Melody's Echo Chamber – Bon Voyage (Domino) © Domino

Melody's Echo Chamber – Bon Voyage (Domino)

Einatmen, ausatmen, alles gut? Ach, wären die Wege zur Lockerung unserer überspannten Zeit doch immer so kurz, wie Melody Prochet es auf ihrer neuen Platte empfiehlt. "Breathe in, breathe out" singt sie im zweiten Stück und fleht sodann mit verhallender Engelsstimme, "there must be some kind of light to come". Wie auf ihrem Debüt fünf Jahre zuvor ist das schwedische Hippiemädchen bis in tiefere Schichten ihrer Batikkleider optimistisch, dass es nun aber wirklich bald Licht werde im Dunkel dieser zerrütteten Tage. Nur Sekunden, nachdem sie im Opener Cross My Heart bereits Querflöten, Scratching, Breakbeats, Gitarrensoli und Geigenteppiche zu einer mehrsprachigen Collage sommerlicher Zuversicht verwoben hat, mag das vielleicht naiv klingen. Zum einen jedoch ist Bon Voyage kein allzu weltliches, sondern ein planvoll entrücktes Album. Zum anderen hat Prochet die Indierocker Dungen ins Studio geladen. Sie drängeln ihre Landsfrau immer mal wieder mit einer sanften Tracht Krautprügel aus dem Blumenkinderland. Das Ergebnis ist ein Psychopop, der sein friedliebendes Publikum mit allerlei Wendungen von Gebrüll bis Autotune gelegentlich zum Hyperventilieren treibt. Feueratem nennt sich das im Eso-Fach. Soll sehr befreiend sein.

 

River Whyless – Kindness, A Rebel (Roll Call Records) © Roll Call Records

River Whyless – Kindness, A Rebel (Roll Call Records)

Hat sich der 76-jährige Paul Simon etwa kürzlich ein paar Aufputschmittel besorgt, um damit ins Sonic Ranch Studio nach Tomillo in Texas zu fahren? Der fröhlich durcheinanderscheppernde Folkpop von River Whyless klingt nämlich so spürbar nach dem Spätwerk ihres Urahnen, als wäre er bei der Herstellung dabei gewesen. Mit ungezügelter, ethnisch aufgeblasener Spielfreude wirbeln Ryan O'Keefe, Halli Anderson, Daniel Shearin und Alex McWalters auf Kindness, A Rebel die Referenzen alter Country-Helden und neuer Cowpunks so durcheinander, dass es sich abgesehen von ein paar schräg schönen Westernballaden gelegentlich selbst überholt. The Feeling of Freedom zum Beispiel klingt mit einem Herb-Alpert-Sample zu Beginn, als habe Paul Simon The Mamas and the Papas exhumiert, um mit ihnen eine Art hochgepitchten Squaredance anzuleiten. Anders als der vorwiegend beschwingte Sound suggeriert, sind O'Keefes Texte zu Andersons oft entfesselter Fidel aber oft von eindringlicher Mitteilungsbedürftigkeit übers Unrecht in der Welt und all die Krisen darin. Schön, dass man sich in diesem Fall davon nicht andauernd belehrt fühlt.



Mourn – Sorpresa Family (Captured Tracks) © Captured Tracks

Mourn – Sorpresa Family (Captured Tracks)

Vergleiche können nicht nur in der Musik, aber besonders dort schmeichelhaft sein, vergiftet oder schlicht unvermeidbar. Wer die 22-jährige Sängerin Jazz Rodríguez Bueno hört, kommt jedenfalls kaum umhin, darin Corin Tucker zu erkennen. Mitte der Neunziger hatte die der Band Sleater Kinney ein Tremolo verpasst, das die Tonlage der Riot Grrrls auf ein noch zornigeres Niveau hob. Heute, fast 25 Jahre danach, klingt die Sängerin der Garagenpunkband Mourn aus Barcelona ganz ähnlich wie die Wegbereiterin weiblicher Selbstbehauptung auf der männerdominierten Rockbühne – und das hat durchaus seinen Grund. Als Jazz Rodríguez Bueno 2015 mit ihrer jüngeren Schwester Leia, der Gitarristin Carla Perez und Antonio Postius am Schlagzeug kaum volljährig ein aufgebrachtes DIY-Debüt veröffentlichte, nahm die männliche Konterrevolution grad so herrisch Fahrt auf, dass neuer Bedarf an einer feministischen Gegenrevolte aufkam. Dennoch ist das dritte Album Sorpresa Family nicht grundlegend politisch. Die englischen Texte sind reizbar, aber nie parolenhaft. Der Furor entspringt eher den filigranen, vielfach messerscharfen Riffs, die das Schlagzeug mit mathematischer Präzision zerwühlt. All dies macht Mourn auch abseits des Gesangs bemerkenswert. Und angemessen sauer.

 

Adrian Younge & Ali Shaheed Muhammad (Linear Labs) © Linear Labs

Adrian Younge & Ali Shaheed Muhammad (Linear Labs)

Falls es einen Referenzrahmen zeitgenössischer Popmusik gibt, dessen Einflüsse nicht einmal annähernd ausgeschöpft, geschweige denn erschöpft sind, ist es die Black Music der Sechzigerjahre. Ohne deren Soul wären weder Funk noch Dance, weder House noch Rap denkbar, also auch nicht die Musik von Adrian Younge und Ali Shaheed Muhammad. Als Mitglieder von Hip-Hop-Legenden wie Ghostface Killah oder A Tribe Called Quest haben beide stets gierig im Fundus ihrer Ahnen gewühlt. Nun geben sie ihnen ein bisschen davon zurück und erweisen zugleich den Ahnen der Ahnen Respekt: The Midnight Hour heißt ihre Hommage an die Historie schwarzer Subkulturen seit der Zwischenkriegszeit. Unterstützt von gut einem Dutzend Kollegen an der Seite des Linear Lab Orchestra in Los Angeles schlägt es den Bogen vom Jazz der Harlem Renaissance in unsere Gegenwart. Die vielfach fast filmmusikalisch beschwingte Mischung aus Hammondorgel, Querflöte, Synthesizer, Percussion und einem Satz Bläser mit modernem R 'n' B klingt jedoch selten nostalgisch, allenfalls hochachtungsvoll. Und in jeder Sekunde so elegant, wie wir uns die Sixties wünschen.

 

Immersion – Sleepless (Swim ~ ) © Swim ~

Immersion – Sleepless (Swim ~ )

Instrumentelle Musik hat es nicht leicht. Fehlender Gesang wird, zumindest jenseits von Techno und Klassik, rasch als Mangel wahrgenommen. Da besonders Poptexte vielfach von erschreckender Schlichtheit sind, fragt sich allerdings: Was bringt die Stimme zum Ausdruck, das Gitarren, Keyboard, Synths nicht besser können? Beim Hören der neuen Platte des Krautrockduos Immersion lautet die Antwort: nichts. Wie zuletzt vor fast 20 Jahren walzt die israelische Universalkünstlerin Malka Spigel an der Seite ihres britischen Mannes Colin Newman analog und digital eingespielte Soundfragmente zu einer Fläche aus, die keiner sprachlichen Vertiefung bedarf. Noch elektronischer als auf den ersten drei Alben in den Neunzigern, erinnert Sleepless an einen generalüberholten Jean-Michel Jarre. Ständig fiept und raunt und pluckert es vielgestaltig über der mal sägenden, mal sanften Gitarre. Konsolengeräusche der Videospielära untermalen Spigels blubbernden Bass. Jazzige Rockdrums wechseln sich ab mit Breakbeat-Sequenzen. Dicht am Rande der Überfrachtung fließt alles ineinander, bis das Artifizielle naturalistisch klingt und umgekehrt. Gesang wäre da exakt ein Instrument zu viel.