Li Lykke Zachrisson hat als Lykke Li seit 2008 drei Alben veröffentlicht. Angefangen mit Teendramen wie "Little Bit" und dem LP-Debüt "Youth Novels" sang sich die 1986 geborene Schwedin in die obere Liga des internationalen Pop. Vor vier Jahren bekam sie ihr erstes Kind, den Sohn Dion, mit dem amerikanischen Starproduzenten Jeff Bhasker. Sie lebt seit 2012 in Los Angeles, wo sie gerade ihr viertes Album "So Sad So Sexy" aufgenommen hat, das am 8. Juni erscheint. Leicht gejetlagged sitzt sie zum Interview, in Schwarz mit blondiertem Haar, in einem Berliner Hiphotel und lässt die Beine quer über einen Plüschsessel baumeln.

ZEIT ONLINE: So Sad So Sexy heißt ihr neues Album. Können Sie uns diesen Zusammenhang erklären?

Lykke Li: Wenn du die Phase deines Lebens erreicht hast, in der du wirklich Frau geworden bist, hast du üblicherweise jede Menge Mist hinter dich gebracht. Du fühlst dich stark. Und sexy, weil Verletzlichkeit sexy ist. Ich glamourisiere das ein wenig. Aber darum mag ich auch europäische Filme so: weil es darin diese wilden und ungekämmten Frauen gibt, die "Je t'aime!" schreien.

ZEIT ONLINE: Ihr Debüt von 2008 hieß Youth Novels, Ihre bisherigen drei Alben verstehen Sie als Trilogie. Beginnen Sie jetzt die Grown Up Novels?

Lykke Li: Die Musik ist komplexer, also ja. Aber ich hatte nicht auf eine Trilogie hingearbeitet, sondern eben einen Vertrag über drei Alben. Beim dritten fiel mir auf, dass mit dem Abschluss der Zwanzigerjahre ein Kapitel zu Ende geht – wenn dein Thema die Liebe ist, musst du verstehen, dass sie als Twen anders aussieht, noch nicht erwachsen ist. Mit 30 fängt ein neues Kapitel an.

ZEIT ONLINE: Kommt daher die neue, elektronische Dunkelheit? Die Anlehnung an Future-R'n'B zum Beispiel?

Lykke Li: Ich bin ja vor einiger Zeit nach Los Angeles gezogen und fühlte mich nach I Never Learn 2014 mehr oder weniger im Ruhestand. Ich hatte keinen Plattenvertrag mehr – und einfach Lust, ein bisschen zu experimentieren. Weniger eine klare Entscheidung als einfach die Stimmung, in der ich war.

ZEIT ONLINE: Bisher haben Sie immer mit Björn Yttling gearbeitet. Diesmal gibt es einen ganzen Haufen Produzenten, von Frank Oceans Malay bis zum EDM-Star Skrillex.

Lykke Li: Es sind ungefähr 1.600 (lacht). Es war sehr collagenhaft und modern. Natürlich hat man mich auch vorher oft gefragt, ob ich mit diesem oder jenem Produzenten zusammenarbeiten wollte. Wollte ich nicht. Aber jetzt hat mir viele neue Musik einfach so gut gefallen, Kendrick Lamar, Frank Ocean, Drake. Es lief dann eher so: Wer hat denn diesen tollen Song gemacht? Ach? Der ist grade in der Stadt? Da trinken wir zusammen einen Kaffee und schauen, was geht.

ZEIT ONLINE: Was war denn der entscheidende Arbeitsunterschied?

Lykke Li: Mit Björn saß ich am Klavier oder der Gitarre, ein Song hatte immer einen Titel, er beruhte immer auf dem Refrain und einem Grundgefühl – und das war meistens laaangsam. Diesmal war ich zum Beispiel mit T-Minus im Studio, der viel für Kendrick Lamar gemacht hat, und der probiert einfach mal Drumsounds aus, bis die Leute mit dem Kopf nicken. Dann kommt einer dazu und freestylt. Das habe ich diesmal auch getan. Man nimmt Bausteine und schichtet sie aufeinander. Die besten Songs, also sagen wir Beatles, Joni Mitchell, Harry Nilsson, gibt's ja sozusagen alle schon. Also muss man zeitgemäßer herangehen.

ZEIT ONLINE: Das Eröffnungsstück Ihres Albums, Hard Rain, haben Sie mit Jeff Bhasker produziert, dem Vater Ihres Kindes, mit dem sie auch in der Band Liv spielen. Der hat mit Leuten wie Beyoncé, Drake oder Kanye West zusammengearbeitet. Hat er Sie beeinflusst?

Lykke Li: Jeff hat mich bestimmt beeinflusst, aber ich habe bemerkt, dass ich das nicht wollte – ich wollte lieber mein eigenes Ding finden. Als ich ihm 2016 Hard Rain vorgespielt habe, war er gerade auf dem Weg zu Kanye und meinte: "Komm, spiel's ihm vor." Kanye war ganz begeistert und fragte: "Kann ich das haben?" Und ich so: "Äh, tja, vielleicht?" Zwei Tage später hatte er seinen Nervenzusammenbruch.

ZEIT ONLINE: Der letzte Titel heißt Utopia. Gibt es also Hoffnung?

Lykke Li: Na, Utopia endet ja auch eher traurig. Aber wenn man wie ich ständig von Mist zu Mist gestolpert ist – ich spreche von amtlicher Depression und selbstzerstörerischen Tendenzen –, dann denkt man sich irgendwann "Okay: Jetzt ist mal gut".

ZEIT ONLINE: Dazu gibt es ein Video aus Familienbildern.

Lykke Li: Meine Nachbarin ist die Filmemacherin Clara Cullen, sie hat ein Kind im selben Alter wie meines. Wir fanden beide, dass Mutterschaft nie realistisch abgebildet wird. Als ob man als Popkünstlerin lieber nicht darüber reden sollte oder man im Umkehrschluss zu einer Heiligen wird, die sich nur noch um Wäsche und Vesperboxen kümmert. Es gibt doch Raum dazwischen! Und da meinte sie: "Gib mir irgendeinen kleinen Song und ich mache ein Video."