Vielfalt ist eine schöne Sache, aber das stilistisch breite Programm vieler Musikfestivals verstellt auch den Blick dafür, dass Frauen und Genderqueer-Künstler auf den internationalen Bühnen nach wie vor reichlich unterrepräsentiert sind. Selbst das gern zum hippsten Festival Europas erklärte Primavera Sound lag in seiner 18. Ausgabe mit den Hauptacts Björk, Lorde und Lykke Li nur knapp über dem Festivaldurchschnitt: Künstlerinnen wollen sie alle gern verpflichten, sagen die Festival-Booker, doch der Frauenanteil bei den 20 größten Multi-Genre-Festivals liegt laut einer Erhebung der Website Pitchfork Media 2018 gerade einmal bei 19 Prozent, im vergangenen Jahr waren es 14 Prozent. Zu ähnlichen Ergebnissen war eine breiter angelegte Studie des Netzwerkes Female Pressure gekommen: Nur 15 Prozent der Festival-Acts von 2015 bis 2017 waren weiblich.

Primavera, mit durchschnittlich 200.000 Besucherinnen und Besuchern pro Jahr einer der Giganten im europäischen Festivalbetrieb, hatte mit Gender Equality geworben, eindeutig gender-equal war das Festival jedoch nur auf Seiten des Publikums. "Es vergeht aber keine Stunde auf dem Festival, in der nicht eine Frau auf der Bühne steht", sagt die Primavera-Sprecherin Marta Pallarès. "Alle Bühnen werden auch von Frauen bespielt. Und Frauen sind in allen Genres zu finden." Das heißt umgekehrt aber auch, dass zu jedem Zeitpunkt die restlichen sieben bis neun Bühnen von Männern okkupiert sind.

Marta Pallerès, Sprecherin des Primavera Sound Festivals © Frank Sawatzki

Warum stellt sich auf allen großen europäischen Open Airs 2018 ein ähnliches Bild dar, von Roskilde über Pinkpop und Reading bis zu Lollapalooza Berlin? Weil viele weniger bekannte Musikerinnen nicht so gut vermarktet werden könnten wie Beyoncé oder Lady Gaga, meint die Berliner Sängerin Bernadette La Hengst. "Deshalb behaupten die Veranstalter von Festivals immer, es gäbe keine Musikerinnen, die gut genug seien, große Festivalbühnen zu rocken. Das ist natürlich Blödsinn." Die Primavera-Sprecherin hingegen kann das für Barcelona nicht bestätigen: "Es geht ausschließlich um die Qualität der Künstler und Künstlerinnen. Die Voraussetzungen für Frauen sind vorhanden. Ich bin mir sicher, dass die Frauen, die heute beginnen, Musik zu machen und aufzutreten, in 20 Jahren Festival-Headliner sein werden."

Die Line-ups der Gegenwart können offensichtlich kaum mit den Entwicklungen der Popmusik Schritt halten. Hatten wir nicht schon die Narrative des Rock'n'Rolls hinter uns geglaubt, mit den mythisch überhöhten Männerbünden, die sich extemporieren dürfen auf der einen Seite und den Mädchen, die – die Jungs bewundernd – in der Rolle der Zuschauerinnen verharren auf der anderen? Die aktuell größten Popstars sind Frauen, aber auch Beyoncé, Taylor Swift und Katy Perry wird man diesen Sommer nicht auf Festivalbühnen in Europa erleben.

Männer rocken, Mädchen klatschen?

Zum Ziel der Kritik war zuletzt das Wireless-Festival geworden, das im Juli in London ausgetragen wird. Lily Allen hatte eine bearbeitete Version des Line-ups auf Twitter veröffentlicht, in der die Namen der männlichen Künstler entfernt worden waren. Das Festival-Poster zeigte "eindrucksvolle" Freiflächen, darauf weit verstreut die Namen von nur drei Künstlerinnen. Der Kommentar von Lily Allen: "The struggle is real." "Ein Festival wie dieses hat genügend Platz für das Talent von Frauen, ihr macht Witze", fügte ein Social-Media-Nutzer hinzu.

Vanessa Reed von der PRS Foundation, dem Interessenverband britischer Musiker, macht patriarchale Strukturen und "die immer gleichen Verhaltensmuster der Veranstalter" für das deutliche Missverhältnis verantwortlich: "Die Entscheidungen werden heute im Grunde von den gleichen Leuten wie vor zehn oder 20 Jahren getroffen, als tatsächlich noch weniger Frauen nach oben kamen." Auch Gudrun Gut, Elektromusikerin, Labelmacherin und schon seit Jahren im Netzwerk Female Pressure aktiv, interpretiert die ungleiche Verteilung auf den großen Festivalbühnen als Ergebnis gewachsener Machtkonstellationen: "Die Gleichstellung der Frau ist noch gar nicht so alt, und die Musikszene ist immer ein Freiraum gewesen – eine große Influencer-Spielwiese, allerdings eine männliche. Booking und Kuratieren hat sehr viel mit Freundschaften, Seilschaften, Vertrauen, Bestätigung und Achtung zu tun. Es ist schon auffällig, dass Männer oft Männer vorschlagen."

Die kleinen Festivals machen es vor

Die von der PRS ins Leben gerufene Initiative Keychange hatte sich im Februar für eine Frauenquote auf Festivals stark gemacht; angepeiltes Ziel ist eine Fifty-Fifty-Besetzung von männlichen und weiblichen Künstlern bis 2022. 85 Festivals und Konferenzen aus dem Bereich Popkultur schlossen sich dieser Absichtserklärung bisher an, die internationalen Big Player im Festivalgeschäft sucht man bei Keychange allerdings vergebens.

Ist eine Frauenquote auf den Open-Air-Bühnen überhaupt sinnvoll? Bernadette La Hengst sieht in der Diskussion, die die Initiative auf den Tisch gebracht hat, zumindest einen Anfang. "Ich bin für eine solche Quote. Es reicht aber nicht, nur eine Quote für Festivals zu fordern. Genauso müsste man sie in Plattenlabels einführen, in Verlagen, in Booking-Agenturen, in Musikredaktionen, in Jurys, die Preise und Stipendien für Musiker und Musikerinnen vergeben."

Veränderung ist möglich, das zeigen vor allen Dingen kleinere Festivals, Initiativen und Netzwerke, in denen Künstlerinnen sich für ihre Präsenz stark machen. Auf den großen Bühnen werden ganz andere Geschichten erzählt. Das Primavera-Finale gehörte am Sonntagmorgen dem US-amerikanischen Rapper A$ap Rocky. Aus dem bombastischen Soundfeuerball, den er über die Bühne wälzte, war eine geradezu klassisch formulierte Bestätigung antiquierter Rollenverhältnisse zu vernehmen: "The girls just want fun, the boys we make noise."