Christina Aguilera ist so pop, wie es nur geht. Immer der große Auftritt, weißblonde Perücken, Strass, fingerlange Wimpern, Lippen mit Glasur, austrainierte Knödelstimme, der Schein von Glanz und Leichtigkeit, die nicht ohne ein amerikanisches Arbeitsethos zu haben sind. Als Kind schon Disneys Prinzessin neben den Mickymäusen Justin Timberlake, Britney Spears und Ryan Gosling. Dann der Durchbruch als lolitahafte Jeannie aus der Flasche, später überhitztes Cancan-Girl und gleich darauf dirrty Faustkämpferin – Christina war, was Christina sein sollte. Hauptsache immer bauchfrei, denn da sitzt der Gesang.

Jetzt soll Christina Aguilera aber ganz anders sein, hört man. Nach all den Jahren im Geschäft und den Geburten zweier Kinder habe sich die 37-Jährige auf die Suche nach ihrem echten Gesicht gemacht. "Ich musste zur Wahrheit zurückkehren." Und wenn berühmte Frauen irgendwas mit Authentizität sagen, schneiden sie sich entweder die Haare ab oder zeigen sich ungeschminkt. Bei Alicia Keys zum Beispiel war es 2016 soweit: Riesentheater, weil sich eine Popsängerin nicht mehr anmalen wollte wie eine Dragqueen. Aber gar nicht anmalen – so nackig müssen wir uns dann auch machen – geht eben leider nicht, wenn man ständig fotografiert wird. Für eine zeitgemäße, gut vermarktbare Empowerment-Pose reicht es daher aus, auf einen gängigen Beauty-Trend aufzuspringen: Nude-Look, No-Make-up-Make-up oder auch Make-under genannt. Man schminkt sich mit dem Ziel, ungeschminkt zu wirken. Sieht so ursprünglich aus wie Eva im Paradies, ist aber nur Christina aus der Schlangengrube. Die perfekte Täuschung. So pop, wie es irgend geht.

Zu Aguileras Echtheitskampagne gehört nun auch ein neues Album, das erste nach sechs Jahren Pause. Es heißt, was für eine Überraschung, Liberation. Denn wenn berühmte Popsängerinnen sich in der ihnen zugewiesenen Rolle unwohl fühlen oder sich langweilen, etablieren sie ein Alter Ego oder eine weibliche Person, die sie in ihren Songs adressieren können. Beyoncé hat ihre Bühnenpersönlichkeit Sasha Fierce (2008), Lady Gaga hat ihre verstorbene Tante Joanne (2016). Christina Aguilera hat jetzt ein Mädchen namens Maria, ihr zweiter Vorname, das im Goldenen Käfig verkümmert ist und endlich Luft holt zum lautstarken Befreiungsruf. Den gleichnamigen Song hat übrigens Kanye West produziert, eine recht konventionelle Ballade mit Cembalo, Streichern, dickem Bass und synthetischem Snare-Geflacker.

Überhaupt hat sich Aguilera eine Menge verlässlicher Partner ins Studio eingeladen, die ihr helfen, stilistisch alles abzudecken, was man halt gerade so machen kann mit einer Stimme wie ihrer. Hip-Hop, Pop, R'n'B, Soul. Die abledernde Jimi-Hendrix-Reminiszenz Sick Of Sittin', die tropische Schönwetter-Sex-Nummer Right Move und immer wieder die ach so modischen Trap-Elemente wie in Accelerate. Die übliche Klavierschmusenummer als Rausschmeißer fehlt natürlich auch nicht.

Wie man das aus der Seifenwerbung kennt, lässt Christina Aguilera dann noch ein paar kleine Mädchen ihre Berufsträume aufzählen, um ihrer Ermächtigungsgeste Nachdruck zu verleihen: Eine Sängerin, die wahrhaftig, authentisch, echt und richtig nahbar ist, braucht schließlich ein MeToo-Lied. Das singt sie zusammen mit der 27-jährigen Demi Lovato. In Zeiten wie diesen müssen Frauen zusammenhalten, und doppelt funktioniert halt besser. Fall in Line ermuntert alle heranwachsenden Mädchen, sich ihren Platz in dieser Gesellschaft zu erkämpfen und zwar ohne Körper und Seele zu verkaufen. "Maybe it's never gonna change/ But I got a mind to show my strength/ And I got a right to speak my mind." Im Video dazu werden Lovato und Aguilera von Männern in schwarzer Kampfmontur als Show- und Sexsklavinnen gefangen gehalten und entkommen schließlich aus eigener Stärke dem Kerker.                                      

Alles eine Willensfrage. Und dass es gar nicht so fies und schlimm ist, wenn Mädchen aussprechen, was ihnen durch den Kopf geht, sondern auch mit einem Geschlechterbild vereinbar ist, wie es dem US-Präsidenten gefällt, führt Aguilera in vielen anderen Songs auf dem Album vor: Es geht meist um Paarungsspielchen, weibliche Unterwerfungsgesten und Zweifel am Selbstwertgefühl. "Tell me I'm the one that deserves you."

Nennen wir es das Aguilera-Paradoxon: Weibliche Durchsetzungskraft kann man sich draufschminken, indem man sich abschminkt. Topprodukt, für jeden was dabei, großer Pop.


"Liberation" von Christina Aguilera erscheint am 15. Juni bei Sony Music.