© Caroline / Universal

Get Well Soon – The Horror (Caroline / Universal)

Konstantin Gropper meint es nicht böse, aber ein Streber ist er schon. Kein anderer Popmusiker des Landes lehnt sich so ambitioniert in die Klassik rein, wie es der Songwriter, Multiinstrumentalist und Arrangeur aus Mannheim mit seiner Band Get Well Soon und als Produzent anderer Erfolgsprojekte wie dem Casper-Album Hinterland tut. Seine erste eigene Platte klang vor zehn Jahren wie eine gut kopierte Studentenversion von Arcade Fire mit schlecht geklauten Songtiteln von Sufjan Stevens. Doch dann wurden die Konzepte ambitionierter, die Themen erwachsener, die Songs eigenwilliger. Gropper ist jetzt beim fünften Get-Well-Soon-Album angekommen und fühlt sich bereit für ein Statement.

The Horror ist die Geschichte dreier Albträume, die den Künstler zuletzt plagten und inspirierten. Erzählt mit fester Stimme und saftigem Orchestersound, besessen von dem Gedanken, dass wir alle auf Pump leben, gefangen in Ruinen, die auf den Überresten älterer Ruinen erbaut wurden. So weit, so Gropper. Neu ist das Sinatra-Feeling im Gesang und den Arrangements, ein Verweis auf die Hipster-Phase des legendären Interpreten in den Fünfzigerjahren, der Gropper allerdings auch nicht cooler macht. Wie all seinen Alben haftet auch The Horror etwas Strebsames, Erarbeitetes an. Wo andere locker aus der Hüfte schießen, bleiben Get Well Soon angespannt und ungelenk. Ist doch auch mal ganz nett.



© Young Turks / XL / Beggars / Indigo

Kamasi Washington – Heaven & Earth (Young Turks / XL / Beggars / Indigo)

Eine kurze Geschichte des Jazz: Erst war da irgendein Typ, dann Miles Davis, dann John Coltrane und jetzt Kamasi Washington. So einfach ist es natürlich nicht, aber so fühlt es sich gerade an. Seit er vor drei Jahren mit dem nicht nur preis-leistungs-technisch überragenden Dreifachalbum The Epic auf der Bildfläche erschien, genießt Washington eine Art Jazz-Monopol, sowohl in anspruchsvollen Hardbop- und Free-Gefilden als auch in der Fahrtstuhlmusik. Der Enddreißiger aus Los Angeles bestreitet die Gegenwart des Genres weitgehend alleine – und schafft es auch mit seiner neuen Doppel-LP Heaven & Earth wieder über das Einzugsgebiet von Feuilleton und Musikschulen hinaus.

Wie macht Washington das? Zunächst einmal als Bandleader eines Doppelquartetts, in dem er selbst als Tenorsaxofonist einiges weghobelt, aber auch die beiden Schlagzeuger trickreich interagieren. Ebenso wichtig ist jedoch die politische Stoßrichtung von Heaven & Earth, das gleich mit einem actionreichen Achtminüter einsteigt, hinter dessen Titel Fists Of Fury ein Aufruf zum nicht mehr ganz zivilen Ungehorsam der schwarzen US-Bevölkerung steckt. Andere Jazzer sind musikalisch radikaler als Washington; gerade der Heaven-Teil seines neuen Albums schlittert bisweilen ins Seifige. Niemand jedoch bringt den Puls der Zeit momentan in ambitionierteren Taktmaßen zum Schwingen.



© Matador / Beggars / Indigo

Snail Mail – Lush (Matador / Beggars / Indigo)

Schade eigentlich, dass junge Leute keine Zeitung mehr lesen. Lindsey Jordan hätte ihren Namen sonst schon letztes Jahr in der New York Times entdecken können. Ein wohlmeinendes Feature des Prestigeblatts hatte damals die Rockmusik von den Toten erweckt und ihre Zukunft für weiblich erklärt. Zur Beweisführung dieser These wurde auch Jordans Projekt Snail Mail angeführt – was die junge Band aus Baltimore nun in die je nach Blickwinkel spannende oder heikle Situation bringt, schon mit ihrem Debüt überzeugen zu müssen.

Snail Mail wollen das auch und verzieren deshalb ihren Song Heat Wave mit einer Whiskey-In-The-Jar-mäßig aufheulenden Leadgitarre. Das ist der altbackenste Moment auf Lush, aber auch der originellste: Die anderen neun Songs bestreiten Snail Mail mit Rock, dem man vor 30 Jahren das Präfix "College-", vor 20 Jahren das Präfix "Indie-" und vor zehn Jahren das Präfix "Emo-" zugeschrieben hätte. Schleppendes Tempo, unverzerrte Gitarre (bis sie doch verzerrt), alles mit null Bock gespielt. Die Rettung: Jordans alterslose Texte über Freundschaft (forever) und Liebe (unerfüllt), ihre klischeefreien Berichte aus der Vorstadt und ein Umgang mit Worten, der auch größere Dramen auf verhandelbare Größe schrumpft.



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Pusha T – Daytona (G.O.O.D. / Universal)

Kanye West hat die aufregendsten 20 Minuten des bisherigen Hip-Hop-Jahres produziert. Leider nicht für sich selbst. Die Beats auf dem neuen Kurzalbum des Rappers Pusha T stammen von West und zeigen den Exzentriker (gutwillige Lesart) beziehungsweise den Troll (böswillige Lesart) im bestmöglichen Arbeitsmodus. Daytona klingt auf altmodische Weise beseelt, bedient sich gekonnt in der R'n'B- und Funk-Vergangenheit und erlaubt sich dennoch Momente neumodischer Zerschossenheit. Die Samples waren sicher teuer, aber sie dienen mehr als der Zurschaustellung des eigenen Kreditkartenlimits. Was für eine Ironie des Schicksals: Kanye West wäre gern Cristiano Ronaldo, ist aber ein viel besserer Toni Kroos.

Pusha T tut derweil, was er seit den späten Neunzigerjahren tut. Mit unvergleichlicher Kaltblütigkeit reiht der Rapper aus Virginia Beach Geschichten aus seinem alten Leben als Drogendealer und Geschichten aus seinem heutigen Leben als reicher Mann und Kunst-Connaisseur aneinander. Niemand rappt besser, ohne zu schwitzen. Kein anderer MC könnte sich den Krieg der Worte leisten, den Pusha T seit Jahren gegen den noch reicheren und einflussreicheren Drake führt. Auf Daytona stehen die ebenso kleinkarierten wie unterhaltsamen Seitenhiebe Richtung Kanada prominent am Ende der Platte. Und deren kurze Spielzeit? Ist natürlich kein Bug, sondern ein Feature.