Radikale Selbstentblößung ist auch eine künstlerische Strategie. Die Frage ist bloß, wie sie in Form gebracht wird in einem Kunstwerk. Und wie man als Rezipient damit umgeht, wenn der Inhalt dieses Werks einem den Rückzug zu versperren scheint auf die beruhigende Position, von der aus sich leicht sagen lässt: Hey, das ist ein Kunstwerk, das muss man nicht eins zu eins nehmen.

Im Musikgenre Hip-Hop zum Beispiel spielen Rapper traditionell gerade mit der Uneindeutigkeit ihrer Sprecherposition. Alles Gesagte soll total authentisch sein, dem echten Leben abgeschrieben, je härter und direkter, umso besser; es ist based on true facts, aber erkennbar übertrieben und zugespitzt. Und beim Zuhören läuft einem der Schauer des vermeintlich Realen die Hirnrinde runter.

"I hate being Bi-Polar it’s awesome" – "Ich hasse es, bipolar zu sein, es ist großartig": Das steht handschriftlich hingekritzelt auf dem Cover von Kanye Wests neuem Album namens Ye. Offensiver lässt sich mit der psychischen Erkrankung kaum umgehen, unter der der Rapper offenbar leidet; er will sie aber eben nicht als Leiden verstanden wissen, denn sie sei ja großartig.

Seine bipolare Störung sei keine Behinderung, rappt West auf dem neuen Song Yikes, sondern seine "superpower", seine Superheldenkraft. Und gleich auf dem ersten Stück von lediglich sieben des neuen, nur wenig mehr als 20 Minuten langen Albums spricht West in einem Konversationston, so als unterhalte er sich gerade mit jemanden, nicht nur über Mordfantasien, die er dieser Person gegenüber heimlich gehegt habe, sondern auch über eigene Suizidfantasien. Dabei liebe er sich selbst doch noch viel mehr als die Person, die er insgeheim töten wollte, heißt es in I Thought About Killing You.

Es ist unheimlich. Eigentlich möchte man das alles gar nicht wissen. Oder eben genau doch. Ye ist, auf der Textebene, ein weiteres Dokument der Verstrickung zwischen einem Künstler und einem mehr oder weniger geneigten, womöglich auch eher fasziniert abgeschreckten Publikum, das nicht mehr genau wissen kann (oder will), ob es seit Jahren einer Tragödie oder einer Farce folgt. Inszeniert West das alles – oder widerfährt es ihm wirklich? Und ist die Anlehnung ans Drama womöglich bereits der völlig falsche Ansatz? Bei West vermischt sich alles, nichts ist mehr voneinander trennbar.

Die Fragen werden nur immer mehr. Ist der öffentliche West eine Kunstfigur oder eine wie auch immer als "authentisch" zu begreifende Person des öffentlichen Lebens? Sind seine Tweets nicht auch längst als sozial-mediale Form von Kunst zu betrachten? Tweets, in denen er mal Donald Trump huldigt und mal die Sklaverei als "choice" bezeichnet, als freiwillige Entscheidung und eben nicht als Zwang und Schicksal von Afroamerikanern bis weit ins 19. Jahrhundert hinein? Oder meint West das wirklich ernst? Sind seine Treffen mit Trump als Publicity-Stunts zu verstehen, oder besucht da einfach ein Fan seinen Helden? Und taugen all die Kategorien überhaupt noch, in denen traditionell Kunst, Künstler, das Künstlerische schlechthin gefasst werden, um Kanye West zu beschreiben? Die Psychopathologisierung seines Werks wäre nun aber wirklich nicht die Lösung.

Die sieben Stücke von Ye lassen sich als musikalische Äußerungen jedoch kaum getrennt vom Textinhalt betrachten (ja, es gibt ein, zwei wirklich gute Songs, etwa Ghost Town, eine Art gitarrenvergniedelter Soultrack). Als Erzähler seiner selbst wirkt West bestenfalls nicht sonderlich reflektiert, wenn er etwa über die vermeintlich segensreiche Wirkung philosophiert, die Töchter auf einen Vater haben – der Mann als solcher ist in Wests Darstellung stets das potenzielle Monster, dessen Zivilisierung der Mann an die Frauen in seinem Leben delegiert. Herzlichen Glückwunsch an alle Beteiligten.

Manche Stellen sind auch einfach abstoßend, wenn West etwa die Vorwürfe thematisiert, die verschiedene Frauen zuletzt gegen Russell Simmons erhoben haben, den einstigen Mitgründer der Plattenfirma Def Jam. Es geht um mögliche sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung: Da verwendet West den Hashtag MeToo als Verb, so als seien Berichte mutmaßlicher Opfer sexualisierter Gewalt eine neue Frauensportart, und fantasiert sich mal kurz in Simmons' Lage hinein. Die Nonchalance, mit der er das tut, ist bloß noch ekelhaft. Und eigentlich geht es in dem Song dann ja doch vor allem um Wests Umgang mit Betäubungsmitteln.