Das Verhältnis zwischen Fußball und Popmusik ist generell kompliziert. Einige der bizarrsten und scheußlichsten, aber auch lustigsten Popsongs aller Zeiten sind im Zusammenhang mit Fußballweltmeisterschaften entstanden. Auch die musikalische Umrahmung der diesjährigen WM, die am Donnerstag in Moskau beginnt, bietet einen, ja, bunten Strauß mehr oder weniger faszinierenden Irrsinns. Bei genauerer Betrachtung lassen sich aus diesem jedoch auch einige interessante politische Botschaften herauslesen.

Bemerkenswert ist zum Beispiel, dass der Weltfußballverband Fifa als offizielle Hymne für die WM in Russland ausgerechnet ein Reggae-Stück ausgewählt hat: Live It Up von Nicky Jam, Will Smith und Era Istrefi. Das Lied wird auf Englisch und Spanisch gesungen, wobei sich besonders die Kosovarin Istrefi bei der Aussprache des Englischen um eine jamaikanische Patois-Färbung bemüht. Produziert wurde Live It Up von dem Jamaika-, Ballerbeats- und Brasilien-Techno-Experten Wesley Pentz alias Diplo. Für die Auswahl als Hymne bieten sich zwei Erklärungen an: Entweder lag der Song noch von der letzten WM vor vier Jahren in Brasilien herum und musste jetzt dringend mal weg, oder die Fifa wollte den Russen zeigen, wie Kiffermusik klingt, damit diese sich auch mal ein bisschen entspannen und nicht ständig wieder irgendwo einmarschieren.

"One life, live it up, 'cause we got one life", lautet die zentrale Zeile des Stücks, auf Deutsch etwa: "Ein Leben, lebe es, denn wir haben ein Leben." In leicht abgewandelter Form findet sich dieses arithmetische Paradox auch in der offiziellen WM-Hymne der ARD wieder: "Wir sind zusammen groß / wir sind zusammen eins", heißt es in dem Stück Zusammen. Die Zahl elf, die früher in Fußballhymnen eine zentrale Rolle spielte, ist aus den WM-Songs dieser Saison hingegen völlig verschwunden.

Zusammen wird von den Fantastischen Vier und Clueso gesungen; das eine ist eine südwestdeutsche Rapgruppe aus den Neunzigerjahren, das andere ein 1980 geborener Rapper aus Erfurt. Ost trifft West, Jung trifft Alt: So wird das Zusammensein auf verschiedenen Ebenen beschworen, weswegen das Stück eigentlich zum Lob einer Mannschaftssportart gut passt. In dem dazugehörigen Video erfahren wir freilich, dass sich die Fantastischen Vier und Clueso in Wirklichkeit gar nicht leiden können und lediglich durch einen gefühllosen Manager aus Profitgründen zusammengespannt wurden, ein Plan, der wegen der Unverträglichkeit der Charaktere krachend scheitert. Wenn man das wiederum auf die deutsche Nationalmannschaft überträgt, könnte man folgern, dass der Song eine zersetzende Note besitzt. Haben wir es hier also mit einem Fall von typisch deutschem Selbsthass zu tun?

Das fragt man sich auch bei Germany Ole, einer von den Schauspielerinnen und Nackttänzerinnen Micaela Schäfer und Yvonne Woelke intonierten WM-Hymne. "Es ist Russlands große Seele, die uns irgendwie bewegt / und wir sind auf einer Welle, die uns bis nach Moskau trägt", heißt es darin, und im Video dazu stehen die beiden Interpretinnen, jeweils mit einem knappen Lederhöschen und einem schwarz-rot-goldenen Bikinioberteil bekleidet, in einer menschenleeren Vorortsiedlung vor einem engmaschigen Metallzaun und wedeln mit schwarz-rot-goldenen Flaggen und Fächern.

Deutlich moderner produziert wirkt die offizielle WM-Hymne des ZDF, The Bravest von dem US-amerikanischen Trio Sir Rosevelt. Sie klingt beim ersten Hören wie eine dieser stadiontauglichen Electronic-Dance-Music-Hymnen, die zurzeit in den USA so populär sind. Interessanterweise stammt das Stück aber nicht von einem eingeführten EDM-Produzenten, sondern von Zac Brown aus Atlanta in Georgia, der in seinem Heimatland mit besonders traditionalistisch gewirkten Countrystücken bekannt geworden ist, gern auch zum Ruhme der Stars and Stripes und des amerikanischen Militärs. Brown ist einer der wenigen bedeutenden US-Künstler, die immer schon freudig auf Veranstaltungen der Republikanischen Partei musiziert haben. Mit Sir Rosevelt wollte er sich offenkundig einmal in einem unvertrauten Stil ausprobieren, was im Sinne der künstlerischen Weiterentwicklung jederzeit zu begrüßen ist. Freilich passen die für ihn typischen Tapferkeits- und Männlichkeitsbeschwörungen mit den eher müde wirkenden EDM-Beats nicht richtig zusammen.

Rundum gelungen ist hingegen Colors von Jason Derulo, die offizielle Hymne des Fußball-WM-Sponsors Coca-Cola. Darin feiert der ebenfalls aus den USA stammende Sänger ausgiebig die Buntheit und die Vielfalt der Welt: Er ist der Ansicht, dass alle Menschen gleich und doch verschieden sind und dass "Schönheit in der Einheit liegt, die wir gefunden haben". Dieses Lob der Diversität und des kulturellen Reichtums intoniert Derulo nun – darin liegt die bemerkenswerte Dialektik seiner Komposition – zu der kulturell ärmsten und nivellierendsten Musik, die man sich vorstellen kann: zu jenem Fließband-R-'n'-B-Autotune-Sound, der in den vergangenen Jahren geradezu zum Inbegriff der globalen Kulturverflachung geworden ist. Colors klingt gerade so banal, klebrig und höhepunktslos, wie Coca-Cola schmeckt, und um diesen Zusammenhang unüberhörbar zu machen, flicht Derulo auch immer wieder den Werbeslogan des Sponsors in seine Menschheitsvereinigungslyrik ein: "Taste the feeling!" Besser kann man die Verlogenheit und die Korruptheit der Fußballindustrie und der Kulturindustrie kaum auf den Punkt bringen: Darum ist Colors die perfekte WM-Hymne.