© Impulse!/Universal

John Coltrane: "Both Directions at Once" (Impulse!/Universal)

Schofelige Behandlung durch Frauen ist vielen Männern gut bekannt. Immer wieder werden sie in ihren Gefühlen verletzt, in grausamer Weise zunächst romantisch umzirzt und dann rüde zurückgewiesen; kein Wunder, dass viele Männer gegenüber dem Leben sowie den Frauen verzagen. Einem jener unglücklichen Wesen hat der Komponist Franz Léhar in dem Lied Vilja ein Denkmal gesetzt: Es handelt von einem Jägersmann, der sich in ein Waldmägdelein verliebt; Letzteres scheint die Liebe zunächst zu erwidern, um sich dann jedoch, als es sich "sattgeküsst" hat, auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden. Vilja gehört zu den immergrünen Hits aus Léhars Operette Die lustige Witwe, uraufgeführt im Jahr 1905. Seit den Dreißigerjahren ist es auch ein gern variierter Instrumentalstandard im US-amerikanischen Jazz, von der lässigen Swing-Version, die der Klarinettist Artie Shaw 1939 mit seinem Orchester einspielte, bis zu der spirituell schwebenden Variante, die kürzlich noch auf den letzten Touren von Pharoah Sanders zu hören war. Sanders lernte sie schon in den Sechzigerjahren bei seinem Mentor John Coltrane; dieser hatte das Stück als Vilia 1963 in seinem klassischen Quartett mit Elvin Jones (Schlagzeug), Jimmy Garrison (Bass) und McCoy Tyner (Piano) eingespielt.

Auf Platte war es bislang nur als Liveversion oder Fragment zu hören – bis jetzt, nach über 55 Jahren, erstmals jene Sessions vollständig erscheinen, die das Coltrane-Quartett am 6. März 1963 im Studio von Rudy Van Gelder aufgenommen hat. Coltranes Sohn Ravi hat die zwischenzeitig verschollenen Bänder im Nachlass der ersten Frau seines Vaters, Juanita Naima Coltrane, entdeckt. Man hört darauf eine Band, die sich am Beginn einer künstlerischen Metamorphose befindet: Zwei Jahre später wird sie in den Free Jazz explodieren (und im selben Studio das epochale Ascension-Album aufnehmen), hier aber flirrt ihre Musik noch im Zwischenraum zwischen Tradition und Revolution. Neben der Operettenmelodie gibt es eher klassische Bluesnummern wie das nach seiner Bandnummer betitelte 11383 oder eine zarte Version der Nat-King-Cole-Ballade Nature Boy, aber dann auch einen elfminütigen Slow Blues, in dem Coltrane so erhitzt und wie durch sein Instrument singend über einem einfachen Schema improvisiert, dass die kommende Erschütterung der musikalischen Konventionen sich hier schon ankündigt wie eine Druckwelle aus der Zukunft.



© Caroline

Nine Inch Nails: "Bad Witch" (Caroline)

Der beliebteste Schmerzensmann der vergangenen Jahrzehnte, gewissermaßen der Franz Léhar des Industrial Rock, ist der aus Pennsylvania stammende Komponist und Sänger Trent Reznor. Mit seiner Gruppe Nine Inch Nails wurde er in den Neunzigerjahren zum Helden der persönlich und weltanschaulich verwirrten westlichen Jugend. In Stücken wie Heresy, Throw This Away und Piggy gelangen ihm immergrüne Sinnsprüche für den pubertären Selbsthass und Weltschmerz; "die Welt lehnt mich ab / sie hat mich weggeworfen" hieß es darin oder auch "nichts kann mich mehr aufhalten / denn mir ist alles egal". Mit Closer trat Reznor nach Kurt Cobains Tod 1994 dessen direkte Nachfolge als Pop-Depressionist an. "Hilf mir, von mir selbst wegzukommen", heißt es ganz cobainsch darin. Als Mittel zur erkenntnissteigernden Selbstüberschreitung wählte er dann jedoch nicht den Selbstmord, sondern den Sex: "Ich will dich ficken wie ein Tier / so bringst du mich näher zu Gott" – seinerzeit zweifellos einer der meistzitierten und -mitgesummten Refrains im Pop.

Auf der neuen Nine-Inch-Nails-Platte Bad Witch – dem Abschluss einer bei ihrer Wiedervereinigung im Jahr 2016 begonnenen Trilogie – steigt die Band nun jedoch eher in die Hölle hinunter. Soweit Sex in den sechs neuen Songs eine Rolle spielt, findet er in feuchten Verliesen und unter Zuhilfenahme rostiger Metallgegenstände statt. Die Beats rumpeln und pumpeln in fabelhaft verliesfeuchter Weise, während Trent Reznor dazu mit verzerrter Stimme irgendetwas Nihilistisches schreit. An den besten Stellen, etwa in dem Stück Play the Goddamned Part, winselt dazu noch ein Saxofon wie der Geist einer frisch gemeuchelten Jungfer oder man hört das Betriebsgeräusch eines sehr alten Modems. Die Liedästhetik jugendlicher Selbstfindungsprobleme haben Nine Inch Nails erfolgreich in klingenden Selbsthass für alle Altersklassen verwandelt: Bad Witch ist ein Alterswerk von zeitgemäßer Hoffnungs- und Ratlosigkeit, "time is running out / and I don't know what I'm waiting for", heißt es ganz passend am Ende.



© Ostgut Ton

Martyn: "Voids" (Ostgut Ton)

Für den niederländischen DJ und Produzenten Martyn gibt es zwischen Euphorie und Melancholie, Liebe und Schmerz, zwischen dem Harten und Zarten keinen Widerspruch. Er modelliert metallische Beats und umpuschelt sie mit Klangwolle, er komponiert gerade Technotracks und bringt diese mit winzigen Rhythmusverschiebungen und Klangdetails zum Schwingen und Schwirren. Seine Karriere hat Martyn – bürgerlich: Martijn Deijkers – vor 20 Jahren im Drum-'n'-Bass-Genre begonnen, mit jenen hypernervösen futuristischen Rhythmen, wie sie für die Klubmusik jener Zeit prägend waren. In den Nullerjahren färbte er seine Musik in Sepiatöne, man konnte zu seinen Tracks nun ebenso gut tanzen wie im Nieselregen durch ein menschenleeres Industriegebiet streunen; aus dem Futurismus wurden Erinnerungsbilder an verblichene Zukunftsvisionen.

Voids ist sein erstes Album nach einer krankheitsbedingten Pause, im Sommer 2017 erlitt Martyn einen Herzinfarkt. Während der Genesung, sagt er, habe er viel Jazz aus den Siebzigerjahren gehört – vor allem die Platten des M'Boom-Ensembles, einer von dem Schlagzeuger Max Roach zusammengestellten Truppe von Perkussionisten, die auf den unterschiedlichsten Schlaginstrumenten mit krummen Metren aller Art experimentierten. Von der spirituellen Lässigkeit jener Ära ist auch Voids nun gut beseelt: Martyn lässt sich viel Zeit, um Spannung aufzubauen und seine Dramaturgien zu entwickeln. Manchmal zögert er den Drop auch einfach dadurch hinaus, dass er erst mal ein kunstvoll leierndes Saxofon in das polyrhythmische Geklöppel flicht – um ebenso selbstverständlich die Rave-Sirenen anzustellen und die Energie der Musik abrupt zu verdichten. Die Traditionen von Techno und House hat Martyn ebenso verinnerlicht wie das britische Hardcore Continuum von Jungle bis Post-Dubstep. Voids wurzelt tief im musikalischen Erbe und klingt dabei absolut aktuell. Eine tolle und vor allem fabelhaft tanzbare Platte.



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Gorillaz: "The Now Now" (Warner)

Eher eindimensional positive Vibrationen prägen das neue Werk der Gorillaz. The Now Now, das sechste Album der Band, lässt sich in wesentlichen Zügen als Gegenentwurf zu dem Vorgängerwerk Humanz aus dem Frühjahr 2017 verstehen. War dieses von einer sorgenvollen Stimmung angesichts der beklagenswerten Gesamtverfassung des Planeten getragen sowie von einer fast unüberschaubaren Fülle an Gästen, herrscht nunmehr eine sommerlich entspannte Atmosphäre vor, und die politischen Kommentare zurzeit beschränken sich auf eine einsame Brexit-Anspielung: Im Eröffnungsstück Humility bekundet Damon Albarn, dass er nicht "isoliert" werden möchte. Abgesehen von zwei Sprechgesangsauftritten von Snoop Dogg und dem legendären House-Produzenten Jamie Principle singt er seine Songs diesmal auch selbst.

Prägender Co-Produzent ist James Ford von Simian Mobile Disco, weswegen die Songs einen leicht veralteten, aber nicht unangenehmen Ibiza-Disco-Flair verströmen. Auch ansonsten gilt: Sommerzeit ist Reisezeit. In dem Stück Idaho besingt Damon Albarn seine Urlaubserfahrungen in nämlichem Staat, er war dort bei Bruce Willis in dessen Skihütte zu Gast. Lake Zurich handelt davon, dass er von Zürich nach New York fliegen möchte und nun überlegt, ob er im Duty-free-Bereich noch etwas einkaufen soll; hier wurden die Beats regional passend mit Schweizer Kuhglocken und ein wenig untertourig groovendem Dandygenuschel nach Dieter-Meier-Manier aufgerüscht. Auch Magic City handelt vom Städtetourismus, es geht um eine Reise nach Miami, die Albarn offenkundig unter dem Einfluss berauschender Substanzen unternommen hat. Von allen bisherigen Gorillaz-Alben weist The Now Now die größte innere Geschlossenheit auf, allerdings um den Preis einer gewissen Monotonie; im Gesamtschaffen dieser weiterhin großartigen Band wird es künftig als Seitenwerk gelten.