niemandem etwas vor. Immer wieder erhebt sich ihre Stimme, diese Stimme, mit der man Flüsse begradigen und andere Naturgewalten zurückschlagen könnte, über den vermatschten Sound. Nebenbei trainiert sie ihre Oberschenkel, tanzt ein Dutzend Tänzerinnen an die Wand, weicht Feuerbällen und Feuerwerkskörpern aus. Immer wenn Beyoncé auf den Leinwänden hinter der Bühne in Großaufnahme erscheint, durchsticht ihr Blick die Kamera, makellos, unnachgiebig, selbstbewusst wie ein Flugzeugträger. Der Effekt ist umwerfend, aber auch ernüchternd. Sie ist fast zu gut.

Das Klischeebild zur Rollenverteilung bestätigt sich also: Beyoncé ist die eiserne Performerin, Jay-Z der inzwischen leicht onkelige Rapper, der auch mal zwei Schritte macht, die nicht zur Choreografie gehören. Wenn er auf den Leinwänden erscheint, grinst er schief, oder man sieht, wie ihm die Puste ausgeht. Trotzdem bleibt ihm vorbehalten, mit Niggas in Paris, einem Überbleibsel aus Jay-Zs längst geschiedener Nebenehe mit Kanye West, den einzigen kollektiven Durchdrehmoment des Abends heraufzubeschwören. Auch mal schön für den Mann, der im Wettstreit der Carter-Knowles-Partnerschaft sonst immer als zweiter Sieger vom Platz geht.

Dass man Beyoncé und Jay-Z überhaupt als konkurrierende Instanzen begreift, liegt an der Dramaturgie ihrer Show, die eigentlich aus zwei Einzelshows besteht. Nur zu den strategisch gesetzten Höhepunkten des gut zweistündigen Konzerts treten beide gleichzeitig auf. Auch das ist natürlich ein Zeichen ganz großer Popstars: Selbst im Moment ihrer Anwesenheit sind sie zugleich abwesend, das Gefühl, sie greifen zu können, bleibt eine Illusion. Und so rätselt man, was Beyoncé wohl hinter der Bühne tut, während Jay-Z das Stadion bespaßt. Schreibt sie E-Mails? Schreddert sie Elfenbein? Einfach, weil sie es kann?

Solche Fragen sind beinahe interessanter als die eigentliche Show, weil im Skript des Abends keine Antworten darauf vorgesehen sind. Seit einem Monat befinden sich Beyoncé und Jay-Z inzwischen auf Europatour, und nur zweimal sind sie von ihrem Standardprogramm abgewichen. Die Songs aus Everything Is Love warten noch immer auf ihre Livepremiere. Um wirklich jene Intimität heraufbeschwören zu können, die das Rahmenprogramm mit Videos aus dem letzten Karibikurlaub des Paares andeutet, fehlt es der Show an Spontaneität und Kontrollverlust. Die Liebe von Beyoncé und Jay-Z ist makellos. Das ist ihr einziger Makel.