Die Superstars des Pop haben den Trap für sich entdeckt. Ob Christina Aguilera, Katy Perry, Nicki Minaj, Drake oder Hans Hartz aka Casper – sie alle verlangsamen gerade ihre Rhythmusmaschinen und gehen mit dem Flow dieser unendlich lässigen Spielart des Hip-Hop. Auch Kanye West versucht auf seinem aktuellen Album Ye, seine bipolare Störung mit Trap zu therapieren. Und sogar im ZDF-Trailer der Fußball-WM trappen russische Rapper. Als zwischenzeitlicher Höhepunkt dieses Trends mieteten Beyoncé und Jay-Z nun den Louvre samt Mona Lisa, engagierten den Pop-Superstar Pharrell Williams als Produzenten, den Head-Designer des superhippen Modelabels Supreme als Regisseur und veröffentlichten das Video zu ihrem aktuellen Trap-Hit Apeshit – ein visuell umwerfender Kunstgeschichte-meets-Black-Power-Parforce-Ritt. Die Vorlage zum Song tauchte zwei Tage später im Internet auf: ein Demo der Band Migos, den aktuell populärsten Protagonisten des Trap. Plötzlich ist also alles irgendwie Trap – und alles irgendwie gleich.

Spulen wir mal kurz zurück: In den von Drogen und Gewalt geprägten Ghettos von Atlanta entstand in den Neunzigern der Südstaaten-Hip-Hop, auf den die musikalischen Elemente des Trap zurückzuführen sind. Sehr tiefer Bass, züngelnde Hi-Hats aus dem Roland-808-Drumcomputer, mehrdimensionale Synthesizer-Flächen, zunächst im schnellen Rhythmus und mit aggressiven Stimmen. Vor ein paar Jahren wurde das Tempo spürbar gedrosselt, von mehr als 100 auf nur noch rund 70 Beats pro Minute. Mit der langsameren Taktung entspannen sich auch die Rapper, sie schreien nicht mehr, nein, sie brabbeln, sie hüsteln, sie singen (oft unterstützt von Autotune), sie erzählen nun in einem unangestrengten Stakkato, gern in Form triolischer Phrasierungen.

Zunächst war das vor allem ein Thema für die Rap-Community. Bis im Januar 2017 plötzlich der Song Bad and Boujee von Migos auf Platz 1 der US-Billboard-Charts schoss – und dann viele Wochen lang dort oben blieb. Migos hoben den Trap mit einer bis dahin ungehörten vokalen Vielschichtigkeit auf eine neue Ebene: Stimmen als Rhythmusinstrument, Sprache als Soundmaterial, Thesen, Gegenthesen und darauf Kommentare in Form akustischer Emojis (genannt Ad-Libs) in derselben Zeile. Das Ganze in einer entspannten Grundhaltung – denn die Welt ist derzeit laut und unrhythmisch genug. Zum Entsetzen einiger anwesender Mainstream-Altstars wurden Migos bei der Golden-Globe-Verleihung sogar als die Beatles ihrer Generation bezeichnet.

In Deutschland haben Künstler wie Fler, Ufo361 und Yung Hurn den Trap schon früh eigenständig adaptiert. Doch mit dem Erfolg von Migos, Gucci Mane, Future und 21 Savage aus Georgia sind die Dämme gebrochen: Egal ob Schwesta Ewa, Ali As, Sido oder Cro – mehr als die Hälfte der Rap-Neuveröffentlichungen in Deutschland klingen nach Trap, inklusive dem unterirdischen Falco-Tribute-Album Leben um zu sterben. In den USA belegt Trap momentan sechs der ersten zehn Plätze in den Billboard-Top-100. Darüber hinaus fließen die prägnanten Soundstrukturen und Stimmphrasierungen seit einigen Monaten auch in viele Pop-Produktionen außerhalb des Rap ein. Eine industrialisierte Standard-Trap-Soße breitet sich aus, wie sie bei unkreativem Nachkochen eben so rauskommt, mit akuter Übersättigungsgefahr als Folge.

In den nächsten Monaten entscheidet sich also, ob Trap nur mal ein Trend für eine Saison ist, also ein kurz gehypter Sound, oder ob mutige Musiker etwas zu seiner längerfristigen künstlerischen Entwicklung beitragen können. Indem sie mit dem Sound spielen, indem sie ihn variieren, indem sie ihn mit ganz neuen Elementen kombinieren.