"Er kann heulen, so viel er will – den ganzen Weg zur Bank." Mit diesen Worten reagierte Joseph "Joe" Jackson einst auf das Bekenntnis seines berühmtesten Sohnes, des Popkönigs Michael Jackson, er breche allein beim Gedanken an seinen Vater in Tränen der Angst aus. Er habe sich, sagte indes Vater Jackson 2010 in der Talkshow von Oprah Winfrey, nichts vorzuwerfen. Der Erfolg gebe ihm recht.

Über Tote, heißt es, soll man nichts Böses sagen. Aber für Freundlichkeiten gab einem Joe Jackson, der gestern im Alter von 89 Jahren an Krebs gestorben ist, nicht allzu viel Anlass. Selbst die fast 70-jährige Ehe mit seiner Frau Katherine steht im Schatten von notorischer Fremdgeherei und getrennten Heimen seit 1972.

Man findet in der Popgeschichte einige schwierige Vaterfiguren, darunter auch ein paar biologische Väter. Murry Wilson zum Beispiel, Vater und Manager der Beach Boys Brian, Dennis und Carl, war einer davon. Nicht nur prügelte, demütigte und drangsalierte er das Bandgenie Brian, bis dem alles Selbstbewusstsein ausgetrieben war. Er brachte ihn und die Band auch durch sein selbstherrliches Management um hohe zweistellige Millionentantiemen, als er die Rechte an ihren Songs verschleuderte. In jüngerer Zeit führte Beyoncé Knowles' Vater Matthew, Manager ihrer Girlgroup Destiny's Child, ein ausgesprochen disziplinäres und zumindest gerüchteweise eigennütziges Regime, das schließlich 2011 zum Abbruch der Geschäftsbeziehungen zu seiner Tochter führte.

Aber keiner, so scheint es, führte sich derart despotisch auf wie Joe Jackson. Mit routinierter Gewalt und Psychoterror zwang er die Brüder Jermaine, Tito, Jackie, Marlon und Michael zur Soul-Boygroup The Jackson Five. Von 1969 an eroberten sie als erste schwarze Gruppe die weißen Mainstreamcharts.

Joe Jackson züchtigte seine Kinder nach brutaler Manier, und als Michael, ohnehin sensibel und unsicher, Komplexe wegen seiner breiten Nase zeigte, verspottete er ihn als "big nose". Michael feierte seine Volljährigkeit mit der Verpflichtung eines eigenen Anwalts – und feuerte wenig später den Vater als Aufseher seiner spektakulären Solokarriere. Im Testament bedachte er Joe nicht, der wiederum den Rummel um Michaels Tod 2009 ungerührt zum Anlass nahm, sein neues Label zu bewerben.

Schwarz und arm in den USA

Auch alle anderen Jacksons verzichteten im Lauf der Zeit auf Joes Dienste, nachdem er gleichsam als letzte große Amtshandlung 1975 die Jackson Five von Epic aus dem Motown-Vertrag kaufen ließ und damit praktisch seinen Sohn Jermaine aus der Band trieb – der war mit der Tochter des Motown-Chefs Berry Gordy verheiratet.

Joe Jackson hatte die eigene Karriere als Boxer und Musiker (er war in den Fünfzigerjahren Gitarrist einer R-'n'-B-Band namens The Falcons) früh drangeben müssen, bis zum Erfolg seiner Söhne arbeitete er als Kranführer und Schweißer in den Stahlwerken von Gary, Indiana, wohin er 1950 mit seiner Frau Katherine gezogen war. Auch seine Kindheit – zunächst in Arkansas, dann in Kalifornien – prägte bis zur Scheidung seiner Eltern, als er zwölf war, ein prügelnder Vater. Einen Teil von Joe Jacksons Härte darf man auch in der Erfahrung der faktischen Segregation in Indiana vermuten. Schließlich hatte er nicht nur erfahren, wie schwer es war, sich in der Unterhaltungsindustrie durchzusetzen. Er erlebte mit seinen neun ehelichen Kindern (es gibt eine uneheliche Tochter) auch, was es hieß, in den USA arm und schwarz zu sein. Und so schickte er seine Söhne seit 1963, mit dem fünfjährigen Michael als besondere Attraktion, auf den sogenannten Chitlin' Circuit, also auf Touren durch jene Clubs, in denen schwarze Künstler unbehelligt auftreten durften.

Joe Jackson vertrat einen sehr typischen amerikanischen Sozialdarwinismus, demzufolge sich die Welt in Gewinner und Verlierer teilt – und es für schwarze Loser erst recht keinen Platz gibt: "Ich habe sie immerhin auf den rechten Pfad gebracht und vor dem Gefängnis bewahrt", erklärte er. Aber tatsächlich gelang ihm viel mehr: Als Lohn der Schinderei wurden die Jacksons zum erfolgreichsten Act des Erfolgslabels Motown. Michael wurde, wie man weiß, einer der größten Stars des 20. Jahrhunderts, und seine kleine Schwester Janet steht ihm in wenig nach. 1966 geboren, trennte sie sich 1986, vor ihrem dritten Album und kommerziellen Durchbruch Control, von ihrem Managervater. Ihr zumindest war die Gewalt erspart geblieben, aber auch sie hatte den kühlen, distanzierten Ehrgeiz von Joe Jackson zu spüren bekommen. "Er hat getan, was er für richtig hielt und wie es seiner Erfahrung entsprach", sagte sie 2011. "Ich teile seine Ansichten nicht, aber er wusste es nicht besser – und wir sind ihm schließlich gut gelungen."