Wenn Verwandte sterben, ist das für Familien stets ein gewaltiges Unglück. Wenn Verwandte jung sterben, wird die Trauer verlässlich zur Tragödie. Wenn diese Verwandten jedoch auch auch noch Freunde sind, dicke Freunde sogar, derart dick, dass Blut dagegen zur wässrigen Plörre wird, dann gerät die Tragödie zur menschlichen Katastrophe.

Seeed waren, Seeed sind eine Familie aus Freunden, wie es sie im Musikgeschäft nur noch selten gibt. Eine Großfamilie zudem – elf Leute auf der Bühne und mindestens doppelt so viele dahinter, die seit zwei Jahrzehnten wie ein Lebewesen wirken, unzertrennlich und auf ewig beisammen, so schien es. Bis gestern.

Denn zumindest für Außenstehende völlig überraschend wurde ein lebenswichtiges Organ aus diesem Körper herausgerissen: Demba Nabé, genannt Ear, eine der drei Herzkammern des unzertrennlichen Reggae-Orchesters aus Berlin, ist gestorben. Der Sänger wurde nur 46 Jahre alt. Und er hinterlässt eine Trauergemeinde, die sich gerade erst wieder zusammengerauft hatte, um musikalischen Frohsinn zu verbreiten, wie es nur wenige in deutscher Sprache mit so wenig Berechnung, aber so viel Leidenschaft vermögen. Umrahmt von den anderen zwei Frontmännern Peter Fox und Frank Dellé, mischte Demba Nabés Familienbusiness das bisweilen selbstgenügsame Offbeat-Fach mit einer tanzwütigen Mischung aus Dancehall, Bass, DJing, Bass, Hip-Hop, Bass, Ska und noch viel mehr Bass so auf, dass jeder Club zur Sauna wurde, selbst wenn er Stadionausmaße annahm.

Nichts ist mehr "wie immer"

Es waren schließlich nie einfach Gigs, die da mit vollumfänglichem Rockrepertoire plus Bläser, Percussion, Backgroundgesang notorisch ausverkaufte Hallen zum Siedepunkt brachten. Auf Tausenden von Videos und Dokumentationen ist spürbar, wie das knappe Dutzend Hauptstädter dem Asphalt ihrer Heimat einen naturalistischen Modernismus entlocken, der besonders Deutschen vielerorts nicht zugetraut wird. Bis 2012 waren Seeed mit dieser schweißtreibenden Art choreografierter, zugleich jedoch impulsiver Show unterwegs. Jeder Tag ein Konzert, jedes Album Goldstatus. Dann aber stoppte der Bus abrupt. Sammeln, regenerieren. Bis die Band Anfang März versprach, an neuen Songs zu arbeiten und mehr noch: eine Tour fürs kommende Jahr verkündete. Sie war in Minuten ausverkauft. Wie immer eigentlich.

Doch "wie immer" ist jetzt eben gar nichts mehr, seit dem Puzzle mit Demba Nabé ein unersetzliches Stück fehlt. Seine Stimme war die wärmste von allen drei, irgendwie am wenigsten im Reggae verwurzelt und gerade deshalb prägnant. Peter Fox verpasste dem Sound Berliner Schnauze, Frank Dellé eine Spur Jamaika. Demba Nabé hingegen, wie seine zwei Freunde Anfang der Siebzigerjahre an der Spree geboren, war beides – Karibik und Metropole, Strand und Beton. Wirkliche Wucht entwickelten sie aber erst zu dritt, gern im gleichen Outfit, Anzüge im Kiffer-Metier. Auch hier betraten Seeed Neuland.

Dass es Nabé, der auch als Künstler einen Namen hat und diverse Plattencover entworfen hat, unter seinem Drittnamen Boundzound seit 2007 immer mal solo wieder umschiffte, ein bisschen poppiger als seine Hauptband, vor allem weit kreativer als im träge mäandernden Mainstream des Reggae üblich, ändert nichts an seiner Bedeutung für Seeed. Die musikalische Verwandtschaft befindet sich bislang in Schockstarre. Über ihren Anwalt ließ sie ein kurzes Statement verkünden, irgendwas mit "tief betroffen" und "Zeit für Trauer". Das war's. Ob die Tour stattfinden, ob weiter an der Platte gearbeitet wird? Schwer zu sagen.

Zum Trost bleibt allen Fans, Freunden und Familienmitgliedern eine Zeile der Single Aufstehn! vor auch schon wieder 13 Jahren. "Baby, wach auf, ich zähl bis zehn", singen die drei darin wie immer lebensfroh bis zur Krisenverleugnung, "das Leben will einen ausgeben und das will ich sehen". Demba Nabé, die Frohnatur, der Massenbeweger, er hätte es wohl genau so gewollt.