Es passiert 2018 eine ganze Menge im Jazz. Selten gab es derart viele großartige, zum Teil sogar innovative Veröffentlichungen wie in diesem Jahr. Ob nun Marcus Millers Laid Back oder Michael Wollnys Oslo/Wartburg-Doublette, Kurt Ellings The Questions und der offenbar in einen Jungbrunnen gefallene Rolf Kühn mit Yellow + Blue – nicht zu vergessen das neue Epos Heaven & Earth des gefeierten Neulings Kamasi Washington: Sie alle machen Musik mit Ausrufezeichen. Doch Schlagzeilen produziert so etwas allenfalls in Ausnahmefällen. Kurzmeldungen vielleicht, wenn überhaupt. Willkommen in der Nische.

Selbst wenn es angebracht wäre – der mancherorts inflationär verwendete Terminus "Sensation" gehört heute in diesem Genre kaum zum journalistischen Besteck. Natürlich wirft das ein trauriges Licht auf den Ist-Zustand des Jazz, der seine Relevanz hauptsächlich aus der Vergangenheit ableitet, aus den Zeiten, in denen alles irgendwie ein wenig mystischer, aufregender war und Legenden noch an jeder Straßenecke durch den Asphalt wuchern konnten. Und gerade erleben wir wieder so ein Phänomen, erhitzt von Superlativen, Spekulationen, Spinnereien, als müsste die gesamte Geschichte der modernen Musik neu geschrieben werden.

An diesem Freitag erscheint ein neues, bislang unentdecktes, komplettes Studioalbum des Saxofon-Gottes John Coltrane beim Traditionslabel Impulse. Eine Nachricht, die über eine ähnliche Sprengkraft verfügt, als hätte man irgendwo in einem Reisekoffer John Lennons die Bänder eines bislang unbekannten Beatles-Werkes gefunden oder auf einem Salzburger Speicher die Noten für Mozarts 22. Oper entdeckt. Möglich ist natürlich alles. Passiert so etwas aber tatsächlich einmal, dann geht ein gewaltiges Beben durch die Szene, und es scheint, als habe sie nur auf einen Erweckungsmoment wie diesen gewartet. Der geborgene Schatz trägt den sibyllinischen Titel Both Directions At Once – The Lost Album, was im Prinzip schon die Programmatik des Überraschungseis beschreibt, das der größte Saxofonist aller Zeiten auf dem Scheitelpunkt zwischen der abschwellenden Bebop-Welle und seiner spirituellen, ekstatischen, in die kosmischen Weiten des Freejazz reichenden Höhenflüge ausbrütete.

Man schrieb den 6. März 1963. Für John Coltrane, damals 37 Jahre alt und langsam aber sicher dabei, seine Ehe und sein Leben komplett an den Jazz zu verlieren, ein Tag wie jeder andere. Wenig bis gar kein Schlaf, stundenlange, selbstzerfleischende Übungsexzesse, fast jeden Abend Gigs im New Yorker Birdland, daneben noch die Planungen für die Aufnahmen mit dem Sänger Johnny Hartman, die tags darauf über die Bühne gehen sollten, sowie die Vorbereitungen für das Album Impressions. Warum er trotz dieses prall gefüllten Terminkalenders in die Studios von Rudy van Gelder in Englewood Cliffs fuhr, auf die andere Seite des Hudsons, lässt sich nur erahnen. Vielleicht folgte er einfach seinem Instinkt, ahnend, dass er just in diesem Moment wahrscheinlich die Höhe seiner Spielkunst erreicht hatte, die es unbedingt galt, zu dokumentieren.