© GOOD Music

Nas: Nasir (GOOD Music)

Musikjournalismus tut sich schwer mit Moral – vielleicht, weil Moral kein Promobudget hat. Die von den üblichen Hysterikern als Hysterie verschriene Debatte im Zuge der #MeToo-Bewegung thematisiert auch das alte Problem, wie man damit umgeht, wenn gute Kunst von schlechten Menschen gemacht wird. Mit Erstsemester-Endgültigkeit wie "Kunst ist vom Künstler zu trennen!" ist es da nicht getan, jedenfalls nicht, ohne sich von der Hoffnung zu verabschieden, dass Kunst etwas dazu beitragen kann, wie wir zusammenleben. Sie hat Verantwortung, oder, anders gesagt: Kunst ist nicht unschuldig.

Was eine lange Vorrede ist dafür, dass dem Rapper Nas, dessen Album Illmatic von 1994 vielen als die beste Rap-Platte aller Zeiten gilt, vorgeworfen wird, er schlage Frauen. "Er schlug mir mit der geballten Faust ins Gesicht und ich sah Sterne", schrieb vor zehn Jahren seine Exf-Freundin Carmen Bryan in ihren Memoiren; vor zwei Monaten sprach die R&B-Königin Kelis in einem Interview über ähnliche Erfahrungen aus jener Zeit, als sie und er als das Traumpaar des Hip-Hop galten. Er habe sie so oft geschlagen, dass sie am ganzen Körper Blutergüsse gehabt hätte. Eine Forderung, ein #TimesUp, war damit nicht verbunden. Vielleicht auch deswegen wurde die Veröffentlichung von Nas' Album Nasir, ganz von Kanye West produziert und Teil seiner frühsommerlichen Welle an Veröffentlichungen, kaum davon berührt.  

Nasir taucht hier eher aus Gründen der Vollständigkeit auf, weil ein Album des besten MCs betreut vom besten Produzenten ihrer jeweiligen Generation eben besprochen werden muss. Kurz: Das Album ist mittelmäßig, auf der aktuellen Kanye-Skala zwischen "solide, aber zu kurz" (Daytona von Pusha-T) und "Wegwerf-EP" (Ye) eher links als rechts, was den müden Beschwörungen von Neunziger-Mafiatum, den platten Conscious-Anflügen (Politiker lügen, Medien lügen auch) und gesichtslosen Beats nur zupasskommt – nicht auszudenken, wie zäh Nas' Spätwerk auf Albumlänge wäre. Ebenfalls nicht auszudenken: wie die Sache aussehen würde, wenn das Album ein Meisterwerk wäre.



© TDE

Jay Rock: Redemption (TDE)

Selten passte Rap-Arroganz so gut wie bei Top Dawg Entertainment (TDE). Das Label aus Los Angeles ist wirklich der top dog. 2017 hatte es mit Ctrl. von SZA das beste R-'n'-B-Album und mit Damn. von Kendrick Lamar gleich die Platte des Jahres herausgebracht. Die Qualitätskontrolle funktioniert also, aber eine genauere TDE-Ästhetik jenseits der schleppenden Drums und melancholischer Loops zu beschreiben, fällt nicht leicht. Was alle Künstler eint, ist eine merkwürdige Reife. Es gibt Gags, aber es geht um wichtige Dinge, wie das Leben zum Beispiel.

Jay Rock gehört zur zweiten Reihe des Labels – vor ein paar Jahren wurde ihm das Sequel zum Kendrick-Hit Money Trees zugeschanzt, und auch auf Rocks Album Redemption hat der TDE-König einige Gastauftritte, mal als Hook-Sänger, mal mit Gastvers. Aber Rock hat solche Unterstützung gar nicht nötig, er kann auf eigenen Beinen stehen und solo ein ganzes Album bestreiten. Die ausgewählten Gäste – Jeremih für den sex jam, Future für shit talking, SZA für das emotionale Herzstück – schaden der Platte natürlich trotzdem nicht.

Wie Damn. beschreibt Redemption eine Suche nach dem besseren Leben nicht über Exzess und Konsum, sondern über eine Ausgeglichenheit mit der Welt. Rock ist nicht so exzentrisch wie Lamar und auch kein stimmlicher Seiltänzer, aber eben auch kein stumpfer Straßenbeschwörer oder im Underground Hängengebliebener. Dass man ihn am besten darüber definiert, was er nicht ist, zeigt entweder, dass er eine Ausnahmeerscheinung ist, oder, wahrscheinlicher, einfach ein grundsolider MC. Auf jeden Fall hat er das beste Rap-Album des bisherigen Jahres gemacht.




© Outside Music

Jill Barber: Metaphora (Outside Music)

"I hooked your heart", bekennt die kanadische Singer-Songwriterin Jill Barber auf einem der sonnigen Songs ihres Albums, und verspricht nicht zu viel. Der Haken ist in diesem Fall, wie sie heart singt, nämlich, als wäre irgendwo in dem Wort ein y versteckt. Von solchen Finessen zwischen Meisterschaft und Exzentrik lebt Barbers Musik. Sie ist im besten Sinne schlicht geschrieben, immer an Motown und Brill Building orientiert und mit etwas kanadischem Folk von allzu großer Bubblegumhaftigkeit befreit.


Mithilfe der zwei kanadischen Indie-Größen Ryan Guldemond und Gus Van Go hat Barber ihre Musik ins 21. Jahrhundert geholt, auch wenn das Jahr 2018 eher thematisch gestreift wird. Widerstand gegen Sexismus und Übergriffigkeit und die Probleme der Liebe jenseits von will they, won't they werden verhandelt. Viel davon – das ist die Größe dieses angenehm kleinen Albums – kommt über Barbers Performance, die ausdrückt, was die Vorbilder, wenn überhaupt, nur andeuten konnten oder wollten. Jill Barber kann leere Pop-Phrasen wieder mit Bedeutung füllen.



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Howlin' Rain: The Alligator Bride (Silver Current Records)

Bandname und Albumtitel klingen natürlich so, als hätte man einen Computer 1.000 Stunden lang Classic Rock hören und dann ein Album aufnehmen lassen – warum nicht gleich Crocodile Woman oder Lizard Queen? Aber von den musikalischen Krokolederjacken der Band aus der verlorenen Gegend in Nordkalifornien perlt jeder Plastikvorwurf ab. Rick Rubin hat sie in den Nullerjahren für sein Label entdeckt, sie durch eine harte Schule geschickt – 150 Songs musste die Band für ihr Album The Russian Wilds schreiben – und sie dann fallenlassen, als der große Erfolg ausblieb.

Jetzt sind Howlin' Rain frei wie Regen in der Wüste und machen ohne Kompromisse jene Musik, die in den Siebzigern das Erdöl knapp werden ließ: Bluesrock mit Gejaule, trockenen Riffs und gelegentlichem Gniedelfaktor. Aber trotz der Gitarrenmackerpose nimmt sich der Frontmann Ethan Miller nicht zu ernst, obwohl Themen wie Selbstzerstörung ständig wiederkehren. Er schielt, in Gesang und Haltung, auf Eric Clapton nicht als Bluesgott, sondern als ernsthaft kaputte Seele mit kaputten Venen, die glaubte, jeder Riff könnte der letzte sein. Das sind die erhebenden Momente der Platte, der man im Ganzen das große Kompliment machen kann, dass man die Songs ohne Aufhebens unter die Playlist eines Grunzrocksenders mischen kann. Bis allen klar wird, wie vergiftet dieses Lob ist, gibt es noch einen Stampfer.